Sopranistin

Anna Netrebko ist nur auf der Bühne eine Diva

Anna Netrebko wird 2011 in Berlin auftreten. Morgenpost Online sprach mit der Sopranistin über Beruf, ihre Rolle als Mutter und die große Liebe.

Ihr Sopran ist von grandioser Tragfähigkeit, aber am Telefon klingt Anna Netrebko ziemlich weit weg. Die begehrte Operndiva ist gerade in New York – es wird ein schnarrend, schnurrend, fröhliches Telefonat. La Netrebko lebt in einer Sängerbeziehung mit dem Bassbariton Erwin Schrott zusammen.

Morgenpost Online: Wie geht es Ihnen? Was machen Sie gerade?

Anna Netrebko: Ja, was mache ich gerade. Ich habe mein Kind gefüttert mit Haferflockenbrei.

Morgenpost Online: Haferflockenbrei?

Netrebko: Ja, ich bin selber aufgewachsen mit Haferkuchenbrei und kleinen Pfannkuchen. Die hat mir meine Mutter immer gemacht. Es ist also kein Wunder, dass ich jetzt versuche, auch meinem Kind diese guten Sachen zukommen zu lassen. Und dazu gehört Haferflockenbrei, definitiv. (lacht)

Morgenpost Online: In der Waldbühne haben Sie bereits 2006 zusammen mit Rolando Villazon und Placido Domingo gesungen. Haben Sie noch Erinnerungen an das Konzert?

Netrebko: Aber natürlich kann ich mich an dieses wundervolle Konzert mit Villazon und Domingo erinnern. Das sind hervorragende Sängerpartner, es war einfach schön, mit ihnen auf der Bühne zu stehen. Aber woran ich mich am meisten erinnern kann ist diese wunderschöne Waldbühne. Für mich ist es die schönste und beeindruckendste Openair-Bühne in der Welt.

Morgenpost Online: Warum?

Netrebko: Das kann ich ganz genau sagen: Es ist nicht nur, weil sie sehr groß ist, sondern weil ich, wenn ich auf der Bühne stehe, das Gefühl habe, ich befinde mich in einer riesigen Schale. Und diese Schale ist gefüllt mit dem kostbarsten Gut, was wir haben, mit Menschen und deren Seelen. Die Waldbühne ist für mich eine große Schale voller Seelen. Jetzt können sie sich vorstellen, wie ich mich darauf freue, dass ich es im Sommer noch einmal erleben kann.

Morgenpost Online: Immer wenn Sie nach Berlin kommen, was tun Sie dann als erstes. Gibt es ein bestimmtes Ritual, einen Ort, den Sie aufsuchen, einen Menschen, den Sie sofort anrufen?

Netrebko: Natürlich liebe ich Berlin, weil diese Stadt eine besondere Atmosphäre hat. Es ist die Atmosphäre der ständigen Veränderung. In Berlin passiert ständig etwas. Das meine ich auch im Äußerlichen. Also immer wenn ich nach Berlin komme und das Wetter es zulässt, gehe ich als erstes spazieren. Ich lasse die Veränderungen, die Gebäude, die neu gebaut oder renoviert wurden, auf mich wirken.

Morgenpost Online: Gehen Sie oft spazieren?

Netrebko: Oh ja, ich bin eine leidenschaftliche Spaziergängerin.

Morgenpost Online: Sie machen viele Openair-Auftritte: Sind denn für Sie als Sängerin die Gefühle in einer Waldbühne intensiver als in der Philharmonie?

Netrebko: Es ist schwer zu sagen, wo die Gefühle intensiver sind. Wahrscheinlich sind es dieselben wie in der Oper oder im Konzert. Aber um die Gefühle geht es nicht. Die Gefühle sind nicht unterschiedlich, aber es gibt ein anderes Repertoire. Alles ist größer, die Bühne ist größer, es gibt mehr Publikum, das Programm ist gemischter. Deshalb muss man sich sehr anstrengen. Das fordert die doppelte Energie.

Morgenpost Online: Viel ist über Sie in den letzten Jahren geschrieben und gesagt worden. Was hat Ihnen daran gefallen und welches Klischee hat Sie verärgert?

Netrebko: (lacht) Ach, ich lese doch nicht alles, was man über mich schreibt. Ich habe Vertrauen in die Menschen, und hoffe, dass man etwas Gutes schreibt.

Morgenpost Online: Und wie finden Sie es, dass Sie ständig zur Diva stilisiert werden?

Netrebko: Wenn Sie mich auf einem Magazintitel mit langen Haaren und im glitzernden Kleid sehen, dann denken Sie: Oh, das ist aber eine Diva. Aber ich bin doch gar nicht so. Diese Diva gibt es nur auf der Bühne. Nach Hause kommt eine andere. Ich bin einfach nur ein Mensch. Aber wenn das Publikum mich als Diva sehen möchte, dann gehört das wahrscheinlich auch zu unserer Kunst.

Morgenpost Online: Sie singen russische Oper, haben russische Lieder von Tschaikowski und Rimski-Korsakow gemeinsam mit Daniel Barenboim in der Philharmonie vorgestellt. Erklären Sie einem Deutschen bitte einmal die typisch russische Musikseele?

Netrebko: Die russische Musikseele? (lacht) Das fragen Sie einen Menschen, der international bis zum Gehtnichtmehr unterwegs ist. Ich bin zuerst eine Interpretin. Natürlich hat jede Partie, jedes Stücke eine Seele. Ich versuche, diese Seele zu erfassen und sie als Interpretin das Publikum spüren zu lassen. Das ist das Wichtigste, dabei frage ich mich nicht, ob ich eine russische Seele spüre oder eine andere.

Morgenpost Online: Soprandiven werden gerne zusammen mit Tenören als Traumpaare geführt. Wer sind Ihre Lieblingstenöre?

Netrebko: Einen Lieblingstenor habe ich nicht. Jeder Partner, mit dem ich bis jetzt zusammen gearbeitet habe, ist auf seine Weise einzigartig. Jeder hat seine Stärken, und jeder hat seinen Ausdruck. Die Kunst besteht doch nicht darin, sich einen Lieblingstenor auszusuchen, sondern mit jedem Partner das Zusammenspiel auf der Bühne hinzubekommen. Jonas Kaufmann gehört sicher zu den ganz Großen und ich freue mich sehr, auf der Waldbühne mit ihm und natürlich mit Erwin zu singen.

Morgenpost Online: Sie sind mit dem Bassbariton Erwin Schrott zusammen, eine Sängerbeziehung also. Das klingt kompliziert.

Netrebko: Ach nein, es ist nicht kompliziert, weil es eine Sängerbeziehung ist. Es hat wenig mit dem Beruf zu tun. Wir sind uns erst spät begegnet, wir haben beide einen sehr anstrengenden Beruf, reisen beide sehr viel. Wir sehnen uns nacheinander, wenn wir nicht zusammen sind. Wir nutzen jede freie Minute, um zusammen zu sein. Aber das ist nicht mehr oder weniger kompliziert wie in jeder anderen Beziehung, wenn zwei Menschen an verschiedenen Orten beruflich zu tun haben. Das wichtigste ist doch, dass wir uns auf das Zusammensein freuen und für jede gemeinsame Minute dankbar sind.

Morgenpost Online: Sie leben zwischen New York, Wien, Petersburg. Was ist für Sie ein Zuhause?

Netrebko: Ja, es sind tatsächlich diese drei Lebenspunkte in meinem Leben. Dort fühle ich mich zuhause und am wohlsten. Aber ich reise sehr viel, weshalb ich versuche, selbst auf Reisen im Hotel, ein kleines Zuhause zu schaffen. Um mich wohl zu fühlen. Und seitdem mein Kind bei mir ist und auf die meisten Reisen mitkommt, ist es für mich der Inbegriff von Zuhause. Egal, wo ich bin, wenn ich die Tür öffne und ein Zimmer betrete, wo mein Kind ist, fühle ich mich zuhause. Und glücklich.

Morgenpost Online: Nach der Geburt, sagen viele Sängerinnen, verändert sich nicht nur das Körpergefühl, sondern auch die Stimme.

Netrebko: O ja in der Tat. Der Körper hat sich verändert. Ich fühle mich sehr gut in meinem Körper. Natürlich mache ich Sport, und achte auf gesunde Ernährung und gepflegtes Aussehen. Ich fühle mich wohl. Auch meine Stimme hat sich verändert. Sie ist größer geworden. Ich kann viel mehr singen. (lacht) Ich kann überhaupt viel mehr seit ich Mutter bin. Das ist ein tolles Gefühl.

Morgenpost Online: Alle wollen Anna, heißt es. Aber gibt es eine Rolle, die Sie unheimlich gerne singen würden, von der Sie aber wissen, dass man Ihnen diese Rolle nie anbieten wird?

Netrebko: (lacht) Ja, ja, ja – es gibt eine Partie, die ich sehr gerne singen würde und die ich niemals bekommen werde. Und wissen Sie warum? Weil es eine Tenorpartie ist. Es ist der Herman im Tschaikowskis „Pique dame“.

Ihre Konzerte in Berlin:

Philharmonie: Anna Netrebko mit dem English Chamber Orchestra am 21. April 2011 um 20 Uhr in der Berliner Philharmonie. Auf dem Programm stehen Werke von Pergolesi. Es dirigiert Paul Watkins. (ausverkauft)

Waldbühne: Anna Netrebko, Erwin Schrott und Jonas Kaufmann singen am 16. August 2011 – präsentiert von der Berliner Morgenpost – in der Berliner Waldbühne. Karten ab 45 Euro Tel.: 01805-969000555.