"House of Holes"

Bakers Paralleluniversum für alle sexuellen Wünsche

Mit "House of Holes" setzt Nicholson Baker den Goldstandard für obszöne Literatur. Kann man besser über Sex schreiben? Unser Autor meint: Nein.

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Es ist nicht schwer, über Sex zu schreiben; eigentlich ist es unmöglich. Wann immer in einem Text Vokabeln wie "Schaft", "gespreizt" und "eindringen" vorkommen, wird es peinlich. Vor allem wird es sentimental. Beim Wiederlesen eines Romans wie "Lady Chatterleys Liebhaber" von D. H. Lawrence, der 1928 noch als skandalös galt, bestätigt sich der schlimme Verdacht.

"Sie fühlte, wie sein Penis sich mit stiller erstaunlicher Kraft und Selbstgewissheit gegen sie aufrichtete, und ließ sich gehen. Sie gab mit einem Zittern nach, das wie der Tod war, und öffnete sich ihm ganz und gar." Es ist die Prosa eines Heftchenromans. Es ist überhaupt nicht skandalös, sondern einfach nur Kitsch (übrigens nicht einmal besonders gehobener). Und so ist es fast immer.

Shakespeare war nie offen obszön

Gewiss doch, in vielen Werken der Weltliteratur geht es in 1001 Varianten immer wieder um das Eine. Shakespeare etwa war ein hochobszöner Autor; der erste Monolog, den die junge Heldin in "Romeo und Julia" hält, hat ungefähr den Inhalt, dass ihr Liebster doch bitte möglichst schnell nach Hause kommen und sie ordentlich durchnehmen soll.

Der "Ulysses" von James Joyce – wir überspringen jetzt ein paar Jahrhunderte – endet mit einem gewaltigen Orgasmus von Molly Bloom, der treulosen Penelope, die auf dem Ehebett liegt, ihren Odysseus erwartet und es sich selber macht.

Aber all diese Gegenbeispiele zählen nicht. Denn Shakespeare war nie offen obszön, er war es immer nur durch die Blume der Poesie – seine Metaphern konnten immer so oder auch anders gedeutet werden. (Anders gesagt: Shakespeare war oft obszön, aber nie vulgär.)

Nicholson Baker gelingt das Unmögliche

Auch bei James Joyce müssen wir uns das Wesentliche dazudenken, es steht zwischen dem Schwarz und dem Weiß der Buchstaben – dass also die berühmte letzte Zeile "yes I said yes I will Yes" wollüstig geseufzt und gestöhnt wird, muss der Leser sich gefälligst in seiner eigenen schmutzigen Fantasie ausmalen.

Mit einem Vergleich zu sprechen: Die großen Schriftsteller haben uns den Geschlechtsakt immer nur so gezeigt, wie man ihn in einem Spiegel sieht, aber nie direkt. Über Sex zu schreiben ist eben unmöglich.

Doch dem Amerikaner Nicholson Baker gelingt das Unmögliche. Baker sieht mit seinem weißen Bart und seinen roten Bäckchen etwa so aus, wie man sich den Weihnachtsmann vorstellt. Er lebt mit seiner Frau und einem Sohn im langweiligsten und schönsten aller amerikanischen Bundesstaaten, in Maine; und wenn wir den jüngsten Berichten trauen dürfen, dann führt Nicholson Baker eine glückliche Ehe.

Brillanteste Stilist in englischer Prosa

Es handelt sich bei ihm um einen durch und durch merkwürdigen Schriftsteller . So hat er einen Roman mit dem Titel "Eine Schachtel Streichhölzer" geschrieben, in dem nichts weiter passiert, als dass ein Mann jeden Morgen aufsteht, ein Kaminfeuer anzündet und Alltäglichkeiten in ein Tagebuch notiert.

Oder "Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge": Da steht ein junger Büroangestellter auf einer Treppenstufe und denkt darüber nach, dass ihm heute beide Schnürsenkel gerissen sind.

Baker ist wahrscheinlich der am meisten ins Detail verliebte Autor, der je gelebt hat; er ist außerdem der brillanteste Stilist in englischer Prosa seit Vladimir Nabokov (mit dem er allerhand gemein hat). Und just dieser Nicholson Baker schreibt also über Sex: ohne Spiegel, ohne alle indirekten Tricks.

Lewinsky schenkte Bakers "Vox" Clinton

Und, jawohl, er ist dabei vulgär, sehr sogar. Man könnte sagen: Nicholson Baker nimmt den Stier des Sexus bei den Hörnern, wenn die Metapher in diesem Zusammenhang nicht ziemlich anrüchig klingen würde. Wie Baker das macht? Wir kommen gleich darauf. Zunächst die Fakten.

1992 erschien die Novelle "Vox", die von Telefonsex handelt – das Buch war dermaßen scharf, dass Monica Lewinsky es auf der Stelle Bill Clinton schenkte, mit den bekannten Folgen. In "Vox" unterhalten sich ein Mann und eine Frau über ihre schmutzigen – und zum Brüllen komischen – Fantasien.

Der Höhepunkt des Buches ist erreicht, als die Frau ("Oh! Nnnnnnnn! Nnn! Nnn! Nnn! Nnn! Nnn! Nnn!") so heftig kommt, dass ihr das Siegel des amerikanischen Bundesstaates Massachusetts erscheint. Zwei Jahre später wurde dann "Die Fermate" veröffentlicht.

"Haus der Löcher" ist sehr schmutzig

Der Held dieses Buches, ein gewisser Arno Strine, verfügt über die Fähigkeit, mit einem Fingerschnipsen die Zeit anzuhalten; als vernünftiger Mensch nützt er diese Fähigkeit dazu aus, alle Frauen in seiner Umgebung zu entkleiden.

Jetzt hat Nicholson Baker diese Trilogie zu einem Abschluss gebracht: "House of Holes", zu Deutsch "Haus der Löcher", das seit diese Woche in den amerikanischen Buchläden liegt, ist noch viel schmutziger (und witziger) als die beiden Vorgänger.

Geschildert wird ein Paralleluniversum, unschwer als Metapher für die Internetpornografie zu erkennen, in das man durch Löcher eintaucht: durch Strohhalme, die Rückseite eines Wäschetrockners, durch Finger, die ein O formen, und natürlich auch kopfüber durch das bewusste weibliche Organ.

Alle sexuellen Wünsche werden erfüllt

In jenem Paralleluniversum werden alle sexuellen Wünsche erfüllt. Tolle Gerätschaften gibt es dort drüben: Masturboote, ein Pornodekahedron.

Die Frauen erweisen sich bei Nicholson Baker als ebenso hilflos geil wie die Männer, der einzige Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht darin: Die Männer müssen sich für den Spaß dumm und dämlich zahlen.

Anders als Charlotte Roche , die sich mit stilistischen Fragen nicht aufhält und so schreibt, als würde sie die Geschichte einer Freundin erzählen, die sie eben im Wartezimmer ihres Gynäkologen getroffen hat, ist Baker ein literarischer Feingeist, der mit seiner Bildung nicht protzt, sie aber auch nicht für sich behält.

Parallelen zu "Alice im Wunderland"

Man kann "Haus der Löcher" – eine kunstvoll ineinander verschachtelte Folge von Miniaturen – mit dem "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch vergleichen. Aber es gibt eine Parallele, die viel interessanter ist:

Das "Haus der Löcher" erinnert in manchem an "Alice im Wunderland". Können wir uns eine aus Jugendschutzgründen für Kinder gesperrte Version dieser Geschichte vorstellen?

Wie bei Alice geht es auch im "Haus der Löcher" ums Größerwerden und ums Schrumpfen (in einer Geschichte findet sich eine Frau winzigklein in dem Löchlein an der Spitze eines Penis eingeklemmt wieder; nur durch gentlemanhaftes Masturbieren kann sie aus dieser misslichen Lage befreit werden).

Baker benutzt das Stilmittel der Absurdität

Bald schlagen die Einfälle Purzelbäume, übrigens ist jene Parallelwelt, die Nicholson Baker schildert, nicht nur schön; sie hat auch dunkle, bedrohliche Seiten. Die Sprachverliebtheit des Autors kennt keine Grenzen.

Das, was er so bunt treibt, fängt immer mehr an, der Nonsenspoesie zu gleichen – allein die Synonyme für das männliche Geschlechtsorgan sind unbedingt mitteilenswert: "thundertube", "seedstick", "piece of badness", "Malcolm Gladwell". Wir wünschen dem Übersetzer Eike Schönfeld (in Deutschland soll das Buch im Frühjahr 2012 bei Rowohlt erscheinen) von dieser Stelle aus viel Geist und Kraft.

Und hier sind wir unversehens dem Geheimnis von Nicholson Baker auf die Spur gekommen. Wie gelingt es diesem Schriftsteller, über Sex zu schreiben, ganz vulgär und sehr direkt, ohne in Kitsch abzugleiten?

Durch das Stilmittel der Absurdität. Schon die sexuellen Fantasien, die er in "Vox" geschildert hat, waren wunderbar aberwitzig, allerdings konnten sie noch als realistisch durchgehen. In "Haus der Löcher" hat Nicholson Baker die Schranken der Realität souverän durchbrochen. Damit hat er einen neuen Maßstab gesetzt. Das kommt in der Geschichte der Literatur nicht alle Tage vor.