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Charlotte Roche und der feuchte Unfug in Holland

In Deutschland hat sie in diesem Jahr das meistverkaufte Buch geschrieben. Nun erscheint Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" auch in Holland, dem Zentrum der sexuellen Toleranz. Sind unsere Nachbarn jetzt geschockt? Vielleicht auch nur ein ganz kleines bisschen?

Braucht ein Land, in dem eine der bekanntesten Schriftstellerinnen ein Buch der Trockenheit ihrer Vagina widmet, in dem in den besten Stadtteilen in Sexshops DVDs wie "Anal Aspirations Part IV" öffentlich angepriesen werden und ein populärer Kabarettist sein Publikum zu Liedern wie "Analer Sex mit toten Tieren" mitsingen lässt, ein Buch von Charlotte Roche?

Braucht ein Land, das trotz mancher Rückschläge als das liberalste in Europa gilt, einen Roman wie "Feuchtgebiete"? Oder ist das wie Eulen nach Athen respektive Haschisch nach Amsterdam tragen?

Nun denn, seit Nenas "99 Luftballons" verbreitet sich in Holland immerhin erstmals das Gefühl, das aus Deutschland wieder etwas kulturell Relevantes und Zeitgemäßes erscheint, das kein Arthouse-Film oder die x-te Aufarbeitung der Nazizeit ist oder betont schlecht gelaunt daherkommt wie Rammstein oder Günter Grass.


"Vochtige Streken" heißt ihr Buch hier. So wie Inuit viele Wörter für Schnee kennt, so hat das Niederländische ein detailliertes Vokabular für das Gebiet zwischen Land und Wasser. Ein allgemeiner grober Terminus wie "Feuchtgebiete" existiert so nicht, und so kam der Übersetzer Marcel Misset auf den Begriff "vochtige Streken", wobei das niederländische Wort "streek" auch "Streich", "Schabernack" oder "Unfug" bedeuten kann. Missets englischsprachiger Kollege hatte es da leichter mit "Wetlands".


Der Buchhandel ist ein Markt, auf dem Literaturagenten ihre Klienten wie auf Auktionen anbieten. "Herausgeber kämpfen um literarischen Porno", las man im Juni in den Zeitungen, nachdem der Verlag De Bezige Bij dem Vernehmen nach für 30 000 Euro die Rechte für Roches Werk gekauft hat. De Bezige Bij ist vielleicht der etablierteste Verlag, der Bücher von Joachim Fest, Hermann Hesse, Michael Krüger und Hans Magnus Enzensberger sowie den lokalen Autoren Harry Mulisch, Cees Nooteboom und Leon de Winter verlegt.

Und jetzt nun auch Charlotte Roche, die sofort eine Erstauflage von 30.000 Stück verkaufen soll. Auf Deutschland hochgerechnet, entspräche das einer Auflage von 150.000 Büchern. Aber der Verlag meldet erleichtert, die Bestellungen aus den Buchläden stapeln sich bereits, und das Gleiche gelte für die Medienanfragen. Der Plakatkampagne mit dem Spruch "Das aufsehenerregendste Buch in diesem Herbst" entgeht keiner auf holländische Straßen.

Skandalbuch? Diskussionsbeitrag?

Charlotte Roche jedenfalls stieg diese Woche in den Zug nach Amsterdam, um anderthalb Tage lang Interviews zu geben. Zu jeder vollen Stunde durfte ein anderer Journalist ihr Hotelzimmer betreten. Ich gehörte nicht dazu, weil sie Gespräche mit Autoren, die für den Verlag Axel Springer arbeiten, ablehnt. Dafür sprach sie mit zwei belgischen Wochenzeitungen, mit TV-Journalisten, mit zwei Frauenzeitschriften, zwei Promi-Klatschmagazinen. Sie arbeitete drei Gratiszeitungen ab, eine Wochenzeitung und zwei seriöse Tageszeitungen. Die beiden schlimmsten Trash-TV-Magazine hat der Verlag jedoch nicht vorgelassen.

Genau diese Vorgehensweise passt in die Medienstrategie, "Feuchtgebiete" nicht als Skandalbuch, sondern als Diskussionsbeitrag zu vermarkten, gerichtet an eine gebildetere Leserschaft. Ob das gelingt oder nicht, lässt sich schwer sagen, weil die meisten Rezensionen noch ausstehen.

Eine linke Wochenzeitung lieferte schon einen ersten Verriss ab: "Das Wort ,Fotze' begann mich schon nach drei Seiten gewaltig zu nerven", heißt es da. Das Buch versuche mit Tumult und Getöse in die Bestsellerlisten zu kommen. "Das mag zwar in Deutschland gelungen sein, aber was soll man auch von einem Land erwarten, in dem Sex ein Synonym für Lack und Leder ist?"

Ist das überhaupt Literatur?

Das sonst so zurückhaltende "NRC Handelsblad", so etwas wie das niederländische Brüderchen der "FAZ", druckte allerdings im vergangenen Monat in seinem Magazin ein Stück aus dem "Stern", das auf dem Titel bereits mit einem großen Foto angekündigt wurde. Darauf war Charlotte Roche zu sehen in einer durchsichtigen Unterhose. Über ihr stand in dicken Buchstaben: "Seifenfreier Sex". Im Blatt dann wurde der Text illustriert mit weichgezeichneten Nacktfotos von niederländischen Fotokünstlern. "Wer Nacktheit schockierend findet, blättert besser schnell um", schrieb die Zeitung, die gegen eine immer kleiner und älter werdende Leserschaft kämpft.

Sex sells, aber Kontroversen auch. Das Literaturmagazin "Hollands Diep", das nicht durch Zufall zur selben Verlagsgruppe wie De Bezige Bij gehört, platzierte in seiner Oktoberausgabe gleich vier Rezensionen von "Feuchtgebiete" - immer aus einem anderen Blickwinkel. Zuerst: "Hilft das Buch der sexuellen Befreiung?", dann: "Ist das überhaupt Literatur?", dann: "Dieses Buch behandelt das Thema, Kinder geschiedener Eltern'" und schließlich: "Es behandelt das Thema ,Kindesmisshandlung'".

Immer waren es sehr verschiedene Artikel, und ein ähnliches Ergebnis zeichnete sich auf einem Diskussionsabend über Roches Buch am vergangenen Montag in Amsterdam ab, bei dem die Autorin vermutlich wegen Müdigkeit fehlte. Der Philosoph Joke Hermsen lobte "Feuchtgebiete" als einen "Angriff auf die Barbieisierung des Frauenkörpers".

Wenn der Vibrator nicht Vibrator heißen darf

Ansonsten gefiel ihm wenig. Vor allem störte er sich daran, dass die Hauptperson keine Entwicklung durchmache, worauf der Lektor von De Bezige Bij nur knapp antwortete, die jüngeren Leser wollten das ohnehin nicht mehr. "Sie wollen eine authentische Geschichte", sagt er.

Anschließend begann eine Frau aus dem Publikum eine Diskussion darüber, warum der niederländische Elektronikgeräte-Hersteller Philips einen Vibrator auf den Markt bringt, der nicht Vibrator heißen darf. Ihre Erregung darüber ließe sich in einer kleinen soziologischen Analyse perfekt mit Roches Buch kombinieren.

Überhaupt erscheint "Feuchtgebiete" als eine Pinnwand, an der die verschiedensten Interpretationen Platz haben, wobei die Bekanntheit des Buches eine weitere Rechtfertigung für wieder neue Themen formt. Die Kontroverse wird so immer weiter befeuert, und das Rad dreht sich unaufhaltsam weiter. Alle, die darin einbezogen sind, haben einen Nutzen davon, weil sich alle in die eigenen Taschen spielen: Je sichtbarer man ist, ob als Philosoph oder Literaturkritiker, umso höher der eigene Marktwert.

Es ist zynisch, denn auch darüber kann man wiederum schreiben, so wie ich es jetzt hier tue oder es Nazmiya Oral in der Tageszeitung "Volkskrant" getan hat. "Das Schockierendste an dem Roman ist die Bestürzung um ihn", schrieb die Journalistin - um diese anschließend selbst dem Thema des Buches zu widmen.

Die holländische Parallele

Das Buch erschien ihr als ein passendes Beispiel für ihre Beobachtungen über die körperliche Freizügigkeit. "Das eigentliche Tabu ist die Scham. Das Eliminieren, Bekämpfen und Überwinden von Scham wird mit Freiheit verwechselt. Scham ist viel mehr als das Gefühl der Unfreiheit. Es ist der Moment, in dem wir unsere Verletzlichkeit spüren. Der wird nur überdeckt in Augenblicken sogenannter Offenheit und Freiheit. (...) Indem man alles zugänglich macht, beschwört man diese Verletzlichkeit, weil sie die einzig größere Bedrohung ist als die eigene Nacktheit. (...) Roche scheint vor allem eine große Anzahl junger Fans haben. Die Emanzipation in Deutschland ist offenbar weniger weit vorangeschritten, als ich es gedacht habe."

Herausgeber Joost Nijsen hat selbst Erfahrung mit dem Marketing für ein tabubrechendes Buch gesammelt. Der Roman "Kommt eine Frau zum Arzt" von Raymond Kluun wurde in den kleinen Niederlanden fast eine halbe Million Mal verkauft. In dem Buch beschreibt der Autor ungeniert en détail seine ausschweifenden Ehebruchserfahrungen, während seine junge Frau im Sterben liegt.

Kluun profitierte damals von der gleichen Missachtung, die ihm das literarische Establishment entgegenbrachte, wie heute Charlotte Roche. Denn gerade diese Missachtung unterstrich sein authentisches Image. Man könnte auch von einer Sarah Palin der Buchbranche sprechen. Kluun war von Haus aus ein Marketingexperte und fachte das Interesse an seinem Buch mit kontroversen Interviews sowie Auftritten im Fernsehen und auf Literaturbühnen an.

Charlotte Roche hingegen reist einmal in die Niederlande, das hilft maximal, den Verkauf anzukurbeln - aber was kommt dann? "Diese Frage ist nicht so wichtig", sagt Kuuns Verleger Joost Nijsen. "Bücher, die sich auf lange Sicht verkaufen, sind Bücher, die emotionalisieren." Man könne hypen, was man will, aber es gehe letztlich nur darum, dass die ersten 10.000 Käufer das Buch nach ein paar Seiten nicht wieder weglegen. "Denn diese Käufer werden das Buch anderen empfehlen oder verschenken", sagt Nijsen. "Und so bekommt man einen Longseller."

Für "Feuchtgebiete" sieht Herausgeber Joost Nijsen diese Zukunft allerdings nicht. "Das Buch ist für die Niederlande nicht wirklich schockierend genug, und außerdem scheint mir die Geschichte zu dünn", sagt er. "Ein Großteil der 30.000 Exemplare der ersten Auflage geht, fürchte ich, an ranzige alte Männer, wie ich einer bin."

Übersetzung: Sören Kittel

Joris Luyendijk ist holländischer Journalist. "Wie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges" (Tropen Verlag) war in den Niederlanden das erfolgreichste Sachbuch der vergangenen Jahre