Neue CD "Humanoid"

Tokio Hotel singen so depressiv wie Depeche Mode

Es ist die erfolgreichste Band Deutschlands, obwohl ihre Mitglieder gerade mal 20 Jahre alt geworden sind. Jetzt legen Tokio Hotel ihre dritte CD "Humanoid" vor. Darauf klingt die ehemalige Jugendband sehr weise und todtraurig. Bisweilen erinnern sie sogar an den Futuristen-Blues von Depeche Mode.

Vor einem Monat wurden die Gebrüder Kaulitz 20 Jahre alt. Die Zwillinge kamen noch in der DDR zur Welt, hinter der Mauer. Sie wuchsen bei Magdeburg heran, in Landschaften, die sich beharrlich weigerten, zu blühen. Als die Brüder 20 wurden, konnte man es auf dem Boulevard kaum fassen.

Dort wird ihre Rockband immer noch wie eine Kinderei behandelt. Tokio Hotel gilt als Streich von Minderjährigen, als Vorwand, um an Drogen zu gelangen, Sex zu haben und bizarr herum zu laufen. „Tokio-Bill macht jetzt auf Punker“, unterrichtet „Bild“. Hingen die Haare je an Tokio-Bill herab?

Ja, kurz, zwischen der zweiten und der dritten Platte, trug er sie wie einen Tschador. Auch im neuen Video „Automatisch“ rast Bill Kaulitz flach frisiert im Auto durch die Wüste, während zwei Maschinenwesen miteinander ringen und vergeblich einen Kuss versuchen.

„Wenn du lachst, lachst du nicht! Wenn du weinst, weinst du nicht! Wenn du fühlst, fühlst du nichts!“ Der Sänger klingt zutiefst verzweifelt, und die Deutschen debattieren seine Haare. Hans-Olaf Henkel, ebenfalls in „Bild“: „Der Haarschnitt! Ich bin fest überzeugt, dass die Pilzkopf-Frisur der Beatles entscheidend zu ihrem Ruhm beigetragen hat. Das ist wie bei Tokio Hotel heute.“ Vielleicht hat Hans-Olaf Henkel sogar Recht.

Erinnert sich noch jemand an die Beatles? Nicht an ihre Schüttelschöpfe, sondern an ihr Alter damals: Als sie Anfang 20 waren, gaben sie bereits gescheite Antworten. Im Beisein seiner Königin ermunterte John Lennon die Konzertbesucher auf den billigen Plätzen zum Applaus – der Rest möge mit den Juwelen rasseln.

Niemand hielt die Beatles in den Sechzigern für unreif. Andererseits galt Pop als Vorrecht junger Leute. Mit den Beatles durfte man getrost erwachsen werden. Auch aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer zunehmend bewussten Zeitgenossenschaft und ihrer immer anspruchsvolleren Musik.

Durch die Frisur zu künstlerischem Weltruhm: Solche Wege waren früher kürzer, und mit 20 war man älter als mit 20 heute. Immerhin hatte Bill Kaulitz, als er anfing, unfassbares Glück. Er scheiterte als 13-Jähriger bei „Starsearch“, einer Selektionssendung. Die Sieger wurden bisher stets als Freaks entsorgt oder vergessen.

Kaulitz kehrte heim zu seiner Schülerband, die damals noch unter dem Namen Devilish und im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs auftrat. Dabei waren bereits der Trommler Gustav Schäfer, heute 21, Georg Listing am Bass, heute 22, und als Gitarrist der Kaulitz-Zwilling Tom.

2003 fielen sie Peter Hoffmann auf im Förderverein Gröninger Bad. Der Produzent hatte verdienten Veteranen zum Comeback verholfen, Falco oder Marianne Rosenberg. Die Lollipops betreute Hoffmann ebenfalls: Zwei Schulmädchen krakeelten Stimmungslieder; sobald sie die Pubertät ereilte, wurden sie durch Jüngere ersetzt.

In Tokio Hotel fand sich etwas Dauerhaftes, zwischen Lollipops und Rosenberg. Hoffmann: „Als ich die Jungs sah, dachte ich nur: Zwick mich einer.“ Er betreute sie auf seinem Lüneburger Heidehof und brachte ihnen schonend bei, was Popgeschäft bedeutet. In der Praxis löste Bertelsmann schon unterzeichnete Verträge wieder auf, und Universal ging mit „Bravo“ ein Joint-Venture ein.

Vier Jahre und zwei Platten später, nach Konzertreisen inmitten kindlichen Gebrülls und spießigen Verwünschungen, sind Tokio Hotel wieder da. Sie sind weltweit erfolgreicher als jede andere deutsche Band, wurden mit Preisen überhäuft und bei den Aufnahmen in Hollywood von neugierigen Stars besucht.

„Ich habe mich immer älter gefühlt“, erklärt Bill Kaulitz. „Aber ich glaube auch, ich werde nie erwachsen.“ So beschreibt er bündig das Versprechen, das der Pop ursprünglich allen 20-Jährigen gab und heute nicht mehr halten will. Der Pop kam nach den Beatles in die Jahre. Als der Pop erwachsen wurde, schuf die Industrie den Markt für Kinder. Angesichts der Mühsal, der sich unzählige Britneys unterziehen, um auf den Erwachsenenmarkt zu wechseln, wird der Graben immer breiter zwischen beiden Märkten.

Tokio Hotel sehen das vergleichsweise gelassen. Weder zetteln sie empörende Skandale an noch kleiden sie sich unauffällig, um gesetzt zu wirken. So muss sich der Boulevard damit behelfen, Bills Frisur zu rezensieren, um ihn klein zu halten, jung und drollig.

Die Musik spricht eine andere Sprache: „Haben schon lang nichts mehr gefühlt, so weit runter, abgekühlt. Die ganzen Sterne fehlen. Im schwarzen Sonnensystem. Ich fall durch die Nacht“, ruft Kaulitz in den Raum. Die Stimme wird verfremdet durch die Software Auto-Tune. Die ihn umgebende Welt ist finster. Wiederholt plant man die Flucht ins Licht, in Songs wie „Komm“ und „Lass uns laufen“. Aber: „Jeder sucht für sich allein“, heißt es in „Menschen suchen Menschen“.

Mit „Humanoid“ spiegelt die Band sowohl die eigene Rolle als auch die eher trüben Aussichten der Menschheit. Liebende zoomen sich sehnsüchtig heran. Die Zukunft liegt im Jenseits, und die Gegenwart erscheint als düstere Science Fiction. Es gibt Anleihen beim Futuristen-Blues von Depeche Mode wie bei der herkömmlichen Rockmusik.

Seit 20 Jahren, sagt Bill Kaulitz, sei er fremd auf Erden. Erst in der Provinz von Sachsen-Anhalt und erst recht im deutschen Popbetrieb, wo ältere Männer über Haare reden statt über fantastische Musik.

Tokio Hotel: Humanoid (Stunner)