Bundeswehr

Wo Deutschlands Panzer rollen – ins Museum

Die alte Bundesrepublik war übersät mit militärischen Anlagen. Ein Besuch des Schießplatzes Munster und seines Panzermuseums.

Im Januar werden zum letzten Mal Wehrpflichtige zur Bundeswehr eingezogen. Theoretisch könnte die Wehrpflicht jederzeit wieder „aufleben“. Doch das Szenario, in dem das politisch durchsetzbar würde, malt man sich lieber nicht aus und zieht es vor, das Zeitalter der modernen Massenheere endgültig für beendet erklären. Heute schickt die „Zivilgesellschaft“ militärische Profis zu den Krisenherden dieser Welt.

Deutschland ist in Afghanistan in einen Krieg verwickelt. Das wäre bis in die Neunzigerjahre hinein undenkbar gewesen. Jetzt gehören am Hindukusch schießende, tötende und sterbende deutsche Soldaten zum alltäglichen Nachrichtengeräusch. Die deutsche Gesellschaft aber hat alles Militärische so gründlich ausgeschwitzt wie noch nie in ihrer Geschichte. Wie es in einer Mannschaftskantine nach einer mehrtägigen Gefechtsübung riecht, weiß heute kaum noch jemand. Diese Aromen gehörten aber zur Grundausstattung sowohl der Bundesrepublik als auch der DDR.

Reden wir von der alten Bundesrepublik, von der wir mehr verstehen. In ihrem Spätlicht erscheint sie zivil, rheinisch, hedonistisch. In den Achtzigerjahren begannen die Westdeutschen, sich an mediterraner Lebenskunst zu orientieren, schworen zumindest auf kalt gepresstes Olivenöl. Als die Deutschen aus der DDR dann 1989 anklopften und den Anschluss suchten, fiel aus sozialdemokratischem Politikermunde der legendäre Satz, dass einem doch Mailand näher liege als Dresden.

Man sollte sich vor solcher Verklärung der alten Bundesrepublik hüten. Sie war kein Paradiesgärtlein, sondern hoch gerüstet, übersät mit und unterhöhlt von Militäranlagen. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lebte vom Militär und der Rüstungsindustrie. So genannte strukturschwache Gebiete fanden den Anschluss ans wirtschaftswunderliche Lebensniveau um den Preis rasselnder Panzerketten und donnernden Artillerie-Trommelfeuers. Auch im Kalten Krieg wurde kräftig geschossen.

Jetzt sind wir endlich in Munster, einem Flecken in der recht menschenleeren Gegend zwischen Soltau und Uelzen, mitten in der Lüneburger Heide. Auf den beiden Truppenübungsplätzen, an die die Garnisonsstadt grenzt, detonierten in den Spätjahren der alten Bundesrepublik jährlich 130.000 Panzer- und Artilleriegranaten. Bis 1995 reduzierte sich diese Zahl um zwei Drittel. Es wurde ruhiger, als der Kalte Krieg vorbei war.

Der Dichter Hermann Löns ist nicht weit von hier begraben. Jedenfalls gibt es einen Grabstein. Dass der die richtigen Gebeine hütet, ist unwahrscheinlich. Die Knochen, die man hierher überführte, stammen aus einem Massengrab in Frankreich. Löns fiel im September 1914 bei Reims. Da hatte man in der von ihm besungenen Heideheimat gerade damit begonnen, Blaukreuz und Gelbkreuz in großem Stil zu erproben und zu produzieren, bei Munster, auf dem „Gasplatz Breloh“. Als man 1919 nach den Vorgaben des Versailler Vertrages damit begann, die gewaltigen Mengen chemischen Kampfstoffs zu vernichten, schleuderte eine gewaltige Explosion schleuderte zahllose Gasgranaten kilometerweit im Umkreis. Die Dekontaminierung ist auch nach 90 Jahren noch nicht abgeschlossen. Immer noch gibt es auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord rote Flächen, die nicht betreten werden dürfen.

Munster ist auch ein Naturreservoir

Wir waren zum Jagen nach Munster gekommen. Die Truppenübungsplätze sind ein Paradies für Hirsche. Tief verschneit lag die Heide, und als die Wintersonne rot am Horizont hing, zogen die Jäger, unter ihnen viele Soldaten, ihre Fotohandys aus den Taschen und waren tief ergriffen von diesem Naturschauspiel. Nach der Jagd brachte ein junger Offizier, der, wie er sagte, aus dem Deutschland östlich der Elbe stammt, einen Trinkspruch auf die Freiheit und „unser Vaterland“ aus. Dass er hier jagen könne, als Sohn einfacher Leute zusammen mit Prinzen und Grafen, sei doch eigentlich fast zu schön, um wahr zu sein. Wir hoben unsere Gläser und tranken das 20. Jahrhundert mit all seinen Kriegsgespenstern tot.

Aber es nistet in Munster doch noch in jedem Winkel. Seit 1893 übt deutsches Militär hier moderne Kriegsführung. Das Artillerietrommelfeuer des Ersten, der bewegliche Panzerkampf des Zweiten Weltkrieges, hier wurden die neuen Waffen erprobt, Strategie und Taktik entwickelt und geübt. Auch die Folgen des Krieges sind in die Kasernen- und Lagerwelt eingeschrieben. Hunderttausende Kriegsgefangene durchliefen im Ersten und Zweiten Weltkrieg Munster. Wehrmachtsangehörige wurden in der britischen Besatzungszone von hier aus entlassen und von der „Dienstgruppe 665“ nach Hause gefahren.

Viele dieser Deutschen im Dienste der Briten stammten aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße. Sie konnten nicht nach Hause und suchten in einem halbmilitärischen Zwischenreich eine neue Existenz. Der Bundesgrenzschutz und später die Bundeswehr eröffneten ihnen die Rückkehr in ein bürgerliches Leben. Eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Wiederbewaffnung müsste dem Phänomen, dass viele Entwurzelte über die Streitkräfte in der Bundesrepublik ankamen, besondere Aufmerksamkeit zuwenden.

Auch heute noch ist Munster der größte Standort des Heeres, Ausbildungszentrum für die Panzer- und Panzergrenadiertruppe, die Heeresfliegerabwehr und die Heeresaufklärung. Liegt es nur an den Temperaturen, dass einem das alles wie tief gefroren vorkommt? Die letzten klassischen Panzerschlachten westlicher Armeen sind wohl in den beiden Kriegen am Golf geführt worden. Auf den heutigen Kriegsschauplätzen ist für das Gefecht großer Verbände mit verbundenen Waffen, das man in Munster so schön üben kann, kein Platz. Was also wird aus der Stadt, die seit mehr als hundert Jahren vom Militär lebt? Die Nervosität ist groß, die Offizierskasinos sollen brodelnde Gerüchteküchen sein.

Munster hat seiner Militärgeschichte ein kulturelles Denkmal gesetzt: das Panzermuseum, einziges seiner Art in Deutschland. Es erfreut sich großer Beliebtheit und gehört mit 85.000 Besuchern im Jahr zur Fünf-Prozent-Spitzengruppe jener Museen, die mehr als 50.000 Besucher im Jahr anziehen. Im Winter ist es geschlossen. Wenn man dann allein zwischen all diesen stählernen Ungetümen durch die eiskalten Hallen wandelt, dann kommt man sich vor wie in einem Mausoleum des 20. Jahrhunderts, das nicht kalendarisch aber historisch begann, als der erste Kampfwagen „Wotan“ durch die Mondlandschaften der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges rumpelte, und das endete, als Nato und Warschauer Pakt begannen, ihre Panzerarmeen einzumotten.

Eigentlich verfolgt das Museum einen modernen Ansatz. Es will die technische Entwicklung der Panzerwaffe einbetten in Militär-, Sozial- und Kulturgeschichte. Aber jetzt schweigt alles elektronische Informationsbeiwerk. Die Panzer sind in einen tiefen Schlaf versunken. Sie seien alle fahrbereit, sagt unser Führer. Von „Hobbykommandanten“ würden sie regelmäßig gewartet. Sie könnten also wieder auferstehen aus ihrem Kyffhäuser. Wartet jemand darauf?