"No Country for old Men"

So ist der große Oscar-Siegerfilm

"No Country for old Men" hat vier Oscars erhalten, darunter Beste Regie und Bester Film. Joel und Ethan Coen erzählen in diesem Meisterwerk von Gangster und Killern, die zwei Millionen Dollar hinterherjagen. Ein radikaler Film über die Machtlosigkeit des Guten. Ab Donnerstag läuft er in den deutschen Kinos.

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Ein Mann findet in der Wüste ein paar erschossene Mexikaner, eine Wagenladung Koks und eine Tasche voller Geld. Er nimmt das Geld und haut ab. Nun ist die Drogenmafia hinter ihm her. So weit, so Hollywood. Aus diesem konventionellen Plot hat Cormac McCarthy einen Roman gemacht, der einem das Herz bricht. Der einem selbst dann den Glauben an Gott rauben kann, wenn man gar nicht an Gott glaubt. Aus McCarthys Roman haben Ethan und Joel Coen ihren bislang besten Film gemacht. Und das will was heißen.

"No Country for old Men" beschreibt einen Todestanz. Der Todesengel ist der professionelle Killer Anton Chigurh, mit beängstigender Intensität gespielt von Javier Bardem. Nominell ist er im Auftrag der Mafia unterwegs. In Wirklichkeit folgt er seinem eigenen Gesetz. Seine bevorzugte Waffe ist ein Bolzenschussgerät, aber er mordet mit allem, was gerade zur Hand ist. Sein Opfer ist der Mann mit der Geldtasche.

Der Sheriff kommt immer zu spät

"Sein ganzes Leben lag vor ihm", heißt es im Roman über den Augenblick, da der Gelegenheitsarbeiter Llewellyn Moss in der texanischen Wüste die Tasche mit den Millionen aufmacht. "Tag für Tag, von morgens bis abends, bis zu seinem Tod. Alles konzentriert auf vierzig Pfund Papier in einem Aktenkoffer."


Man gönnt Llewellyn - gespielt vom kampferprobten B-Movie-Schauspieler Josh Brolin - das Geld und das gute Leben. Der Vietnam-Veteran ist ein liebenswertes Schlitzohr, er hat einen Wohnwagen, eine Frau und ein paar Grundsätze. In einem der früheren Coen-Brothers-Filme wäre er davongekommen, vielleicht ohne das Geld. Hier hat er keine Chance. Die Frage ist nicht, ob er sterben wird, sondern, wie in der griechischen Tragödie, nur wann, wo und wie.


Bei den Griechen kommentiert der Chor den Verlauf der Tragödie. Bei McCarthy und den Coen-Brüdern ist es der ausgebrannte Sheriff Tom Ed Bell. Er ist Chigurh auf der Spur, aber immer kommt er die entscheidenden Minuten zu spät. Vielleicht hat er nur deshalb überlebt. "Irgendwo da draußen gibt es einen wahrhaften, lebendigen Propheten der Vernichtung, und dem will ich mich nicht stellen", sinniert er. "Ich bin ein einziges Mal vor diese Augen hingetreten. Das tue ich nie wieder. Das hat nicht bloß mit dem Älterwerden zu tun ..."

Der grandiose Tommy Lee Jones

Aber es hat viel damit zu tun. Denn das Land - die Wüste, die Grenzregion zu Mexiko, Texas, die USA - ist eben kein Land für alte Männer. Ist es wohl nie gewesen. Sheriff Bell ist ein aufrechter Konservativer, der an Werte glaubt und darum an diesem Land verzweifelt. "Irgendwo hab' ich immer geglaubt, ich könnte ein bisschen was reparieren, aber so kommt's mir längst nicht mehr vor. Man verlangt von mir, dass ich für was eintrete, an das ich nicht mehr so glaube wie früher mal", sinniert der Sheriff im Roman.

Im Film gibt der grandiose Tommy Lee Jones dieser Aufrichtigkeit und dieser Verzweiflung Ausdruck, ohne viel zu sagen. Seine Bedächtigkeit, seine Höflichkeit, seine Klugheit und seine Müdigkeit sind eine stete Anklage, dass er sein Amerika mit Chigurh und den Drogenbossen und ihren Kurieren und Killern teilen muss und mit Männern wie Llewellyn, die nicht um ihre Sterblichkeit wissen.


Die Coen Brothers zeigen dieses Land in seiner ganzen Unerbittlichkeit. Die Härte der Wüste. Die kompromisslose Hässlichkeit der kleinen Städte aus Pressspan und Dachpappe. Die Traurigkeit heruntergekommener Motels, Cafés und Menschen. Es sind die Landschaften und Landstraßen aus den frühen Meisterwerken "Blood Simple" oder "Fargo", wo Menschen unterwegs sind mit Revolvern im Gürtel oder Leichen im Kofferraum. Aber aus dem Spiel ist Ernst geworden.



Hoffnung ist nirgendwo zu spüren



Am Ende von "Fargo" sitzt der festgenommene Mörder im Polizeiwagen, und die schwangere junge Polizistin fragt ihn, ehrlich verwundert, warum er sein Leben weggeworfen habe, zudem es ein so schöner Tag sei. Am Ende von "No Country for old Men" ist der Killer immer noch irgendwo da draußen, und der Sheriff sinniert: "Ich dachte immer, wenn ich älter bin, würde Gott in mein Leben treten. Das hat er nie getan. Was ich ihm auch nicht verübeln kann."


Wie das andere Meisterwerk dieses Frühjahrs, Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood", ist "No Country for old Men" eine Auseinandersetzung mit den großen Süchten Amerikas: Öl, Drogen, Geld und Gewalt. Das Böse verorten sie fest im Land. In Andersons epischem Film über den Aufstieg des Ölbarons Daniel Plainview ist es die wachsende Paranoia, die aus dem Selfmademan ein Selfmademonster macht. Im Kammerspiel der Coen-Brüder ist es der kalte, materialistische Fatalismus des Anton Chigurh, der sich als Werkzeug des Schicksals begreift.

Beide Filme und beide Regisseure sind für den Oscar nominiert. Beide Filme markieren einen neuen, düsteren Blick Hollywoods auf Amerika, wie zuletzt in den Jahren des Vietnam-Traumas, als sich die Traumfabrik von den noblen Mythen des Westerns verabschiedete.

"No Country for old Men" spielt am Rio Grande, in John-Wayne-Country. Und Tommy Lee Jones hat in seiner Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit etwas von Wayne. Wenn aber der Gute auf die Rolle des Kommentators reduziert wird - welche Hoffnung gibt es da?