Biografien

Wie Charlie Chaplin aus der Gosse kam

Charles Chaplin kann jeder nachmachen. Aber kennen wir ihn wirklich? Nicht so, wie er im Buch des Psychoanalytikers Stephen Weissman steht. Er hat das Leben des Jahrhundertmannes aus dem Armenviertel Londons recherchiert, viel Neues zu erzählen, und er legt Charlie auf die Couch.

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Badezimmerszene: Napoleon Bonaparte, im Nachthemd, rasiert sich. Nach 30 Sekunden Blitzrasur ist nur noch ein kleines schwarzes Bärtchen unter der Nase zu sehen. Nun stutzt Bonaparte über dem Stutzer; derweil legt sich in sanfter Überblendung Europas Landkarte über das Gesicht des Usurpators. Das kleine Bärtchen landet genau auf Berlin. Das Spiegelbild Napoleons sagt: „Merde!“ und kratzt den haarigen Fleck von der Landkarte.

Umschnitt auf zweite Badezimmerszene: Adolf Hitler, im Nachthemd rasiert sich; er stutzt über den verschwundenen Stutzer und ruft hysterisch: „Eva!!!“

Diese Szene hat es nie gegeben. Was es gab, sind Entwürfe und über die Jahre immer wieder angesetzte Versuche von Charlie Chaplin, einen Napoleonfilm zu drehen.

Dies und noch mehr erfahren wir in der spannenden Biografie des amerikanischen Psychoanalytikers Stephen Weissman. Weissman hat das Leben dieses Jahrhundertmannes aus dem Armenviertel Londons sorgfältig recherchiert und viel Neues zu erzählen.

Aber nun: Hoppla, aufs Sofa! Charlie… erzähle, damit du dein Recht erweist, dich so aufgeführt zu haben: Als Gastgeber der wildesten 20er-Jahre-Partys von Los Angeles. Mit verdächtig willigen Girls, die manchmal noch ein bisschen williger gemacht wurden, als es die Polizei noch heute nicht erlaubt. Noch ist Polanski nicht verloren. Aber was wird aus unseren prominenten Toten, wenn sie uns ihre subjektiven Erinnerungen hinterlassen? Frei nach Mozart: Götter, die Marmor scheißen!

Charlie Chaplin liegt auf der Couch

Dass Chaplin mit 75 Jahren im Rückblick wie die meisten promiskuitiven Männer, auch wenn sie keine Genies sind, kleine Mädchen sentimental Revue passieren lässt, ist menschlich: männlich!

Weissman weiß mehr. Mit dem gesunden Abstand des Analytikers. Er macht uns deutlich, wie Chaplins beste Einfälle nur als Resultat seiner Verlustängste und der Unmöglichkeit von echten Happyends im Leben, die Happyends in seinen Filmen im höchsten Falle bittersüß erscheinen lassen.

Da die Mutter, gefeierte Komikerin der Londoner Music-Halls, später dem Wahnsinn verfällt, liebend nicht mehr zu erreichen ist, bleiben auch die vom armen Tramp verehrten Frauen in den berühmtesten Werken unerreichbar zurück. Nur ein Beispiel aus „Lichter der Großstadt“: Ein Mädchen, das durch den Tramp wieder sehen kann (Operation), dem er, als die Schöne noch blind war, einen Millionär vorgegaukelt hat, bekommt am Ende dann doch den echten Millionär. Wer sehen kann, darf nicht fühlen. Auf diese Weise bleibt das Publikum immer auf der Seite des davonwatschelnden Tramps.

Im Leben des der Armut entronnenen Charles blieben die kleinen Mädchen nur zeitweilig. Notfalls wurden sie auch geheiratet. Hier spielen gesellschaftliche Gründe eine Rolle. Womit wir wieder bei Napoleon sind; sehr einleuchtend beschreibt Weissman den zunächst recht oberflächlichen PR Gag von Mister Chaplin Ende der 20er-Jahre: Er erschien mit seiner blutjungen Angetrauten, kostümiert als Bonaparte und Josephine de Beauharnais. Immer wieder hatte Charlies Mutter ihm und seinem älteren Bruder Sydney private Improvisationen geboten. Der Vater, Charles Chaplin Senior bot zur Belustigung aller den kleinen Korsen. Übrigens: Chaplin sr. war ein berühmter Music-Hall Star, der sich zu Tode trank. Den Vaterverlust kompensierte Charlie zeitlebens durch Sydney.

Bruder Sydney half ihm durchs Leben

In Weissmans Biografie erfährt man, wie wichtig zeitlebens jener bodenständige „Sid“ für den Emotionsmenschen Charlie war. Neben vielen privaten Seelennöten bis hin zur Entlassung von Schauspielern, nutzte der im Grunde seines Herzens zutiefst schüchterne Künstler die breiten Schultern des geduldigen Bruders.

Wie auch immer: In meiner Erinnerung bleibt nach dieser Lektüre ein kleiner großer Engländer, der von Kindesbeinen an im Rampenlicht gestanden hatte und dem zufolge lebenslänglich an Bildungsmangel litt. Immerhin dufte er der einzige Nicht-Akademiker sein, der mit insgesamt vier Schuljahren Träger der Ehrendoktorwürde von Oxford war. Ein Geistesarbeiter, der mit 40 Jahren „seinen“ Shakespeare besser kannte als so mancher Schauspieler, der ihn zwar gern spielt, aber nicht gern liest.

Napoleon wäre auch lustig gewesen

Ein Weltbürger, der aus der Gosse kam. Nicht selten in Angst vor ansteckenden Krankheiten, unerschrocken aber im Kampf gegen die Hitlerei. Dabei war er zeitweilig auf dem linken Auge blind gegenüber dem Stalinismus. Sein Erfolg „Der große Diktator“ war ihm aber im bedrohlichen Jahr 1941 wichtiger als eine Komödie über Napoleon. Vielleicht nach dem Motto: Lieber einen viertelgebildeten Tyrannen lächerlich machen als über einen brillanten Verräter der Französischen Revolution komödiantisch herfallen.

Im Pantheon der künstlerischen Widerständler gebührt ihm allemal ein Platz – diesem kritischen Geist; so kritisch und trotzig, dass es dem FBI ein 2000-seitiges Dossier wert war. 1952 verlässt Chaplin ein reaktionär-durchseuchtes Amerika, um es erstmals 1972 wieder zu betreten: für die Annahme eines Ehrenoscars in der Kategorie „Lebenswerk“.

P.S. Neulich sagte eine Realschülerin in einer Umfrage: Wer war Bonaparte? „War das nicht der Mann mit der Schlacht bei Watergate?“ Napoleon ist eben nicht an allem Schuld; höchsten daran, dass mein kleiner Sohn Polja irgendwann mal auf Chaplin gucken könnte und dann sagt: „Der ist aber lustig, der Hitler.“

Stephen Weissman:Chaplin. Eine Biografie. A. d. Engl. von Ulrike Seeberger. Aufbau, Berlin. 320 S., 22,95 €.