Fussball-WM

BH als Bedeutungsträger im gesellschaftlichen Diskurs

Wie wir über Fußball reden: Unsere Autorin watet durch den deutschen Sumpf von gönnerhafter Anerkennung, glitschigem Lob und Frauenversteherei.

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Als sie das Dessousgeschäft betrat und ihr die Verkäuferin entgegenlachte, wegen der Weltmeisterschaft werde die Weiblichkeit gefeiert, es gebe also einen Sonderrabatt auf alle BHs, verdichtete sich ihre Ahnung zu einer Gewissheit: Das Land war inzwischen fest in der Hand von Frauen.

Entschlossen, beherzt, aber mit gut lackierten Fingernägeln hatten sie zugepackt und die Männergesellschaft umgegraben, es war, als hätten sich die Kampfeslust einer Alice Schwarzer, Heidi Klums sauber getrimmte Lifestyle-Ideologie und das gute Gewissen einer sozialdemokratischen Gleichstellungsbeauftragten zu einer Wolke verdichtet, die über jeder Szene des Alltags schwebte.

Der Verkäufer im Supermarkt hatte Sammelbilder mit Sportlerinnengesichtern in den Einkaufskorb gelegt, das Fitnessstudio lud zu Kursen, deren Besuch die Beine von Siegerinnen versprach, die Zeitungen druckten Sonderbeilagen und Kolumnen, in denen Frauen über andere Frauen schrieben, worüber dann "Frauensache" stand, ein Ausdruck, der sie an die Erbaulichkeitsethik evangelischer Vorortgemeinden und alternativer Strickgruppen erinnerte, aber egal.

Jetzt waren also auch schon Dessous Bedeutungsträger in diesem Diskurs, warum auch nicht, dachte sie in einem Anflug von kühler Ironie, bei der Auswahl des BHs hätte sie schließlich leicht übersehen können, dass sie eine Frau war und kein Mann.

Fußball ist nicht einfach ein Spiel

Überhaupt, die Männer: Fast war es erstaunlich, dass es noch welche gab, auch wenn sie sich da nicht sicher sein konnte, immerhin redeten die meisten anders als noch vor einigen Wochen. Blumige Lobesbekundungen entwichen zusammengebissenen Zähnen, nur dem kreidigen Unterton war zu entnehmen, dass sie eigentlich lieber die Hand vom Mund genommen hätten.

Als die WM eröffnet wurde, noch bevor Kerstin Garefrekes den Ball ins Netz trat, begann der Tag mit einem Versprechen: Würden jetzt nicht endlich all jene wohlmeinenden Erklärungen, empörten Forderungen und kämpferischen Rechtfertigungen, die aus dem Frühling mit seiner Debatte um Quoten, Weiblichkeitsbilder und Geschlechterunterschiede emporgeschossen waren, an der Wirklichkeit geprüft?

Fußball ist nicht einfach ein Spiel, so hatte man es vor fünf Jahren gelernt, als es plötzlich als Zeichen eines unverkrampften Verhältnisses zur eigenen Nationalität galt, schwarz-rot-goldene Bierhelme zu tragen, Fußball ist immer auch das Testbild gesellschaftlicher Empfindsamkeiten.

Nahezu unbekannte, junge Frauen, die sich in kurzen Hosen auf das Feld der Männer bewegten: Das versprach spannend zu werden. Doch der Zusammenprall, den man erwartete, blieb aus.

"Natürlich" sei er "stolz und dankbar", die Weltmeisterschaft ausrichten zu dürfen, hatte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, gesagt, als vor drei Jahren die Wahl des Austragungsorts auf Deutschland fiel. Er wolle mithilfe des Fußballs "Integration praktizieren" und erwarte eine "familiärere" Meisterschaft. Der Sport der Frauen sei nicht vergleichbar mit dem der Männer.

Was sollte das bedeuten? Einem Mann wie Zwanziger, der sich seit Jahren für den Frauenfußball einsetzt, konnte man nicht vorwerfen, sich nicht für ihn zu interessieren, zumal er betonte, der Bund verzeichne immer mehr weibliche Mitglieder, auch steige die Zahl der Mädchen, die Fußball spielten, stetig an.

Trotzdem wirkten seine Worte glitschig: Klang es nicht, als wolle er sagen, Männer verfolgten einen Leistungssport, Frauen dagegen emsig eine moralische Mission, die sie, diplomatisch-einfühlsam wie postmoderne Samariterinnen, erfüllen würden, zumal sie ja ohnehin kaum als Einzelne vorstellbar seien, sondern immer im Zusammenhang, auf etwas bezogen - Männer, Kinder, die Familie, eine Gemeinschaft?

Man muss keine feministisch geschulte Theoretikerin im Sonderforschungsbereich für Genderfragen sein, um zu hören, dass mehr in Zwanzigers Worten mitschwang als die Freude eines Mannes, der gerade einen ziemlich lukrativen Deal abgeschlossen hat; in seinem "natürlich", dem "stolz und dankbar" lag vorauseilendes Rechtmachen, eine rhetorische Geste der Entschuldigung, noch bevor überhaupt irgendetwas geschehen war. Was steckt dahinter?

Nimmt man die Fernsehkommentare, Zeitungsüberschriften und dahingesagten Bemerkungen der letzten Tage zusammen, scheint es, als bewege sich der Diskurs zwischen kehligem Stammtischröhren, gutmenschelnder Frauenversteherei und abwartender Scheu.

Die "Damen" hätten einen sortierten "Verhaltenskodex"; "unsere Mädels" verhielten sich "umgänglicher" als die Männer; "prima" hätten die "Ballerinas" gespielt; von "Bild" bis "Zeit" gingen "Liebeserklärungen" an ein "schöneres" Spiel.

Sicher, das Begehren nach einer Schönheit, die fair, zugänglich und dennoch erhaben ist, liegt äonenweit entfernt von der Begründung, die der Deutsche Fußball-Bund Mitte der Fünfzigerjahre fand, um den Sport als professionelle Betätigung den Frauen zu verbieten: Im Kampf um den Ball verschwinde die weibliche Anmut.

Trotzdem kreist, rund sechzig Jahre, etliche Geschlechterkämpfe und einige erfolgreiche Turniere später, die Debatte um Weiblichkeit immer noch um das klassizistische Ästhetikideal von edler Einfalt und stiller Größe. Nur ist sie eben vom knorrigen Verbotston gewechselt in gönnerhaftes Schwärmen und säuselnde Begeisterung.

Wäre aber nicht Prosa angemessener als Lyrik? Allein die schillernde Scheinpräsenz der Meisterschaft in der öffentlichen Wahrnehmung legt das nahe: Einerseits hieß es, jeder zweite Deutsche habe das Eröffnungsspiel verfolgt, andererseits ergaben Umfragen, jeder zweite kenne keine einzige der Nationalspielerinnen. Ob nun aus bloßem Marketinggeschick oder selbst auferlegter politischer Überkorrektheit - der Sport erscheint in der Debatte größer, als er in den Stadien ist.

Es wäre aber viel zu leicht, dieses Phänomen kulturpessimistisch zu beklagen. Öffnet sich nicht gerade ein Moment, der aufregend ist, weil er noch nicht voller Ansprüche und Erwartungen steckt? Die vergangenen Tage zeigten eben nicht einfach die Verbreitung eines Gutmenschenfeminismus, sondern noch mehr: ein Ausweichen davor, Frauen offen und sachlich für eine Leistung zu kritisieren.

Die Befremdung, die man spürt, wenn man die blumige Aufgeklärtheit der Berichterstattung verfolgt, der leise Ekel, der einen ergreift, wenn man gönnerhafte Onkeleien liest, bildet es doch ab: Es wird ein Fortschritt gefeiert, der keiner ist.

Dabei geht es auch anders. Rachel Buehler, der Star des amerikanischen Teams, kommt aus dem College-Fußball. An der Stanford University war sie eine der "student athletes", wie man Frauen wie Männer bezeichnet, Atlethen, die nicht zuerst über ihr Geschlecht, sondern über ihre Sportlichkeit bewertet werden.

Emanzipation bedeutet, über sich hinauszuwachsen, nicht über die Vorstellungen anderer. Erst dann kann athletische Schönheit erkannt werden: eine Qualität, die weniger mit Beinmuskulatur oder Haarlänge zu tun hat als mit Ästhetik.

Rückblende

Am vorvergangenen Sonntag hatte sie genervt auf die Frage des Mannes reagiert, ob sie sich die Spiele ansehe: Sie interessiere sich nicht sonderlich für Fußball, wieso sollte sie das auf einmal tun, nur weil sie eine Frau sei?

Heute hat sich daran nichts geändert. Trotzdem kann sie sich das Gefühl nicht verkneifen, dass es gut ist, dass es diese Weltmeisterschaft gibt: weil eine Auseinandersetzung über sie mehr bewirken könnte als um siebzig Prozent reduzierte BHs. Nur müsste jemand mal den Anstoß geben und der Betulichkeit einen Tritt versetzen.