25 Jahre nach Gründung seiner Band Element Of Crime sitzt Sven Regener im alten Café Einstein, einem legendären Ort des ehemaligen Westberliner Lebens, und trinkt Tee. Zum Jubiläum gibt es eine Platte mit dem Titel „Fremde Federn“. Darauf finden sich ausschließlich Lieder geschätzter Autoren, aufgenommen zwischen 1989 und 2009: Stücke von Bob Dylan, den Pet Shop Boys, Andreas Dorau, Wham!, Alexandra, den Beatles, Bertolt Brecht, Kurt Weill und anderen.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns über etwas Ernsthaftes reden.

Sven Regener : Ja?

Morgenpost Online: Über geistiges Eigentum. Auf Ihrem neuen Album singen Sie kein einziges eigenes Lied. Sie nennen es „Fremde Federn“. Das klingt wie eine Entschuldigung.

Regener : Wir kokettieren. Die Musik stammt aus fremden Federn. Warum auch nicht? Elvis Presley, der King of Rock ’n’ Roll, hat keines seiner Lieder selbst geschrieben. So ist es auch hier: Es handelt sich eindeutig um ein Album von Element Of Crime. Hätten wir uns mit fremden Federn geschmückt, hätten wir die Lieder als unsere eigenen angemeldet und dafür Gebühren kassiert.

Morgenpost Online: In den Achtzigern, der Gründerzeit von Element Of Crime, galt Nachspielen als Sakrileg. Ernsthafte Rockbands hatten schöpferisch zu sein.

Regener : Wir wollten alle Autoren sein damals. Die große Zeit der singenden Songschreiber, die Ende der Sechziger anbrach, war noch nicht vorüber. Wir sahen das genauso. Jede junge Band war schlecht beraten, die Stones zu covern und für immer in der Stones-Schublade zu verschwinden. Auch von uns gab es Coverversionen zunächst nur zu besonderen Anlässen. Erst ab 1989 wurden sie selbstverständlicher für uns.

Morgenpost Online: Als Sie Ihren Gesang von Englisch auf Deutsch umstellten und Brecht coverten, was schon Rio Reiser niemand verübelt hatte?

Regener : Brecht und Weill wären fast tödlich für uns gewesen! Ein Genfer Festival hatte uns das eingebrockt. Wir spielten mit Mühe sieben Songs von Weill, nahmen einen davon auf. Plötzlich waren wir keine Rockband mehr.

Morgenpost Online: Sie singen „Leider nur ein Vakuum“ von Udo Lindenberg. Ist er der Liedermacher, der den Traditionsbruch der deutschen Popmusik durch Nationalsozialismus, Krieg und Judenverfolgung überbrückt hat?

Regener : Nicht allein. Der ganze Rock ’n’ Roll war ein Bruch, weltweit. Deutschland hatte immerhin Ted Herold und Peter Kraus, später die Rattles und dann eben Lindenberg. Was auf uns wiederum keinen entscheidenden Einfluss hatte. Wir hatten den Zusammenbruch der Neuen Deutsche Welle erlebt, wir waren Postpunk. Damals distanzierte man sich ja immer bloß.

Morgenpost Online: Und wodurch wurde das Nachspielen in den Neunzigern salonfähig und gilt heute fast als Königsdisziplin?

Regener : Ich halte das für eine Normalisierung. Die Frage, warum es davor zwanzig Jahre lang nicht so war, haben wir ja schon behandelt. Dass Musiker ihre Musik mitunter selber schreiben ist schön, muss aber nicht unbedingt sein.

Morgenpost Online: Heute gibt es Projekte wie Nouvelle Vague und Bands wie Boss Hoss, die das Covern als Kerngeschäft betreiben. Welche Haltung steckt hinter Ihren Versionen?

Regener : Es war ein langer Weg, uns durchzusetzen. Wir mussten jeden einzeln abholen, der auf unseren Kram stehen könnte. Es gab keine Abkürzungen über Radiohits. Schon deshalb kommen wir beim Covern zu obskureren Ergebnissen als andere.

Morgenpost Online: Sind Ihre Fassungen nun Verbeugungen vor den Urhebern oder Satiren?

Regener : Es hat einfach Spaß gemacht. Vor Udo Lindenberg haben wir uns zweifellos verbeugt. Das war 1994 zu seinem 25-jährigen Bühnenjubiläum, für ein Album mit dem Titel „Hut ab“. Wir freuen uns immer, wenn sich uns Budgets eröffnen für solche Sachen. Unsere Aufnahmen sind nicht billig.

Morgenpost Online: Die hören sich nur so an?

Regener : Es ist nichts, was man zu Hause am Computer macht. Man braucht ein Studio, echte Instrumente, das ist teuer. Gekochte Speisen kosten mehr als Essen aus der Mikrowelle.

Morgenpost Online: Wem gehört ein Song, nicht aus juristischer, sondern aus künstlerischer Sicht – dem Verfasser oder dem, der ihn sich durch seine überzeugende Interpretation zu Eigen macht?

Regener : Nö. Ich möchte das nicht irgendwie künstlerisch sehen, sondern streng juristisch. Es gibt die mechanischen Rechte und die sogenannten Sync-Rechte. Die Sync-Rechte gehören dem, der es geschrieben hat, die mechanischen Rechte dem, der es gespielt und aufgenommen hat. Das ist gerecht und klug verteilt. Es macht Musik auch zu einem Reich der Freiheit. Es gehört zum Wesen der Musik, dass jeder jeden Song spielen darf, solange er die Spielregeln beachtet, auch gesetzlich, außer bei groben Entstellungen.

Morgenpost Online: Wird das geistige Eigentum im Internet verloren gehen? Werden sich, marxistisch betrachtet, die Besitzverhältnisse durch die materiellen Umstände ändern?

Regener : Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Wenn es so kommt und es für Musik kein Geld mehr gibt, dann wird Musik nicht mehr gemacht. Wie der Makroökonom sagt: There is no free lunch. Ich kann mir heute einen Kasten Bier kaufen und kriege dazu gratis 20 Downloads von Songs – dafür mache ich nicht mal den Computer an. Man muss sich die Zukunft nicht schön trinken.

Morgenpost Online: Hat sich das Original überlebt?

Regener : Nein. Mozarts Musik ist seit 150 Jahren gemeinfrei. Hat das sein Werk entwertet? Nichtsdestotrotz geht es darum, das Urheberrecht zu schützen. Jedes Geschäft muss sich vor Ladendieben hüten. Niemand, der unsere Musik auf seine Webseite stellt, darf sich wundern, wenn er vom Anwalt abgemahnt wird. Über diese Auseinandersetzung wird die Zukunft der Musik entschieden. Erst wenn der letzte Code geknackt und die letzte Datei gerippt ist, werdet ihr merken, dass ihr Phil Collins nicht hören wollt! Der nächste Schritt wird die Werbefinanzierung sein. Ich persönlich finde das nicht so schön: Ich möchte mich vor keiner Marketingabteilung für meine Songs rechtfertigen.

Morgenpost Online: Bei Ihrer Herkunft aus dem Kreuzberger Milieu und dem Namen Ihrer Band hätte man mehr Verständnis für kriminelle Energien erwartet.

Regener : Anarchie bedeutet nicht, jemanden zu beklauen, und dazu wollten Element Of Crime nie verleiten. Manche Leute geben Tausende von Euros für ihre Computer aus, aber keinen Cent für die Musik. Das ist doch alles Quatsch.

Morgenpost Online: In den Autorenvermerken Ihrer Songs steht: Text: Sven Regener, Musik: Element Of Crime. Jeder Komponist bekommt seinen Anteil?

Regener : Ich bekomme für die Musik von der Gema exakt 25 Prozent.

Morgenpost Online: Mit den Praktiken der Gema, der Verwertungsgesellschaft für musikalische Rechte, sind Sie zufrieden? Ärmere Musiker beklagen die Bürokratie und behaupten, die Erlöse würden ungerecht verteilt.

Regener : Natürlich ist die Gema angreifbar. Etwa wenn sie uns bei unseren Konzerten Gebühren für unsere eigenen Songs auferlegt, um sie uns dann, abzüglich der Provision, wieder auszuzahlen. Aber ich sehe keine Alternative. Wenn ich „Heimweh“ von Freddy singe, muss der dazugehörige Texter das Geld dafür bekommen. Und nicht Sven Regener.

Morgenpost Online: War es Zufall, dass Sie als Literat debütierten, als sich die Krise der Musikindustrie verschärfte?

Regener : Ach was. Für Element Of Crime läuft es ja eher umgekehrt. Wir bekommen immer mehr Goldenen Schallplatten. Die literarischen Pläne gab es schon länger, und ich hatte damals gerade frei. Dass wir uns als Band antizyklisch bewegen, liegt, glaube ich, an unseren Inhalten, die man sich nicht so einfach aus dem Netz holt. Ich begreife das keineswegs als Kompliment. Das hat mit den Leuten zu tun, die uns mögen. Die sind ja nicht mehr 15, für die spielt Popmusik noch eine Rolle. Wir sind im richtigen Alter, vielleicht haben wir da Glück gehabt.

Element of Crime: Fremde Federn (Universal)