Thees Uhlmann

Tomtes Sänger mag Wahrhaftigkeit – und Bier

| Lesedauer: 9 Minuten
Eva Eusterhus

Foto: ddp

Die Hamburger Band Tomte hat ein neues Album veröffentlicht. Ungewöhnlich ist nicht nur der Titel der Platte – auch der Klang unterscheidet sich von früheren Werken. Im Gespräch mit Morgenpost Online erklärt Frontmann Thees Uhlmann, was es mit dem Namen auf sich hat, und warum Pathos auch in Deutschland notwendig ist.

Die Lieder der Band Tomte handeln normalerweise von den Straßen der Stadt, von Heimweh und Sehnsucht, von Ankommen und vom Aufbrechen. Die neue Platte klingt anders, dennoch gibt es wie immer auch viel Pathos. Sänger und Liedschreiber Thees Uhlmann, 34, Pendler zwischen Berlin und Hamburg, nennt das Leben. In einem schmucklosen Konferenzraum des Media Marktes in Altona sitzt der junge Vater vor einem Teller Käsebrötchen und lacht oft. Vielleicht sind es die Zahnlücken, die an Schauspieler Jürgen Vogel erinnern.

Morgenpost Online: Das neue Tomte-Album heißt „Heureka“, zu Deutsch „Ich hab's“. Warum ausgerechnet dieser Titel?

Thees Uhlmann: „Heureka“ soll Archimedes der Legende nach nackt durch die Stadt laufend gerufen haben, nachdem er in der Badewanne das nach ihm benannte Prinzip zur Auftriebskraft entdeckt hatte. Tomte hat zwei Bandausstiege seit dem letzten Album verkraften müssen. Schlagzeuger Timo Bodenstein ging aus familiären Gründen und Bassist Olli Koch, weil sein Handgelenk im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr mitspielte. Dass die Band dann trotzdem weitermacht, auch in dunklen Stunden, und weiter daran glaubt, das war für uns so ein „Heureka“-Moment. Außerdem geht der Titel auch in die Richtung „über 30 sein, und immer noch gern Texte schreiben“. Das Gefühl zu haben, etwas sagen zu wollen. Wir haben immer noch was zu sagen. Die ganze Band genießt die Arbeit. Das ist nicht ganz unwichtig, schließlich ist so eine Band eine intime Sache. Unser Tourbus ist sechs Quadratmeter groß – wenn man sich da nicht mag, hat man ein gottverdammtes Problem.

Morgenpost Online: Tomte gibt es jetzt seit 16 Jahren. Die neue Platte ist anders. Facettenreicher, weniger technisch, handgemachter. Statt Synthesizer erklingt ein Piano.

Uhlmann: Für uns als Band ist die Platte allein deswegen anders, weil wir bei den Aufnahmen als Band zusammen im Studio gespielt haben. Normalerweise wird heute jedes Instrument einzeln als Computer-Datei aufgenommen. Damit kriegt man diesen klaren Stadion-Breitband-THX-Krieg-der-Sterne-Sound hin. Diesmal war es uns wichtiger, wieder als Band gemeinsam Musik zu machen – und um uns so auf Zufälle einzulassen. An einer Stelle im Album am Ende eines Liedes hört man einen Vogel zwitschern. Das Fenster im Studio war auf. Kurzum: Es hat seit fünf Jahren nicht so viel Spaß gemacht, bei Tomte mitzuspielen.

Morgenpost Online: Allen Veränderungen zum Trotz seid ihr nach wie vor pathetisch. Das ist selten für Musik aus Deutschland. Die Deutschen scheuen sich vor großen Gefühlen. Woran liegt das?

Uhlmann: Das ist ganz interessant: Im Amerikanischen gibt es gar kein Wort für Pathos. Es gibt „pathetic“, aber das bedeutet soviel wie „erbärmlich“ oder „herzergreifend“. Ich empfinde das, worüber ich schreibe, nicht als Pathos. Es ist mein ganz normales Leben. Das klingt jetzt trivial, aber Schreiben bedeutet Erinnern. Hinzu kommt, dass mein Leben nicht besonders groß ist. Sein Leben (er zeigt auf Keyboarder Simon Frontzek) ist auch nicht besonders groß und deins wahrscheinlich auch nicht. So ist das Leben. Man lebt gern. Man lebt so vor sich hin, manchmal ist es schön, manchmal ist es nervig, häufig ist es nervig. Aber wenn dann auch noch Musik kommt und dir sagt, dein Leben ist klein und unbedeutend und du wirst dich nie in deinem Leben unsterblich verlieben, dann ist der Song bestimmt nicht von mir.

Morgenpost Online: Sind die Deutschen, was große Gefühle angeht, verklemmt?

Uhlmann: Wir waren mal mit einer israelischen Band auf Tour, und der Sänger sagte zu mir: „Ihr Deutschen habt einen Stock im Arsch, wenn es um große Gefühle geht.“ Das trifft es ganz gut. Man muss auch im Normalen und Kleinen die großen Geschichten erzählen. Ich mag Wahrhaftigkeit. Aber ich mag auch Bier.

Morgenpost Online: Wenn Tomte in den Texten auf Hamburg schaut, hört sich das lakonisch an: Wie sieht's aus in Hamburg / Ist das Wetter noch intensiv / Sind die Bars noch laut wie Kriege / Weißt du, mit wem du gestern schliefst? Trotzdem hast du offenbar Heimweh?

Uhlmann: Total. Wir sind ja vor drei Jahren nach Berlin gezogen. Es hat in dieser Zeit oft die Situation gegeben, da habe ich zu meiner Freundin gesagt: „Wollen wir heute nicht zurück nach Hamburg ziehen?“ Ich habe zuvor ganz lange auf St.Pauli gelebt, Nummer 126 über „Crazy Jeans“. Mir gefällt das Konzept dieses Stadtteils: Du bist so, ich bin so, wir treffen uns aber in diesem Viertel, und irgendwie werden wir zusammen leben können. Das klappt dort, bis auf einzelne Randerscheinungen, sehr gut. Deswegen gefällt mir Hamburg. Die Luft, die Stadt, der Fluss. Ich musste erst nach Berlin ziehen um festzustellen, dass ich Hamburger bin.

Morgenpost Online: In „New York“, einem Lied auf dem letzten Album, zeichnest du ein Bild von Amerika ganz ohne Hehl und ohne Spott. Das überrascht, weil Antiamerikanismus für deine Generation selbstverständlicher ist als Sympathie für Amerika. Woher kommt diese Zuneigung?

Uhlmann: Zuallererst ist es das Land, das uns vom Faschismus befreit hat. Dann habe ich zwei Drittel meines Lebens mit amerikanischer Popkultur zugebracht. Ich bin auch gern dort. Was die Leute beim Amerikaner gemeinhin als oberflächlich bezeichnen, ist für mich eine ganz einleuchtende Sache: Dieses Land ist so groß, wenn wir uns ab und zu schon mal in der Steppe treffen, dann lass uns nicht anschnauzen, dann lass uns einfach zwei Minuten nett zu einander sein. Hinzu kommt, dass ich dank dieser amerikanischen Oberflächlichkeit schon zehn Mal umsonst irgendwo übernachten durfte. Wir können uns auch gern zwei Stunden über die Probleme dieses Landes unterhalten, und mir ist auch völlig egal wer die Wahl gewinnt, aber eins will ich nicht mehr sehen: Anti-Bush-T-Shirts in Deutschland. Weil es einfach blinder Antiamerikanismus ist und sich Vollidioten einen politischen Anstrich geben, um bei einem Mädchen zu landen.

Morgenpost Online: Du wolltest mal so werden wie die Showmasterlegende Rudi Carrell. Hast du heute andere Vorbilder?

Uhlmann: Ich habe als Vierjähriger gesagt, dass ich Showmaster werden wolle, weil ich Rudi Carrell einfach wahnsinnig toll fand. Ich fand's super, wie der aussah. Vor vier Wochen war ich auf dem Leonard-Cohen-Konzert in Wien. Der hat einfach eine wahnsinnig gute Ausstrahlung. Ich will mich nicht ansatzweise mit ihm vergleichen. Nur wenn man über 30 Jahre ist, kein kleiner Junge mehr ist und immer noch Musik macht, während andere ins Büro gehen, da frage ich mich, „Mensch ist der Song wirklich gut und hast du auch in acht Jahren noch Bock, den zu singen?“ Und dann steht da dieser Mann mit Hut und ist so wahrhaftig mit seiner Musik, die er schon vor 40 Jahren geschrieben hat. Das hat Würde, das hat Stil. Das ist Lyrik. Über seine Lieder kann man im Deutschunterricht 45 Minuten reden. Man muss Lust an Sprache haben, man muss Lust haben, ehrlich zu sein, um eine gute Geschichte erzählen zu können. Dann werden und bleiben Texte auch gut und die Musik wahrhaftig.

Morgenpost Online: In der Musik geht es also vor allem um Durchhalten?

Uhlmann: Absolut. In Schwulenkneipen aufzutreten ist keine Strategie, um fünfzehn Jahre später die Berliner Wuhlheide auszuverkaufen. Rosenstolz macht das. Die haben mehr Respekt verdient als eine Band, die für zwei Jahre die Schnauze aufreißt, schnöselig den Rock in Niederschopfenhofen neu erfindet – und nach zwei Platten feststellt, dass es ihnen doch nicht egal ist, wenn sie auf dem Boden schlafen müssen.

Morgenpost Online: Einmal singst du davon, wie du durch die Nacht wanderst und Wache hältst, im Arm das Kind, das ruht. Du bist Vater geworden. Das merkt man dem Album allerdings nicht an…

Uhlmann: Das ist auch so gewollt. Kinder zu haben wird ja wahnsinnig spiritualisiert in dieser Gesellschaft. Ich kann damit nicht viel anfangen. Lisa ist jetzt 17 Monate alt. Nichts hat sich durch sie verändert – und alles. Es ist ein großes, schönes, arbeitsreiches Glück. Aber seien wir ehrlich, es ist auch das Normalste von der Welt. Weil ich nun mal ein 34-jähriger Affe bin – und Affen bekommen Kinder.

Morgenpost Online: Und wie lautet das Geheimnis deiner Beziehung?

Uhlmann: Meine Freundin herrscht. Ich reagiere. Klappt prima.