Eines sollten sich Politiker besser nie gestatten: öffentlich ihre Liebe zu den Pop-Helden ihrer Jugend bekunden. Falls es sich nicht gerade um ältere Herrschaften wie Marius Müller-Westernhagen oder die Scorpions handelt, die nehmen müssen, was sie bekommen können, geht solches Fanboy-Getue immer schief. Popmusiker wollen sich nun einmal selbst aussuchen, wer sich zu ihren Liedern jung und wild und rebellisch fühlt.
Jetzt hat es den konservativen englischen Premier David Cameron erwischt. Der hatte ein paar Mal zu oft erzählt, wie unendlich viel ihm „The Smiths“ immer bedeutet haben, eine der wenigen Indie-Bands der 80er, die nicht auf Seiten der Linken standen, aber dennoch nie mit einem Talent zum bürgerlichen Stillhalten gesegnet waren. Zuerst gab Johnny Marr, Gitarrist der 1987 aufgelösten Band, auf seinem Twitter-Account durch: „David Cameron, hören Sie endlich auf damit, zu sagen, dass Sie die Smiths mögen. Nein, das tun Sie nicht. Hiermit untersage ich Ihnen, die Smiths zu mögen.“
Nun hat Morrissey nachgelegt, der „Smiths“-Sänger, der von den beiden immer schon das deutlich lautere Großmaul gewesen ist. Auf seiner Website „True to You” schrieb er sich in eine Rage, die Cameron in dieser Legislaturperiode vermutlich nie wieder erleben wird müssen. Auch er verbiete sich nachdrücklich, vom britischen Premier gemocht zu werden. Weil dieser David Cameron ein Anhänger der Jagd sei, ganz offensichtlich zu seinem Vergnügen Hirsche jage, schieße und töte. Für Tierfeinde wie ihn hätten die „Smiths“ nicht Platten wie „Meat is Murder“ aufgenommen, ganz sicher nicht.
Grund für Morrisseys Diatribe sind Camerons Ankündigungen, den „Hunting Act“ überprüfen zu wollen, der seit Anfang 2005 in England und Wales die atavistische, aber auch sehr britische Hetzjagd auf manche Tiere durch Hundemeuten verbietet. Nichts jedoch hasst Morrissey so sehr wie Menschen, die Tieren Gewalt antun oder sie auch nur dulden. Bei seinen Konzerten kann es schon mal vorkommen, dass er unterbricht, wenn ihm der Duft von Bratwürstchen in die Nase steigt. „Ich hoffe, dass es der Geruch von verbrannten Menschenfleisch ist, den ich hier rieche“, hat er bei einer solchen Gelegenheit mal gesagt.
Jäger, so spuckt Morrissey mit allem Abscheu, zu dem er knapp vor einer Beleidigungsklage fähig ist, vor Cameron aus, „sind vom Wahn befallen, sie besäßen das Recht, die Natur als ihr Eigentum zu behandeln, und ihre Erniedrigung menschlicher Standards wird jedes Mal sichtbar, wenn man sie für ihre Aktivitäten kritisiert.“
Und weil er gerade so schön dabei ist, gibt Morrissey gleich allen anderen einen mit, die Gottes Natur ebenfalls an den Pelz wollen. Roxy Music zum Beispiel, eine Band, die er immer gerne gemocht habe – aber nur, weil er nicht wusste, dass deren Sänger Bryan Ferry ebenfalls ein Jäger sei. Oder aus leicht nachvollziehbaren Gründen dem Koch „Jamie Horrible“ Oliver.
Ganz besonders grimmig geht Morrissey mit der Königlichen Familie ins Gericht. Mit Prince Williams („der in der englischen Seele noch nie auch nur den blassesten Eindruck hinterlassen hat“) und seiner Verlobten Kate Middleton, „zwei so strohdumme Menschen, dass über sie kein Gespräch möglich ist“; mit Williams Bruder Prince Harry, der sich mit einem feige aus sicherer Entfernung abgeschossenen Wasserbüffel fotografieren habe lassen; und mit Ihrer Majestät höchstselbst, die es zulasse, dass Jahr für Jahr kanadische Bären abgeschlachtet werden, nur damit ihre Guards mit albernen Mützen ausgestattet werden.
Immerhin hat Morrissey nicht Camerons Kopf gefordert. Das hat bisher nur jener Künstler geschafft, der davon lebt, Tierleichen einzulegen. Was Damien Hirst betrifft, hat Morrissey gesagt, fände er es durchaus in Ordnung, dessen Kopf in einer Tüte herumzutragen.





