ARD-Sommerinterview

Cem Özdemir und eine Herausforderung auf Türkisch

Im Sommerinterview sprach Cem Özdemir über Stuttgart 21 und die Atompolitik. Über eine Sache sprach er nicht. Ein Zuschauer forderte ihn auf Türkisch heraus.

Können die Grünen Volkspartei ? Die Frage ist inzwischen berechtigt, aber noch ist sie unbeantwortet. Grünen-Chef Cem Özdemir konnte im ARD-Sommerinterview nicht eindeutig punkten: Er antwortete souverän - aber selbst die K-Frage versuchte er zu umschiffen.

Das Thema der Stunde ist auch für den Schwaben Özdemir "Stuttgart 21". Hier kennt er sich aus, das sollten die Fernsehzuschauer merken. Erst lobte Özdemir den Charme v on Heiner Geißlers Kompromissvorschlag aus einem Kopfbahnhof und einer unterirdischen Durchgangsstation. Und dann klärte der Grünen-Chef auf, was das den Menschen im Ländle bringt.

"Das heißt der Kopfbahnhof bleibt erhalten für den Nahverkehr, für die Gäubahn. Und auf der anderen Seite die Strecke Mannheim-Ulm, um die es den Befürwortern des unterirdischen Bahnhofs ja angeblich geht, die könnte man unterirdisch verlegen.“

Wenn Özdemir so sachkundig in einem Atemzug über Bimmelbahn und ICE-Strecke parliert, scheint er über sich selbst zu erschrecken. Jedenfalls schob er "ich will Sie nicht zu sehr mit Details langweilen" hinterher. Das hörte sich alles gut an, so wie sich Geißlers Vorschlag für manche wie eine Wunderheilung der Stuttgarter Bahnhofswunde anhört.

Özdemir scheint sich toll auszukennen. Er bezeichnete sich selbst "als Vorsitzenden der Bahnpartei Nummer 1 in Deutschland". Aber warum legte er dann nicht schon lange selbst einen solch genialen Kompromissvorschlag vor? Leider vergaßen Ulrich Deppendorf und sein Co-Interviewer Rainald Becker das zu fragen.

Leicht fiel dem 45-Jährigen auch, die provozierende Zuschauerfrage eines Taxifahrers zu parieren. "Die Atomkraft haben Sie schon verboten, wollen Sie als nächstes auch Mercedes verbieten?" Nein, ein Kind des Auto-Ländles will das natürlich nicht. Mercedes solle jetzt "das neue Automobil" erfinden - darüber wollen die Grünen mit ihnen reden.

Die Antwort gehört seit der Wahl von Winfried Kretschmann zum Grünen-Ministerpräsidenten zum grünen Standardrepertoire. Die Antwort saß auch bei Özdemir so gut, da verrutschte noch nicht mal das grüne Armband an seinem Handgelenk.

An anderer Stelle führten Deppendorf und Becker ihren Gast aber auf ein Glatteis, auf dem er im kommenden Winter ausrutschen könnte. Eine Garantie, dass es nach dem Abschalten der alten Atomkraftwerke im nächsten Winter keine Stromausfälle gibt, wollten die Interviewer. Ein "das garantiere ich" ließ sich Özdemir zwar nicht abtrotzen. Aber dafür ließ er seine Gesprächspartner erneut wissen, dass doch nach dem Abschalten der Altmeiler im Frühjahr bei der ARD nicht mal eine Glühbirne ausgefallen sei.

Die Warnungen vor Stromausfällen im Winter nimmt der Grünen-Chef also mit Hochmut. Sollte doch irgendwo das Licht ausgehen, dürfte er damit heftig konfrontiert werden.

Bei allen anderen allgemeinen politischen Fragen schwamm der Grünen-Chef dagegen ganz souverän im Strom. Ein NPD-Verbot fände er toll - aber nur mit einem Verfahren, das am Ende erfolgreich ist. Europa findet er trotz Krise auch noch toll - "wir sind überzeugte Europäer" - und lobte sogar Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Dass der mehr Europa fordert und nicht weniger sei auch seine Linie. Und dann setzte Özdemir noch ein kleines Glanzlicht in Fragen der Integration: Die Sommerinterviewer spielten eine Zuschauerfrage auf Türkisch ein und Özdemir antwortete ebenfalls auf Türkisch, und zwar flüssig. Der Zuschauer wollte wissen, ob der in Deutschland geborene Politiker seine Muttersprache noch beherrscht. Mögliche Zweifel sind nun ausgeräumt.

Bei einer anderen Frage dürfen hingegen die Zweifel an der Antwort erlaubt bleiben. Stellen die Grünen einen Kanzlerkandidaten auf? Und wer sollte es machen? Das wollten Deppendorf und Becker wissen. Der in den Umfragen vorne liegende Joschka Fischer sei Privatier und er selbst wolle nicht, sagte Özdemir.

Doch bevor Edmund Stoiber 2002 Kanzlerkandidat der Union wurde, hatte er auch stets seine Ambitionen verneint. Bis er schließlich beim Frühstück mit Angela Merkel ja sagte. Wird es Özdemir auch so gehen? Wird er nun bis ins Wahljahr 2013 immer wiederholen, nicht Kanzlerkandidat werden zu wollen? Und sich am Ende dann doch aufstellen lassen?

Das Thema ist momentan Zukunftsmusik. Und es gehört auch zu den Themen, mit denen sich die alten Volksparteien Union und SPD in der Vergangenheit teils ermüdende Kandidatenrennen liefen. Bei der SPD ist ja unter Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier schon längst das Rennen um die K-Frage gestartet.

Doch so ermüdend solch ein Rennen sein mag - es hält eine Partei im Gespräch. Und wollen sich Claudia Roth, Jürgen Trittin und eben Özdemir leisten, bei einem Thema nicht im Gespräch zu sein? "Ich gehe davon aus, dass die Frage nicht auf uns zukommen wird", sagte Özdemir. "Und wenn sie auf uns zukommen wird, werden wir sie beantworten."

Was auch immer das heißen mag: Wollen die Grünen erst sagen, wer ihr Kanzler sein soll, wenn sie das Baden-Württemberg-Modell Grün-Rot auch auf die Bundesebene geschafft haben und die Bundestagswahl gelaufen ist? Oder werden sie die Frage in eineinhalb Jahren Anfang 2013 beantworten und einen Kandidaten aufstellen, falls die Umfragen so gut bleiben? Seine Partei wachse nachhaltig, insofern sei sie eine Volkspartei, sagte der Grünen-Chef. Dass der gelernte Erzieher dann die K-Frage nicht zulassen will, dürfte wohl vor allem erzieherische Gründe haben. Als Parteivorsitzender sei auch seine Aufgabe, "dass wir nicht abheben".