Kino

Die Sucht des Läufers nach Drogen oder Sport

Andreas Niedrig war ganz unten: Alkohol, Koks und Heroin bestimmten sein Leben, für seine Familie war er unberechenbar. Der Sport, genauer gesagt, ein Ironman-Wettbewerb, ist für ihn die Rettung. Der Film "Lauf um dein Leben" zeigt die Wandlung eines Junkies zum Triathleten – hat aber eine große Lücke.

Foto: - / Enigma

Andreas Niedrig tauchte in den Neunzigern plötzlich in der deutschen Triathlon-Elite auf. Er war schon etwas älter, an die 30. 1997 deklassierte er das Feld beim Wettkampf auf Mallorca. Auf Hawaii, beim „Ironman“, lief er auf Platz 17 ein, als schnellster Neuling aller Zeiten. In der Szene machte das Gerücht die Runde, der Athlet aus Recklinghausen habe mit dem Training kürzlich erst begonnen, um dem Kettenrauchen zu entsagen.

Da war etwas dran: Andreas Niedrig hatte sich als Minderjähriger bereits ein ausgesprochenes Suchtverhalten antrainiert. Von Alkohol und Hasch zu Koks und Heroin. Als Niedrig 1989 im Ford Fiesta nicht ganz unfreiwillig gegen einen Baum fuhr, mit einem missglückten goldenen Schuss im Bein, war die Karriere jäh beendet. Nach Entzug und Resozialisierung fing die nächste an, zum Ironman.


Über die Leinwand radelt nun der Schauspieler Max Riemelt und führt Selbstgespräche. „Ich muss lebensmüde sein. Aber was heißt das schon für jemanden, der schon einmal tot war.“ Riemelt quält sich durch die Lavawüste Lanzarotes. Er verkörpert den Andreas Niedrig, der im Film schon wieder drauf ist. Allerdings auf körpereigenen Drogen, wie die Sportler sagen, auf Adrenalin und Endorphinen.


Riemelt radelt: „Wenn du Angst vor einem Leben auf der Überholspur hast, lass die Finger davon! Wenn du Angst hast, dass deine Seele für einen Moment deinen sterblichen Körper verlässt, lass verdammt noch mal die Finger davon!“ Dann wird zurückgeblendet, in die Achtziger und ins Ruhrgebiet.

Der Kinofilm „Lauf um dein Leben“ kommt nicht überraschend. Vor acht Jahren hatte sich Andreas Niedrig dem Ex-Rauschgiftfahnder und Sachbuchautoren Jörg Schmitt-Kilian anvertraut. Das Buch „Vom Junkie zum Ironman“ erschien. In Magazinen wurde die unglaublich klingende Geschichte durchgehechelt, und man fragte sich: Wann kommt der Film? Wird dieser Film zum deutschen „Trainspotting“, zum ersten deutschen Suchtfilm, der sich nicht als unterhaltende Sozialarbeit versteht? Oder wird dieser Film das packende Sozialdrama zur Laufbewegung? Läuft danach tatsächlich jeder Marathon?

Sportlerleben im Schnelldurchlauf

Es handelt sich, um es vorweg zu nehmen, um ein dramaturgisch tadelloses Biopic. Andreas Niedrig ist ein würdiger Kinoheld, Max Riemelt dessen glaubhafte Inkarnation. „Lauf um dein Leben“, das Regiedebüt von Adnan Günter Köse, bildet auch die Achtziger gründlich ab. Nicht nur durch sorgfältige Ausstattung. In der Geschichte werden gute Gründe deutlich für ein Leben gegen grundlegende Normen. Industrien sterben. Familiäre Bande werden brüchig. Vater Niedrig joggt (so hieß das Laufen damals) durch die Wälder, dient dem Staat als Polizist und hält den Sohn für eine Niete.

Der missratene Sohn flieht erst in die Ersatzfamilie seiner fixenden Clique und dann überstürzt in eine eigene Familie, die er aus Versehen gründet. In den liberalen Achtzigerjahren reguliert sich auch der Markt für Diebesgut und Drogen selbst. Am Ende sind die Junkies nicht weit weg, wohin sie sich im Wesentlichen wünschten, in Amerika oder in ewigen Glückszuständen. Sondern tot, umnachtet oder chancenlos. „Ich musste die Menschen wieder von mir überzeugen“, erinnert sich Andreas Niedrig.


Das wird alles derart ausführlich und schlüssig dargelegt, dass sich Max Riemelt in der Tat als Sportler sputen muss. Er keucht über die Abraumhalden und umkurvt die Zechen. Der von Uwe Ochsenknecht zerknautscht gespielte Trainer brüllt ihm unablässig hinterher, die Langstrecke geduldig anzugehen. Doch der Süchtige rast. Er bricht zusammen. Er gewinnt, als er sich mäßigt und selbst bezwingt. Das zweite Leben wird so kurzatmig geschildert wie die Wettkampfvorbereitungen im frühen Rocky-Film.

An körperlichen Grenzen

Am Schluss, beim Radeln Richtung Horizont, ist auch nicht mehr von „Suchtverlagerungstendenzen“ (klinisch ausgedrückt) die Rede. Dafür wird der tote Drogenkumpel Motte (imponierend: Robert Gwisdek) rezitiert: „So viel Stress für ein bisschen Spaß? Das kannst du auch leichter haben.“

Kann man eben nicht, auch nicht als Drogensüchtiger. Und dass sich Süchte generell dadurch besiegen ließen, dass der Körper darauf vorbereitet wird, 3,8 Kilometer schwimmend, 42 Kilometer laufend und 180 Kilometer radelnd zurück zu legen und zu überstehen, ist als These kaum zu halten.

Wer sich körperlich gesund erhalten möchte und auf Grenzerfahrungen verzichten kann, sollte im Wald spazieren gehen. Oder sich für einen Marathon mehr als drei Stunden Zeit genehmigen. Auch Laufen gilt als Einstiegsdroge. Grundlos schnürt sich niemand mehr die gelgedämpften Schuhe. Es geht dabei nicht um die vom untersetzten Philosophen Jean Baudrillard diagnostizierte „lymphatische Selbstgeißelung“. Es geht um Selbstwahrnehmung. Danach kann man süchtig werden.

"Mentale Stärke" wird zu sehr betont

Als Andreas Niedrig seine Vorgeschichte publizieren ließ, beklagte er: „ Ich bin nicht mehr der Sportler, sondern der Vorzeige-Junkie der Nation geworden.“ Ferner wurde er zum Vortragsreisenden in Sachen Selbstoptimierung, Selbstmotivation und Selbstdesign.

Das spannende Thema Sport und Sucht vergab er sich, indem er lieber über „Leidenschaft“, „mentale Stärke“ und „naturstoned“-Glückszustände redete. Der Drogensüchtige laufe vor etwas weg, während der Sportler sich auf etwas zu bewege. Oder wie seine Figur im Film schließlich erklärt: „Es geht nur um den Weg. Solange das Ziel weit vor dir liegt, kannst du dich darauf konzentrieren, worauf es ankommt.“

Damit hat sich auch der Kinofilm das relevante Reizthema vergeben. Als Andreas Niedrig sich 2003 verletzte und drei Jahre lang an keinem Wettkampf teilnahm, galt seine Karriere als beendet. Überraschend fand er sich 2006 beim Ironman in Roth ein, für seinen erklärten Abschiedstriathlon. Vorletzten Sonntag bestritt Andreas Niedrig in Südafrika den Ironman. Er blieb unter neun Stunden.