So ist Deutschlands Geigen-Glamourgirl (von inzwischen 44 Jahren) um einen weiteren - bedeutenden - Preis reicher. Doch einige Fragen bleiben. Der Siemens-Musikpreis will sich verjüngen, das wird immer wieder deutlich. Verdiente Künstler im Greisenalter sind nicht so sexy in der Außenwirkung.
Unbegreiflicherweise ist Anne-Sophie seit 1974 zudem nun die erste Frau, die den Preis erhält. Doch verwundert, dass ihn nun zuerst eine Interpretin bekommt und kein Komponistin. Mindestens die 76-jährige Sofia Gubaidulina (deren jüngstes Violinkonzert Mutter unlängst uraufgeführt hat) und Kaija Saariaho (55) fallen einem da sofort ein, mit denen man ein stärkeres kreatives Ausrufezeichnen hätte setzen können.
Und auch im Bereich der Interpretinnen wären einem aufregendere Künstlernaturen in den Sinn gekommen: die wunderbare gehörlose Schlagzeugerin Evelyn Glennie, ein Kommunikationsgenie sondergleichen, oder die auch im Rentenalter feurig wie ein junges Mädchen ihre Klaviertasten traktierende Martha Argerich, die sich zudem für die Nachwuchsförderung nicht nur bei ihren eigenen Kammermusikfestivals sehr einsetzt.
Sicher, auch Anne Sophie Mutter macht sich vehement für junge Talente und Musikunterricht stark, spielt entweder für exorbitante Gagen oder in Benefizkonzerten, wie jüngst bei den Berliner Philharmonikern, die sie sich sonst nicht mehr leisten wollen/können. Auch viele bedeutende Uraufführungen hat Mutter initiiert. So auch von Wolfgang Rihm, der im Preis-Kuratorium sitzt.
Und doch wirkt Anne-Sophie Mutter dabei meist so gelackt wie ihr Spiel. Zuviel scheint in ihrer Karriere Kalkül. Eine berühmte erste Preisträgerin also. Aber nicht die beste. Vor allem keine, die die Spontaneität lebendigen Musizierens von heute verkörpert.



