Der Graf

Der Unheilig-Sänger steht auf Rammstein

Um sein Privatleben macht Der Graf von Unheilig im Gespräch mit Morgenpost Online ein Geheimnis. Statt dessen bewundert er Herbert Grönemeyer.

Vor diesem Mann gibt es gerade kein Entrinnen: Glatze, eigenartiger Backenbart, geschätzt Ende 30, nennt sich Der Graf - und ist Deutschlands mit Abstand erfolgreichster Musiker des Jahres.

Morgenpost Online: Herr Graf, einerseits sind Sie sehr nahbar und geben stundenlang Autogramme, anderseits halten Sie Distanz. Man weiß nicht: Hat er Frau, Kinder, was treibt er sonst so, der Graf?

Der Graf: Ja, das soll auch so sein. Ich finde es schön, wenn ich nur durch meine Musik bekannt bin. Deshalb nenne ich mich in der Öffentlichkeit auch nur Der Graf. Im Internet grassieren viele Namen, geeinigt hat man sich gerade wohl auf Bernd Heinrich Graf.

Morgenpost Online: Möchten Sie das Geheimnis um Ihren Namen lüften?

Der Graf: (lacht) Zu Spekulationen über meinen Namen äußere ich mich nicht. Nein, ich brauche mein Privatleben, ich brauche meine Ruhe. Mir ist durchaus klar: Gerade, wenn man nichts erzählt, schürt man noch mehr Neugierde. Aber trotzdem werde ich nie meine Wohnung oder meine Eltern oder wen auch immer zeigen. Ich habe ein ganz normales Leben wie jeder andere auch. Das ist aber mein privater Schatz, den gebe ich nicht preis.

Morgenpost Online: Und das sollen die Medien akzeptieren?

Der Graf: Was bleibt ihnen übrig? Ich hatte schon viele Anfragen von großen Zeitungen. Dann wollten die jedoch plötzlich irgendwelche Kinderfotos oder Fotos aus meiner Bundeswehrzeit, aber ich habe gesagt: "Nee". Dann gab es halt kein Interview, keine Geschichte. Viele Kollegen überlegen vorher schon, wenn sie ein neues Album rausbringen, was sie diesmal noch an Intimitäten auspacken, um eine gewisse Aufmerksamkeit zu bekommen. Das werde ich niemals tun. Und ich hoffe auch, dass das akzeptiert wird.

Morgenpost Online: Mussten Sie sich seit Ihrem Erfolg sehr umgewöhnen?

Der Graf: Nein, ich bin ganz normal geblieben. Wenn ich privat unterwegs bin, dann erkennen mich auch die Wenigsten. Ich laufe halt sonst nicht im schwarzen Anzug und mit geschniegeltem Schädel rum. Da habe ich ganz normale Klamotten an. Ich hoffe, dass das so bleibt. Bis jetzt brauche ich mein Leben nicht zu ändern.

Morgenpost Online: Spüren Sie Druck, wenn der Chef Ihrer Plattenfirma sagt: "Bis Weihnachten verkaufen wir eine Million Alben von Unheilig"?

Der Graf: Es ist schon komisch, jetzt überall so gefeiert zu werden. Ich selbst sehe mich ja immer noch so wie vor Jahren. Das Größte ist für mich, im Studio zu sitzen und meine Lieder zu schreiben. Wenn man mich mit Lobhudeleien überhäuft und man plötzlich als Megastar angekündigt wird, dann denke ich, die reden über jemand anderen. Die Rekorde und Verkaufszahlen, die sind anderen wichtiger als mir. Aber klar: Es ist auch toll, endlich mit der Musik Geld zu verdienen und auch endlich mal meine Eltern beruhigen zu können, denn die sehen inzwischen, dass sie sich keine Sorgen mehr machen müssen über den Jungen.

Morgenpost Online: Ihre Familie scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

Der Graf: Ohne Mutti wäre ich nie so weit gekommen. Ich habe meinen Beruf als Hörgeräteakustiker vor zehn Jahren ja aufgegeben in der vagen Hoffnung, dass ich mit meiner Musik irgendwann Erfolg haben würde. Meine Eltern haben trotzdem hinter mir gestanden, mich seelisch und finanziell unterstützt. Und gerade meine Mutter hat immer ihre schützende Hand über mich gehalten. Auch, wenn ich mal an mir gezweifelt habe, in dreckigen Clubs spielen musste, keine Dusche, keine Couch hatte und mich nur ganz langsam nach oben gearbeitet habe, hat sie mich immer bestärkt. Die Durststrecke war wirklich sehr lang, und ohne die Mutter hätte ich das nicht überstanden.

Morgenpost Online: Sie haben sieben Alben gemacht und sind durch die Lande getourt. Kann man da überhaupt von Durststrecke sprechen?

Der Graf: Doch, schon. Das kostet erstens viel Geld, ständig zu reisen und sich um Auftritte zu bemühen und Platten aufzunehmen. Außerdem haben wir oft in echten Löchern gespielt, ich war also auch häufig krank. Es frustriert auch, wenn du siehst, wie andere im Fernsehen ihre Lieder singen oder im Radio gespielt werden. Das war eine schwere und anstrengende Zeit.

Morgenpost Online: Die meisten haben ja erst in diesem Jahr von Ihnen Notiz genommen. Sie waren zuvor nur der Gothic-Szene ein Begriff. Und auf einmal sind Sie ganz oben. Was ist da passiert?

Der Graf: Ich habe "Große Freiheit" auch nicht anders gemacht als die sechs Alben davor. Ich war ja mit dem vorherigen Album "Puppenspiel" im Gothic-Bereich schon echt erfolgreich gewesen. Diesen Sprung nun zu machen, das lag immer außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich frage mich selbst, wie das gekommen ist.

Morgenpost Online: Und?

Der Graf: Das hört sich typisch deutsch an, aber wenn du mit Fleiß und Disziplin über Jahre das tust, was du gerne tust, dann findest du irgendwann deinen Erfolg. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich war auch immer überzeugt, dass ich keine Szenemusik mache, sondern dass meine Lieder alle ansprechen. "Große Freiheit" ist jetzt auch so lange auf Platz Eins, weil mich nach und nach die Menschen kennenlernen. Das ist kein schneller Erfolg. "Geboren um zu leben" hat ein paar Dominosteine in Bewegung gesetzt: TV, Radio und so weiter. Plötzlich kamen ganz normale Menschen zu den Konzerten, die nie vorher von mir gehört haben. Eine Eintagsfliege werde ich also nicht sein, das steht schon fest.

Morgenpost Online: Wer sind Ihre Vorbilder?

Der Graf: Von den Texten finde ich Grönemeyer unglaublich gut, auch Selig sind toll. Musikalisch stehe ich auf Rammstein.

Morgenpost Online: Das hört man.

Der Graf: Ich weiß. Bei meinen härteren Liedern sage ich meinen Produzenten sogar, ich möchte, dass es so klingt wie Rammstein. Also, mit diesem Vergleich habe ich wirklich kein Problem.

Morgenpost Online: Was finden die Leute in Ihren Liedern, in denen es viel um Hoffnung und Trost geht?

Der Graf: Ich schreibe meine Songs über die Sachen, die mich selber bewegen. Es ist erstaunlich, was da gerade alles an Briefen und E-Mails ankommt von Leuten, die sagen, wie sehr ihnen meine Lieder helfen. Das sind Menschen, die teilweise schlimme Schicksalsschläge erlebt haben. Ganz egal, ob auf Hochzeiten, Geburten oder Beerdigungen – meine Lieder laufen überall. Eine Frau hat mir geschrieben, sie hätte sich nur wegen "Geboren um zu leben" nicht umgebracht. Das ist extrem, da muss man schlucken. Diese Verantwortung ist enorm, aber der bin ich mir auch bewusst.