Kein Zweifel: Wir haben allen Anlass zur Sorge – Überbevölkerung, Verlust der Artenvielfalt , Lebensraumzerstörung, Klima , Kriege, Nahrungsmangel , Trinkwasser-Versorgung und so weiter. All dies sind Themen, die für das Überleben des Homo sapiens – des sich selbst weise wähnenden Menschen – im 21. Jahrhundert noch wichtiger werden denn je.

Nehmen wir nur ein Bespiel: Einerseits konnten sich die Staats- und Regierungschefs seit Kopenhagen nicht auf verbindliche Klimaschutzziele einigen. Andererseits ist sich die Mehrheit der Klimaforscher sicher, dass der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden muss, um unumkehrbare Veränderungen des Klimas abzuwenden, etwa den Anstieg des Meeresspiegels, die Ausdehnung der Wüsten und die Häufung von Wetterextremen.

Wohllebens persönliche Angst vor der Zukunft

In der Konsequenz heißt dies: Die auf uns alle in den nächsten Jahrzehnten zukommenden Katastrophen werden gewaltig sein – und ebenso die Kosten, die laut einer jüngsten Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) von Regierungen, Steuerzahlern und Unternehmen aufzubringen sein werden – entweder beim Versuch diese unheilvolle Entwicklung doch noch zu bremsen oder spätestens dann, wenn es darum geht, die Folgen und Schäden unseres Tuns sowie unserer Tatenlosigkeit wieder in den Griff zu bekommen.

Wir wissen das alles, doch wir handeln nicht danach. In jedem Fall ist all dies Grund genug, sich Sorgen zu machen.

Im Angesicht der vielen Besorgnis erregenden Nachrichten unserer Zeit schreibt sich nun einer der beinahe sieben Milliarden Menschen auf der Erde, Peter Wohlleben, seine persönliche Angst vor der Zukunft von der Seele.

"Evolution 2.0" betrachtet die Erdentwicklung

Der Titel seines kleinen Büchleins „Evolution 2.0“ ist dabei ebenso modisch wie irreführend. Denn Wohlleben geht es gerade nicht um eine zweite Ausgabe der Evolution. Vielmehr ist seine alles andere als neue These, dass allein wir bei der Achterbahnfahrt namens Evolution aus der Kurve getragen werden könnten.

Wenn Biologen in der Tradition Darwins von Evolution reden, haben sie stets lange Zeiträume im Blick – Betonung auf lange. Nur so funktioniert Evolution durch Selektion. Leben gibt es seit 3,5 Milliarden Jahren auf unserer Erde (die knapp 4,5 Milliarden Jahre alt sein dürfte), seit den Anfängen der durch Fossilien überlieferten Tiere und Pflanzen sind wenigstens 600 Millionen Jahren vergangen.

Dagegen bemisst sich die für den Menschen als eine – wenngleich ungewöhnliche – Lebensform unmittelbar relevante Zeitspanne nach nur einigen wenigen Millionen Jahren; und dies auch nur dann, wenn wir unsere australopithecinen Ahnen großzügig mit einbeziehen. Wir, der moderne Mensch Homo sapiens, ist dabei eine evolutionäre Eintagsfliege – mit einer Vergangenheit von kaum mehr als 200.000 Jahren.

Menschen denken allenfalls in Jahrhunderten

Meistens denken Menschen freilich in anderen Dimensionen. Wer nicht gerade Evolutionsbiologe ist, bemisst lange Zeiträume nur mehr nach Jahrzehnten, allenfalls Jahrhunderten. Jedenfalls denkt er ausschließlich in geschichtlicher Zeit, gar nur nach Generationen von Vorfahren und Nachfahren – und vor allem denkt er nur an sich und die Seinen.

Wohllebens grundsätzlich richtiger Denkansatz kreist um ein zweites weit verbreitetes Missverständnis um Mensch und Evolution. Keine Frage, dass sich die Entwicklung unsere Spezies von der anderer Lebewesen unterscheidet; keine Frage auch, dass bei uns seit Beginn der menschlichen Zivilisation vor zehn oder zwölf Jahrtausenden Evolution stattgefunden hat.

Dennoch ist es gleichsam der Lieblings-Irrtum des modernen Menschen, dass wir keinen Evolutionszwängen mehr unterliegen. Mögen auch zusätzlich neue, kulturell überformte Selektionsfaktoren an die Stelle der allein natürlichen Selektion getreten sein und neue Technologien die Entwicklung des Menschen beschleunigen – es ist biologisch unsinnig, von einer Evolution 2.0 oder gar einem Leben 3.0 zu reden, als ob es wie bei Computerprogrammen beliebig neue Versionen gäbe.

Von der Seelenlage des Patienten Mensch

Bei der jüngeren Computer-Generation machte vor Jahren der von Tim O’Reilly stammende Begriff des „Web 2.0“ die Runde; daraus nimmt auch Wohlleben im Titel Bezug.

Sein Buch vermittelt zwar keine neue Erkenntnisse, dennoch ist es lesenswert, weil es – ganz ähnlich wie die Bekenntnisse auf der berühmten Couch beim Psychiater – ganz unmittelbar und unverstellt die Seelenlage des Patienten Menschen offenlegt; eines Patienten, der ebenso mit sich wie mit seiner Umwelt Probleme hat, neuerdings und immer mehr.

Doch die Frage drängt sich auf: Müssen wir ihm helfen? Oder anders: Müssen wir die Erde und die Menschheit retten? Und wie könnte dies überhaupt gelingen?

Die Zeichen für unsere Spezies stehen schlecht

Jener weit verbreitete Irrglaube von einer vermeintlichen Abkopplung des Menschen vom Evolutionsgeschehen speist sich aus zwei Quellen. Zum einen aus der überkommenen, längst noch nicht abgelegten Anmaßung und Selbstüberhöhung des Menschen als Krone der Schöpfung.

Zum anderen aus der Allmachtsvorstellung, der Mensch sei nicht mehr den Mechanismen der Evolution unterworfen, er müsse seine Existenzweise nicht mehr seiner Umwelt anpassen, für ihn gelten andere Gesetze als die der Biologie und er forme die Welt gemäß seinen Bedürfnissen und Vorstellung (wie uns unlängst etwa auch eine Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft glauben machen wollte).

Doch es ist genau das: ein Irrglaube, wenn wir denken, die Welt, die Natur, die Arten und das Klima müssten oder könnten gerettet werden. Allenfalls unsere eigene Spezies könnten wir hoffen zu retten, aber auch dafür stehen die Zeichen schlecht.

Evolution 1.0 könnte uns wieder überraschen

Vermutlich fehlen dem Homo sapiens dafür die biologischen Mittel, allen voran die eben nicht nur theoretische, sondern in die Praxis umgesetzte Einsicht, nicht permanent nur den unmittelbaren Nutzen anzustreben.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass die Evolution 1.0 aufgrund jener unheilvollen Kombination aus menschlichem Größenwahn und Unvermögen eine neue Wendung einschlägt, wie dies etwa nach der erdumspannenden Katastrophe eines Meteoriteneinschlags vor 65 Millionen Jahren geschah (dem unter anderen einige Arten von Dinosauriern zum Opfer fielen, während andere nahe Verwandte in Form unserer Vögel weiterlebten).

Nach derartigen Weichenstellungen wird das Leben auf der Erde ein weiteres Mal neue Wege gehen – sehr wahrscheinlich noch sehr lange. Nur eben ohne uns, so die Botschaft, über die auch Peter Wohlleben aufzuklären versucht. Keine schönen Aussichten.

Peter Wohlleben: "Evolution 2.0. Die Macht und Ohnmacht des Homo sapiens", wjs, Berlin. 187 S., 16,90 Euro.