80er-Band

Spandau Ballet wollen ihre beste Zeit wiederholen

Mal wieder meldet sich eine Band aus den 80er-Jahren zurück. Jetzt wollen Spandau Ballet die beste Zeit ihres Lebens wiederholen. Auf ihrer Tournee gelingt ihnen das in ausverkauften Hallen auch. Das tröstet darüber hinweg, dass ihr neues Album leider völlig missraten ist.

Gary Kemp hat noch etwas zu sagen. Nein, nicht im Interview, das ist dem 50-jährigen Gitarristen und Songschreiber von Spandau Ballet nicht so wichtig. Gary Kemp hat der Welt noch etwas zu sagen, zu zeigen, ach was, etwas zu beweisen. Dass Spandau Ballet eben mehr waren als interessante Frisuren, karierte Anzüge, Puffärmelhemden und riesige Schals.

Dass Spandau Ballet neben ihren drei großen Hits "True", "Gold" und "Through The Barricades" eben noch ein umfangreiches Werk zu bieten haben voller ungehobener Schätze. Dass Spandau Ballet nicht nur eine feste Größe bei jeder Oldies-Party sein sollten, sondern einen Platz in der Musikgeschichte verdienen.

"Wir haben tolle Songs, wir waren immer eine großartige Live-Band", sagt Kemp. Deswegen hat er Spandau Ballet jetzt wieder zusammengeführt, nach zwanzig Jahren Pause stehen sie wieder in der Urbesetzung auf der Bühne: Gary Kemp, sein Bruder Martin am Bass, Tony Hadley am Mikrofon, Steve Norman am Saxophon und John Keeble am Schlagzeug. "Zusammen als Band hatten wir die beste Zeit unseres Lebens."

Man schreibt die frühen 80er-Jahre. Nach der gezielten Verwahrlosung des Punk und dem modisch wenig inspirierenden Post-Punk, mag es Londons Jugend wieder exzentrisch. Die besonders Mutigen, die sich den New Romantics zurechnen, treffen sich im "Blitz", einem Nachtklub in Covent Garden. Über den Einlass wacht mit eisiger Strenge ein gewisser Steve Strange, der als Sänger von Visage mit "Fade To Grey" bald einen einsamen Welthit haben soll.

Wer nicht mindestens ein vielfarbiges Make-up, windschief, der Erdanziehung strotzendes Haar und Kleider trägt, die zu gleichen Teilen an Karneval in Venedig, Piratenkapitän und Pocahontas erinnern, muss draußen bleiben. Spandau Ballet finden vor Stranges Augen Gnade, sie sind Teil der Blitz Kids, zu denen auch der spätere Culture-Club-Sänger Boy George und Pete Burns von Dead or Alive zählen.

Schon dieser Umstand verleiht ihnen im trendbesessenen London einen derartigen Ruf, dass Plattenfirmen um die Band kämpfen. Als ihre Debütsingle "To Cut A Long Story Short" im November 1980 erscheint, haben Spandau Ballet auf Anhieb einen Hit.

Aber es sind bewegte Zeiten und die Moden wechseln schnell. Dennoch verstehen Spandau Ballet es, stets auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Dominiert auf dem Debüt noch elektronischer Dance-Rock, machen sie mit dem zweiten Album "Diamond" 1982 einen Schlenker Richtung Funk, um dann 1983 mit "True" ihren eigenen Klang zu finden: Den mehrheitsfähige Sound der Thatcher-Ära - elegant produzierter, weißer Soul, der von Liebe handelt, aus dem die Härten des Alltags aber ausgeblendet sind. Er klingt erwachsen, ist aber jugendlich verpackt, sodass Spandau Ballet eine denkbar breite Käuferschicht findet und bald eine der größten Bands der Achtziger ist.

"Für Sie ist Spandau Ballet vielleicht eine 80er-Jahre Band", sagt Gary Kemp. "Aber für mich sind Spandau Ballet meine besten Freunde." Wobei die Freundschaft vorübergehend auf Eis gelegt wird. 1990, pünktlich zum Amtsende von Margaret Thatcher und der Krise der Tories, kommen auch Spandau Ballet in die Krise. Die Band trennt sich und sieht sich in den folgenden Jahren vor allem vor Gericht wieder, um über Gelder und Songrechte zu streiten.

Ansonsten geht man verschiedenen Karrieren nach und sich dabei tunlichst aus dem Weg. Aber das ist jetzt alles vorbei. Sie haben sich langsam angenähert, sind zusammen etwas trinken gegangen, da kamen die Erinnerungen wieder hoch, einfach toll.

"Es hat keinen Sinn, bitter zu sein", sagt Steve Norman. "Wir hatte zusammen so viel Spaß", sagt Gary Kemp. "Und ich wollte einfach zurück auf die Bühne. Ich hätte natürlich eine neue Band gründen können, aber das wäre natürlich nicht dasselbe gewesen." Aber kann es denn jetzt dasselbe sein, 20 Jahre danach?

Man muss sich die Frage stellen: Was macht überhaupt Spandau Ballet aus? Ist es die Musik? Die Mode? Die Zeit? Oder alles zusammen? Steve Norman sagt: "Wir machen Spandau Ballet aus, wir fünf und unsere Songs." Um diese These zu untermauern, haben sie für ihre Comeback-Tour eine neue CD aufgenommen, auf der sie ihre alten Hits in "zeitgemäßen Arrangements", wie sie sagen, als unplugged Versionen eingespielt haben.

Sie trägt den Titel "Once More", man muss sagen, das Werk ist gründlich misslungen. Wenn man aus einem 80er-Jahre Hit, die 80er-Jahre entfernt, bleibt nicht notwendigerweise ein Hit übrig, sondern eher die Frage, was das denn bitteschön soll. "Sie haben einen sehr journalistischen Blick auf die Sache", sagt Gary Kemp, "aber das klingt gut, 'die Achtziger aus den Achtzigern entfernen', das muss ich mir merken."

Spandau Ballet ist längst nicht die einzige Band, die glaubt, dass es eine gute Idee wäre, sich nach Jahren der Trennung wieder zu versöhnen. Von ihren Weggefährten versuchten es bereits Culture Club, Yazoo, Duran Duran, ABC, Human League und Heaven 17 - allesamt mit überschaubarem Erfolg. Das größte Durchhaltevermögen bewiesen noch a-Ha, die haben sich allerdings kürzlich wieder getrennt.

Doch Spandau Ballet schauen optimistisch in die Zukunft, und warum sollten sie auch zweifeln? Die "Reformation"-Tour, auf der sie zurzeit durch England reisen, war binnen kürzester Zeit ausverkauft, vergangene Woche spielten sie drei Tage nacheinander vor jeweils 20.000 Zuschauern im O2 in London, und wer sie da auf der Bühne erlebte, sah die vielleicht glücklichsten Männer der Welt.

Martin Kemp wippte mit seinem Bass und grinste selig, als sei er sein ganzes Leben niemals zufriedener gewesen. Tony Hadley schmetterte mit Inbrunst und Steve Norman blies ein Saxophon-Solo nach dem nächsten. Auf der Bühne flimmerten Bilder aus ihren frühen Jahren und einmal sagte Tony Hadley: "Mann, was waren wir süß!" Und das Publikum dachte: Ja, das waren sie, und wir waren es auch, Kinder, wie die Zeit vergeht. Und es stand auf den Stühlen und tanzte und sang aus voller Kehle mit.

Weil es zum Teil sehr gute Songs waren und auch weil es darin seine eigene Jugend hörte, Erinnerungen, die in den Stücken stecken, von denen Spandau Ballet selbst gar nichts weiß. Und das ist auch der einzige zulässige Grund für die Wiedervereinigung einer längst aufgelösten Band. Dass die Erinnerungen noch einmal hervorgezerrt werden. Was aber nicht sein sollte, ist, dass so eine wiedervereinigte Band denkt, die Popwelt würde auf neue Lieder von ihnen warten. Das aber tun Spandau Ballet, doch ihre Zeit haben sie längst gehabt.

Spandau Ballet: "Once More" (Universal)