MacBook, iPad & Co.

Wie Apple den Kulturpessimismus für sich nutzt

In Frankfurt ist die erste umfassende Ausstellung zur Marke "Apple" zu sehen. Der Computer-Konzern verweigerte jedoch seine Unterstützung.

In Zeiten explodierender Reaktoren muss es obszön erscheinen, die Gegenwart anhand der Träume von ihr ermessen zu wollen. Anhand der Geschichten, die man über sie erzählt. Dennoch hängt, welcher Technik wir unser Leben anvertrauen, von den Geschichten ab, die wir mit ihr verbinden, den Hoffnungen, die wir in sie setzen, und den Schrecken, die wir verdrängen.

Eine Ausstellung – die weltweit erste umfassende – widmet sich im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK) "Macht, Mythos und Magie" von Apple, der Firma aus dem kalifornischen Cupertino, die seit den 70er Jahren weniger Computer als Träume herstellt. Die Geschichte ist so spannend, weil sie die Gegensätze Reinheit und Dreck, Schein und Sein, Gegenwart und Vergangenheit nie auflöst, sondern sie noch in der poliertesten Oberfläche aufbewahrt.

Wie Apple zu seinem Namen kam

Das beginnt mit den Äpfeln, die Unternehmensgründer Steve Jobs 1976 angeblich in solcher Menge aß, dass er sie für tauglich befand, der kleinen Firma den Namen zu leihen. Später wurde Jobs freilich, in seinen eigenen Worten, "ein Abfalleimer wie alle andern" auch.

Derzeit hat der Marketing-Meister – dessen Unbestechlichkeit im ästhetischen Anspruch als Garant dafür gilt, dass der Apfel über sich hinaus wuchs zu einer der wertvollsten Marken der Welt – eine krankheitsbedingte Auszeit genommen. Ob Jobs je an die Unternehmensspitze zurückkehren wird, ist fraglich.

Design-Errungenschaft "iPhone"

Wenn Apple sich aus einem kleinen Silicon-Valley-Setzling zur digitalen Entsprechung der Weltenesche Yggdrasil entwickelt hat, so zittert auf ihrem obersten Ast ein Mensch – noch viel zerbrechlicher als das aktuelle iPhone, eine der größten Design-Errungenschaften des jungen Jahrhunderts, aber zugleich eine so riskante, weil sie leichtfertig mit dem Grundsatz spielt, gutes Design sei unverwüstlich.

Wird dieser Vertrag gebrochen – symbolisiert durch den Bruch eines iPhones beim Sturz aus niedriger Höhe –, handelt es sich um Design für eine andere Welt. Von der können wir nur träumen. Es geht aber darum, hinzugelangen.

Vor 25 Jahren, 1984, in der Halbzeitpause des "Superbowl" – des Endspiels der US-Football-Ligen, deren Werbespots superteuer sind, weil nie mehr Amerikaner auf den Schirm starren – sprintet eine Blondine à la Debbie Harry durch eine Orwell-Dystopie: Graue Herren von der Zeitsparkasse tippen willenlos auf graue Kästen ein, befeuert von den manisch-monotonen Parolen eines unverkennbaren Big-Brother-Despoten.

Die Einführung des "Macintosh"

Debbie hängt die Schergen des Systems ab und schleudert einen Hammer, der den televisierten Diktator zersplittert. Eine Stimme erklingt aus dem Off: "Am 24. Januar führt Apple den Macintosh ein. Sie werden sehen, warum 1984 nicht wie ‚1984‘ sein wird."

Dieser Spot, der in der Frankfurter Ausstellung mit ein paar anderen in Endlosschleife läuft, enthält bereits die ganze Unverfrorenheit von Apples Erfolg: Er legt den Finger auf eine klaffende gesellschaftliche Wunde – hier das Gleichmacherische von consumer electronics im Allgemeinen und, kaum verhüllt, der Konkurrenten IBM und Microsoft im Besonderen –, um zu behaupten, man selbst bringe die Rettung.

Ein versiertes Spiel mit kulturellen Kodizes, das sich die moralische Autorität von George Orwells verzagtem Science-Fiction-Roman "1984" borgt und die metaphorische von Kubricks "2001": Debbies Hammer dreht sich in Zeitlupe wie der Knochen, den im Film der Urmensch, der gelernt hat, seinen Nächsten zu erschlagen, zur Feier der sich entfaltenden Intelligenz in die Luft wirft, wo er sich in rasantem Schnitt in eine rotierende Raumstation verwandelt.

Apple nutzt Kulturpessimismus für sich

Das Unverfrorene besteht darin, Millionen Amerikanern ihre Situation vor Augen zu führen, sie noch kulturpessimistisch und techno-messianisch aufzuladen, nur um ihnen einzureden, sie entkämen ihrem Geisteskerker, indem sie auf andere, von Apple hergestellte Schirme starrten: ein Geniestreich eines ins Affirmative gewendeten Kulturpessimismus. Adorno hätte es die Sprache verschlagen.

Apple, das macht die Ausstellung deutlich, liebt diese symbolische Charade, in der man zu spielen vorgibt, was man womöglich ist – nämlich das personifizierte Böse, das sich als Heilsbringer inszeniert, ohne je den Bocksfuß zu verstecken. Der totale Kontrollanspruch der Marke ist unleugbar.

Zwischen iPhone, MacBook, iTunes und App Store bewegt sich der Nutzer wie in einer geschlossenen Wohnanlage: betreutes Wohnen in der digitalen Welt. Handelt es sich um das Paradies oder die Vertreibung daraus? In Internetforen und auf Zeitungsseiten hält die Diskussion darüber an. Derweil spricht der angebissene Apfel, der hell von der Rückseite aller i-Geräte strahlt, eine deutliche Sprache.

Keine Unterstützung der Ausstellung

Insofern verwundert es, wenn die Ausstellungsmacher, Direktor Ulrich Schneider und Kurator Volker Fischer, sich über Apples Weigerung mokieren, ihre Schau zu unterstützen. Vielleicht waren sie sich zu sicher. Sitzen sie doch in dem schlichten weißen Kubus, von Stararchitekt Richard Meier 1985 ans Frankfurter Mainufer gestellt, wie in einer Vorstudie des ersten Apple-Stores. Doch solange das ikonische Logo nicht an der Außenwand prangt, wird sich Alleinherrscher Apple kaum zu einer Kooperation bequemen.

So sind hier viel weniger Computer, iPod und iPads zu sehen als in jedem Apple-Store. Zudem liegen sie hier unter Glas wie in einem Schneewittchensarg. Das ist zugleich der Name eines der wenigen Designs des legendären Braun-Gestalters Dieter Rams, an das sich Apples Jonathan Ive in seinen Entwürfen seit 2002 nicht angelehnt hat.

Der Einfluss Rams’ ist genau zu datieren: auf den Januar 2002, als Jobs den von Ive entworfenen iMac G4 vorstellte. Die farbige Flippigkeit, gewissermaßen Debbies blonde Mähne gegenüber den grauen PCs, war einem sachlichen Monochrom gewichen: Schwarz, Weiß, Metall sind seither die bestimmenden Farben. Plastik weicht Aluminium.

Vielleicht werden wir eines Tages, wenn Apple die ästhetische Weltherrschaft übernommen hat, 2002 als das Jahr begreifen, in dem die Postmoderne zu Ende ging und eine neue sachliche Moderne begann.