Heavy-Metal-Festival

Mehr Krach als in Wacken gibt es nur in der Hölle

Beim größten Heavy-Metal-Festival der Welt gibt es weder Verwüstung noch Rüpeleien. Aber laut wird es in Wacken. Verdammt laut.

Wacken – Warum tut man sich das eigentlich an? Ein verlängertes Wochenende auf einem Acker, im Zelt nächtigend, vielleicht mit Regen, ganz sicher mit viel Feierei und Krachmusik von morgens bis spät in die Nacht.

Weil es offensichtlich Spaß macht! Anders lässt sich kaum erklären, dass jedes Jahr über 75.000 Fans in das Dörfchen im Norden pilgern und in einem endlosen Strom in Schwarz die sonst beschauliche Hauptstraße entlang zum Gelände marschieren, auf dem das größte Metal-Festival der Welt stattfindet. Und nicht nur das: Die Tickets sind im Januar schon vergriffen. Man könnte nun Verwüstung und Ausschweifung erwarten, Rüpeleien im Rock-Rausch, aber es ist schon legendär, wie wenig die Wacken-Besucher aus der Rolle fallen: Statistisch gesehen ist jedes Kreisliga-Fußballspiel gefährlicher.

„Ich kann euch nicht hören!“

Obwohl in Wacken sogar der „Prince Of Darkness“ auftritt: Ozzy Osbourne ist der „normalen“ Welt bekannt als schusseliger Reality-TV-Daddy, in Headbangerkreisen weiß man jedoch, wie viel der Mann für die Rockmusik getan hat. Seine Band Black Sabbath hat Ende der 60er den Heavy Metal erfunden, nicht wenige der Anwesenden würden eine Petition unterschreiben, dass Kinder so was gefälligst schon in der Schule hören sollten. Jetzt steht der 62-Jährige auf der „True Metal Stage“, einer der beiden Hauptbühnen, klatscht und hüpft wie der Bi-Ba-Butzemann mit Kajalstift und schreit immer wieder: „I can't fucking hear you!“

Schon nach den ersten Songs wie „War Pigs“, „Suicide Solution“ oder „Road To Nowhere“ traktiert er seine Fans mit einer Schaumkanone: Eine Minute lang zielt er mit dem weißen Glibberzeug auf die Menge, die hinter der Absperrung dicht gedrängt die Fäuste hoch zum „Teufelsgruß“ reckt. Später beglückt er sie noch mit mehreren Eimern Wasser, die er über ihren Köpfen ausschüttet. Neu ist das nicht, den meisten gefällt es. Osbournes junge Begleitband spielt exzellent, des Meisters Stimme jedoch zeigt ein paar Unsicherheiten. Aber das macht nix: Es ist Ozzy. Der ist auch gut, wenn er mal nicht so gut ist. Ende der Argumentation. Metal ist größer als Logik.

Das gilt allerdings nicht für alle Künstler, die deutschen „Helloween“ etwa haben wohl keinen ihrer besten Tage erwischt. Schwamm drüber, den Fans stehen ja mehrere Bühnen zur Verfügung – und nicht auf allen gibt es Musik: Im Zelt in der „Bullhead City“, einem Party-Areal des Festivals, treten zum ersten Mal die „Masters Of Comedy“ auf, darunter der US-Amerikaner Jim Breuer und der fränkische Aufsteiger Bembers. Mehr noch: Bülent Ceylan darf sogar auf die Hauptbühne. Dort wird die Headbangerschaft auch einen weiteren ungewohnten Gast erblicken: Roberto Blanco. Ja, genau der Roberto Blanco, der mit den Ruhrpott-Thrashern Sodom auftreten soll, mit denen er mal einen Werbespot zugunsten der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft gedreht hatte. Die Metaller finden es lustig, Herr Blanco selbst schaut hier und heute jedoch ein wenig ungehalten oder zumindest verwundert aus der Wäsche. Aber: Ein bisschen Spaß muss sein, nicht wahr?

Das gilt dann wohl auch für andere Spezialitäten im Angebot wie Wrestling und Ölcatchen. Mit Metal hat das nichts mehr zu tun, aber Wacken wächst seit Jahren in alle Richtungen: Mittlerweile gibt es sogar einen Wacken-Kaffee, für den die Schauspielerin Sabine Kaack wirbt, in kurzem Rock und Gummistiefeln mit Kuhdesign. Selbst wenn manche Festival-Veteranen sich fragen, ob nicht irgendwann mal ein Autoscooter auf dem Gelände steht: Hauptsächlich geht es hier immer noch um Metal. Und davon gibt's mehr als genug. Und dafür kann man auch ein Wochenende auf einem Acker verbringen.

Wacken ist Tradition

Wie passend, dass dann auch noch pünktlich zum Start der Dauerregen ausgesetzt hat: Nach einer halben Stunde Rockmusik „louder than hell“ bricht die Sonne hinter der Wolkendecke hervor. Mit „Feel the Beats“ starten Zehntausende unter dem schwarz-weißen „W:O:A“-Wahrzeichen – einem skelettierten Rinderschädel mit Hörnern – schließlich in drei Tage Ausnahmezustand.

Dumm allerdings, wenn schon am Vorabend das Zelt aufgebrochen wird. Doch die Polizei fasst immerhin gleich drei Diebesbanden, die Laptops, Handys und Bargeld gestohlen hatten. Vermutlich waren die betroffenen Heavy-Metaler zu jener Zeit schon bei der Warm-up-Party. Und natürlich ließen sich dort die meisten Fans den Auftritt der örtlichen Feuerwehrkapelle nicht entgehen. Die „W:O:A Firefighters“ Wacken ist eben auch Tradition.