Das Prinzip „Christiansen“ hatte Rapper Samy Deluxe zum Glück noch nicht verinnerlich. Breitbeinig auf dem Sitz lümmelnd, die Hände in die Taschen der sportlichen Jacke gesteckt, plauderte er mit erfrischender Ehrlichkeit über die Jugend von heute, als deren Experte die Moderatorin ihn eingeladen hatte. Doch zum Coolness-Faktor von „Flatrate-Partys“ wollte der Teenie-Kenner sich nicht äußern („da bin ich vielleicht schon zu alt für“), stattdessen kritisierte er den arg einseitigen Film-Einspieler, der genusssüchtige Jugendliche beim Sonnenbad auf der grüne Wiese zeigte, und dann verweigerte er sich auch noch bei der unvermeintlichen Kinderkrippen-Debatte. Ob Kinder ihre Eltern nun in die Krippe stecken oder nicht, sei doch ihre Sache. „Ich dachte, wir reden hier über Jugendliche!“, hielt er der Moderatorin vor, die ihre Frage unbeeindruckt von der plötzlichen Kritik schnell an einen anderen weitergab.
Willige gab es genug. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) zum Beispiel, die sehr gerne über Krippen redet. Im strengen Tonfall, der keine Unterbrechungen duldete, sprach sie von Eltern, die gute Eltern sein wollen, aber Perspektiven brauchen, von einem Alkoholverbot für unter 18-Jährige, der Wichtigkeit von klaren Regeln und bedingungsloser Liebe, dass es einem kalt den Rücken runter lief. Voller Verständnis nickt sie milde, als ihr Jette Joop ihr Herz über ihre Erziehungssorgen ausschüttet und der Journalist und zehnfache Vater Jürgen Liminski von der Bedeutung einer gemeinsamen Mahlzeit im Kreis der Familie philosophiert. Die Retterin der deutschen Eltern hat für solche Sorgen immer ein offenes Ohr.
Nur der „böse“ Rapper Deluxe rieb sich nachdenklich das Kinn, als sie lauthals forderte, bei der Kindererziehung das Potenzial der Senioren zu nutzen. Wenn die „Bosse“ aus dem Bundestag schon sagen, „wir sind nicht zuständig“, sei es nicht verwunderlich, dass die „Kids“ den Glauben an ihr Land verlieren, argumentierte er. Mit dem Delegieren von Maßnahmen, mache es sich die Politik zu einfach. „Die Grundstimmung ist ziemlich frustig“, versuchte Christiansen sich an einer jugendgemäßen Zusammenfassung seiner Worte.
Zwei weitere Streithähne
So wie der coole Rapper mit der spießigen Ministerin nicht harmonieren wollte, war auch die Beziehung zwischen dem disziplinliebenden ehemalige Internatsleiter Bernhard Bueb und dem Verfechter der anti-autoritären Erziehung Schauspieler Tilo Prückner auf Konflikt programmiert. Mit Urinproben und Alkoholtests stellt das Internat sicher, dass die Schützlinge die Finger von Drogen lassen. Die Debatte um das Fehlen von Werten habe es schon vor 100 Jahren gegeben, wiederholte Bueb am laufenden Band. Damals habe man als Lösung die Pfadfinder und Landheime ins Leben gerufen. Etwas ähnliches sei heute auch notwendig.
Weitgehend unbeachtet von der Moderatorin und der Gesprächsrunde wetterte Prückner derweil gegen die „Suchtgesellschaft“ und die skrupellose Wirtschaft, die sich ihre Zielgruppe zurecht züchtet.
Im allgemeinen Wirrwarr über Kinderkrippen, Pfadfinder und Flatrate-Partys ging die eigentliche Frage der Sendung - „Was kann die Jugend von den Alten lernen“ - völlig unter. „Liebe geben ist immer das Wichtigste“, resümierte Rapper Deluxe hoffnungsvoll. In den Lobgesang auf die allumfassende Macht der Liebe stimmten auch die Großfamilien-Vertreter von der Leyen und Journalist Liminski mit ein. Die passendere Botschaft fasste jedoch der ehemalige Internatsleiter zusammen: „Wiederholung ist das Maß aller Dinge“.


