Pop

Stevie Nicks hält die Foo Fighters für Idioten

Seit 1974 steht Stevie Nicks mit Fleetwood Mac erfolgreich auf der Bühne. Die TV-Serie "Glee" brachte sogar einen alten Hit wieder in die Charts.

Ereignisarmut konnte Stevie Nicks nie beklagen. Seit sie und ihr Freund Lindsey Buckingham 1974 der Band Fleetwood Mac beitraten, war ihr Leben voller Drogen und Welterfolge. Mehr als 140 Millionen Platten hat Nicks solo und mit Fleetwood Mac verkauft, die Jahre 1974 bis 1986 in einem Kokainrausch verbracht, um gleich anschließend von einer Tablette abhängig zu werden, die sie von ihrer Kokainsucht befreien sollte.

Die späten Achtziger und die frühen Neunziger erinnert Nicks nur noch rudimentär. Doch als Überlebende ihrer eigenen Legende geht es der 63-Jährigen heute prächtig. Gerade hat sie ihr neues Album „In Your Dreams" (Warner) veröffentlicht. Weil ihr Terminkalender jedes Treffen vereitelt hat, musste das Interview am Telefon geführt werden.

Morgenpost Online: Frau Nicks , wie spät ist es bei Ihnen?

Stevie Nicks: Wir haben Mitternacht. Aber machen Sie sich keine Sorgen, für mich ist das nicht spät.

Morgenpost Online: Sie sind ein Nachtmensch.

Nicks: Wenn Sie so wollen. Ich gehe nie vor drei, vier Uhr morgens schlafen.

Morgenpost Online: Als Sie vor zwei Wochen am späten Nachmittag im Londoner Hyde Park aufgetreten sind, war es für Sie also noch früh. Sie trugen eine Sonnenbrille, und hinterher haben Sie sich dafür entschuldigt.

Nicks: Ja, weil es dem Publikum gegenüber nicht fair ist. Wenn man seine Augen bedeckt, versucht man, etwas zu verstecken – einen Kater, schlimme Augenringe oder Falten. Ich hab das nie gemacht.

Morgenpost Online: Nie?

Nicks: Niemals. Seit ich 1968 in San Francisco anfing, mit Lindsey in einer Band zu spielen. Meine Güte, ist das lange her!

Morgenpost Online: Und warum in London?

Nicks: Es war so hell. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine Helligkeit erlebt zu haben. Es war beängstigend.

Morgenpost Online: Es gab kaum neue Songs zu hören.

Nicks: Weil die keiner kennt. Man kann sich nicht vor ein so großes Publikum stellen und Songs spielen, die keiner kennt. Das haben wir mit Fleetwood Mac einmal gemacht, als „Rumours“ veröffentlicht wurde – und ich meine „Rumours" ...

Morgenpost Online: Mit über 40 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Alben aller Zeiten ...

Nicks: … exakt, aber damals hatte die Songs noch niemand gehört, und wir wurden beinahe von der Bühne gebuht.

Morgenpost Online: Das Zustandekommen von „Rumours“ ist längst Legende. Fleetwood Mac bestand aus zwei Paaren, die in einer dramatischen Trennungsphase waren, und einem Schlagzeuger, der zwischen den Stühlen saß.

Nicks: Aber wissen Sie was? Wir haben uns nicht angeschrien, wir sind uns nicht an die Gurgel gegangen, sondern haben versucht, unsere Gefühle und unseren Ärger in die Songs zu stecken. Wir sind zivilisiert miteinander umgegangen.

Morgenpost Online: Aber die Songs des Albums wirken wie Briefe, die sich die Bandmitglieder schreiben – und es handelt sich nicht nur um nette Briefe.

Nicks: Jedem von uns war klar, dass die Band sich nicht trennen darf, unter keinen Umständen. Also sind wir zugleich sehr vorsichtig miteinander umgegangen, sehr respektvoll. Lindsey und ich haben nie unser Privatleben mit ins Studio genommen. Hätten wird das getan, wären Fleetwood Mac Mitte der Siebziger am Ende gewesen. Das habe ich auch einem Drehbuchschreiber der TV-Serie „Glee“ erzählt, was dann im übertragenen Sinne kurz darauf in der Fleetwood-Mac-Episode „Rumours“ auftauchte.

Morgenpost Online: Wegen „Glee“ war vor wenigen Monaten auch Ihr 36 Jahre alter Song „Landslide“ wieder in den Charts.

Nicks: Ich weiß. Danke, „Glee“!

Morgenpost Online: Bands wie die Kings of Leon oder die Foo Fighters wehren sich gegen eine Nutzung ihrer Songs in „Glee“.

Nicks: Ja, weil sie dumm sind. Wer seine Songs für „Glee“ sperrt, ist ein Idiot. Zumal gut mit den Songs umgegangen wird. Ich war mit am Set, als Gwyneth Paltrow „Landslide“ gesungen hat.

Morgenpost Online: „Landslide“ scheint der Song zu sein, der Sie nie verlässt.

Nicks: Ja, und ich habe keine Ahnung, warum. Ich liebe den Song, er bedeutet mir viel. Aber ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass er auch anderen Leuten so viel bedeuten würde, niemals.

Morgenpost Online: Hat Fleetwood Macs Musik dem fortwährenden Drama innerhalb der Band viel zu verdanken?

Nicks: Unbedingt. Wer nichts erlebt, hat auch nichts zu erzählen. Die Feststellung, dass große Tragödien große Kunst nach sich ziehen, mag abgeschmackt wirken, dummerweise trifft sie aber in vielen Fällen zu. Bei Fleetwood Mac konnten wir nie über einen Mangel an Themen klagen.

Morgenpost Online: Auf Ihrem neuen Album gibt es ein Lied über verwundete Soldaten.

Nicks: Ja. „Soldier’s Angel“ basiert auf einem Gedicht, dass ich geschrieben habe, nachdem ich das erste Mal im Walter Reed Hospital in Washington war, wo man die Soldaten aus dem Irak und aus Afghanistan behandelt. Es war schrecklich. Das sind ja praktisch noch Kinder.

Morgenpost Online: Wissen die, wer Sie sind?

Nicks: Manche ja, manche nicht – was die Sache so oder so nicht immer leicht macht. Wenn sie mich kennen, sind sie mitunter eingeschüchtert, wenn sie mich nicht kennen, fragen sie sich, was ich eigentlich von ihnen will. Aber ich bringe ihnen immer iPods mit, auf denen neunhundert Songs aus den unterschiedlichsten Genres sind. Das bricht in der Regel das Eis.

Morgenpost Online: Ist Ihr Engagement politisch?

Nicks: Nein. Ich bin für die Soldaten da, um zu helfen. Ich bin nicht da, um eine Meinung über den Krieg zu haben. Wenn ich eine Meinung über den Krieg zuließe, wäre ich wahrscheinlich nicht in der Lage, die Besuche fortzusetzen.

Morgenpost Online: Ein anderer Titel handelt von Vampiren. Sind Sie etwa „Twilight“-Fan?

Nicks: Und wie! Tatsächlich handelt der Song „Moonlight“ vom zweiten „Twilight“-Fim „New Moon“. Der Film hat mich an etwas erinnert, das mir vor vielen Jahren passiert ist. Als ich den Text für den Song fertig hatte, das war 2009, habe ich zu meiner Assistentin gesagt: „Jetzt bin ich bereit, ein neues Album aufzunehmen.“

Morgenpost Online: Was gefällt Ihnen besser, die Filme oder die Bücher?

Nicks: Die Bücher, weil in den Büchern mehr steckt – aber das ist bei Literaturverfilmungen immer so. Folglich schaue ich mir immer erst den Film an und lese dann das Buch, andersrum würde mir im Film etwas fehlen. Von dem letzten Band kenne ich nur die ersten dreißig Seiten und lese erst weiter, wenn ich im November den nächsten Film gesehen habe.

Morgenpost Online: Bis dahin sind Sie mit Ihrem neuen Album beschäftigt.

Nicks: Und mit Fleetwood Mac geht es ja immer weiter. Wenn Sie mich 1975 gefragt hätten, ob wir mit über sechzig Jahren immer noch auf der Bühne stehen würden, hätte ich geantwortet: wohl kaum. Aber wir sind immer noch da, und davon bin ich selbst am meisten überrascht.