Rudely Interrupted

Wie fünf behinderte Musiker Australien erobern

Er ist blind, Autist, Epileptiker und hat einen offenen Gaumen: Trotzdem gelingt Rory Burnside mit seiner Band "Rudely Interrupted" in Australien gerade der Durchbruch – obwohl, oder vielleicht gerade weil die Mitglieder behindert sind.

Foto: HO/Rudely Interrupted

Der Gitarrist und Sänger Rory Burnside wurde blind geboren, mit gespaltener Lippe und mit offenem Gaumen. Später stellte man bei ihm das Asperger-Syndrom, eine autistische Verhaltensstörung, fest, zuletzt Epilepsie. Jetzt ist er das Gesicht der Rockband Rudely Interrupted, Burnside gilt als Star der Gruppe. Er ist 24 und singt durch die Nase wie Bob Dylan. Er spielt die Gitarre aus der Hüfte und verkehrt herum wie Jimi Hendrix. Und er tanzt mit fliegenden Händen wie Joe Cocker. „Manches kann ich schwerer kontrollieren“, sagt er, „manches dafür umso besser.“

Das absolute Gehör

Dank seiner Behinderungen besitzt Rory Burnside das absolute Gehör. Bereits als Kleinkind soll er das Klavier im Haus intuitiv gemeistert haben. Unbekümmert tritt er auf die Bühne, und so sehr er sich versenkt in seinen Vortrag, so gern unterbricht er sich dabei, um seine Mutter anzurufen. „Er hat keine Vorstellungen von sozialen Normen“, sagt die Mutter. Damit ist er der geborene Rocksänger. Die Menschheit ist von ihm und seiner Band begeistert, von ihren Konzerten und den Videos bei Youtube.

Vor fünf Jahren gründete ein Therapeut in Melbourne an der Südküste Australiens die Band Rudely Interrupted. Rohan Brooks beschloss, dass Rory Burnside kein Patient sein sollte, der mit Klangschalen Kontakt zur Umwelt aufnimmt, sondern mit Gitarre und Gesang, als Musiker. Sam Beke, einen kleinen, kahlen Mann mit Down-Syndrom, stellte Brooks an den Bass. Josh Hogan setzte sich ans Schlagzeug, ein Autist mit spastischer Motorik. Marcus Stone kam taub zur Welt, er lebt mit Asperger wie Burnside und spielt Keyboards. Connie Kirkpatrick, blind und mit Down-Syndrom, bedient das Tamburin und tanzt.

Der Gründer Rohan Brooks hält sich im Hintergrund als zweiter Gitarrist. Er sagt: „Meine Kollegen sind keine Behinderten, die musizieren. Sie sind Musiker, die auf verschiedene und vielfältige Art behindert sind.“

Sie hielten sich nicht lange mit den Proben auf. Nach wenigen Wochen gab Rudely Interrupted bereits landesweit Konzerte, ihre Hallen wurden größer und die Auftritte bedeutender. Die Gäste filmten sie mit ihren Telefonen und stellten die Aufnahmen ins Internet mit glühenden Empfehlungen. Die Videos wurden hysterisch kommentiert. 2008 luden sie die UN nach New York ein, wo sonst Würdenträger vorsingen wie Bono und Bob Geldof. Sie spielten beim Laneway-Festival in Melbourne, 2009 beim Woodford-Folk-Festival in Kanada und 2010 in Washington beim VSA, dem Festival für „Very Special Arts“. Sie unternehmen in Australien und Amerika Tourneen mit dem Bus. Inzwischen drehen Filmemacher einfühlsame Dokumentationen über Rudely Interrupted. Rory Burnside sitzt mit seinem Beistand Rohan Brooks in Talkshows. Es geht darum, was Behindertsein im Jahr 2011 bedeutet, in den Medien und im öffentlichen Raum.

Behinderung als Fluch und Segen

Vor 150 Jahren zog Phineas Taylor Barnum mit Verwachsenen und Missgebildeten im Wanderzirkus durch Amerika. Mitte des 20. Jahrhunderts feierten die Künstler der Art Brut die Malereien von Behinderten als wahren Seelenausdruck. Und seit jeher überhöht die Popkultur die schicksalhaften Außenseiter. Blinde Blues- und Soulsänger. Gelähmte Musiker in Rollstühlen. Michel Petrucciani galt trotz seiner Glasknochen als Jazztitan. Der schizophrene Liedermacher Daniel Johnston wird bei seinen seltenen Auftritten begrüßt wie ein Erlöser in der Welt des einfältigen Popsongs. Immer ging es um Behinderung als Fluch und Segen. Um die Linderung des Leids durch Darbietungen, Künste und Musik. Vor allem aber ging es um das Publikum, das froh war, weitgehend intakt zu sein, aber auch mitfühlte und jede Anstrengung zu würdigen wusste. Station 17, eine Pfleger- und Patientenband der Kirchenstiftung Alsterdorf in Hamburg, wehrt sich nun seit 20 Jahren gegen ihren Ruf, ein musizierendes Integrationsprojekt zu sein. Sie spielten mit berühmten Musikern. Sie nahmen anspruchsvolle Platten auf, die sie ironisch „Scheibe“ nannten. Station 17 werden unbeirrt als Irrenband betrachtet.

„Wir sind keine Sensation“, sagt Rory Burnside: „Wir sind eine Band.“ „Wir sind Musiker, einfach nur Musiker“, sagt Rohan Brooks. Ein großer Radiosender in Australien hatte ihre erste Single unablässig ausgestrahlt, ohne etwas zu ahnen von den Handicaps der Musiker. Dem Discjockey gefiel ihre Musik. Musikkritiker in Amerika vergleichen sie mit legendären Bands wie Joy Division und mit lebenden wie den Killers. Auf der Bühne sieht man den bescheidenen zweiten Gitarristen, einen wilden Schlagzeuger, den stillen Organisten, einen außer sich geratenden Bassisten mit vergoldetem Zylinder, das entrückte Go-Go-Girl mit seinem Tamburin und einen Sänger, der sich nicht zu schade ist als Star. Eine normale Rockband. „Tragedy Of The Commons“ heißt ihr Album, die Tragödie der Gewöhnlichen. Das soll nicht heißen, dass Behinderte die besseren Menschen sind. Es ist ein Witz auf Kosten aller. Selbstverständlich sind Behinderungen in der Unterhaltungsbranche Wettbewerbsvorteile. Unzählige unbeeinträchtigte Musiker bemühen sich mit auffälligen Auftritten und großartigen Stücken um ihren verdienten Ruhm. Sie zeigen sich im Internet und ernten ein paar beifällige Klicks und Kommentare. Manche schaffen es bis ins Kulturzentrum der Kreisstadt.

„Die Leute dürfen über uns lachen“

Rudely Interrupted profitiert vom herkömmlichen Umgang mit Behinderten. Vom Staunen und von Sensationslust, von Gewissenspflege, Gönnerhaftigkeit und Mitleid. Andererseits lebt die Band von der neuen Unbefangenheit. „Die Leute dürfen lachen über uns. Wir lachen über uns ja selbst“, sagt Rohan Brooks. Es war ein weiter Weg bis zu Rudely Interrupted und zur Normalität des anderen. Die Paralympics behinderter Sportler, Monica Lierhaus als Gesicht der Fernsehlotterie, der Contergan-geschädigte Heldentenor Thomas Quasthoff, Tourette-Komödien wie „Ein Tick anders“. Die Behinderung ist eine Währung in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Aber sie gilt nur noch als Zuschlag: Ohne überzeugende Stücke wie „Don’t Break My Heart“ und „If You Wannit“ wäre Rudely Interrupted nur eine Behindertenkapelle.

Menschen ließen sich schon immer gern von Menschen unterhalten, die nicht waren, wie sie selbst. „Wir musizieren menschlicher“, sagt Rory Burnside. „Weil wir keine voll funktionstüchtigen menschlichen Maschinen sind.“ In „Close My Eyes“ erklärt der blinde Sänger: „Close my eyes, open my heart. A, B, C, D, E. I’m feeling so free.“ Im Video dazu spielt die Band auf Bässen und Gitarren, denen Saiten fehlen. Für den Kurzfilm wurden sie beim Werbefestival in Cannes geehrt mit einem Goldenen Löwen. „Eines irritiert die Leute an mir nach wie vor: Ich trinke keinen Alkohol“, sagt Rory Burnside.