Mini-DDR

Klein-Glienicke war eine Zone in der Zone

50 Jahre nach dem Berliner Mauerbau sind die letzten Details der deutschen Teilung noch immer nicht erzählt. Zum Beispiel, dass in Klein-Glienicke eine Mini-DDR existierte – dicht umgeben vom "Klassenfeind". Eine neue Ausstellung zeigt, wie es sich dort lebte.

Foto: Amin Akhtar

Manchmal lauert das Monströse im Detail. Mit all den Plastikbäumchen und Häuschen, Straßen und Lämpchen sieht das Objekt aus wie eine Modelleisenbahn. An den verschiedenen Lichtschaltern steht „Alte Schule“, „Wannsee 14“, „Weißes Haus“. Wäre da nicht dieser rote, penetrante Strich durch die Wasserflächen und an manchen Häusern entlang gezogen. Was da so kindgerecht aufbereitet sich ausstreckt auf knapp vier Metern Länge ist das absurde Lehrmodell des Grenzabschnittes GR 44 – für taktische Besprechungen der Wachposten. GR 44, jener Abschnitt reichte zu DDR-Zeiten von der Sacrower Heilandskirche über die Glienicker Brücke, Klein-Glienicke bis hin nach Kleinmachnow.

Im Fokus der Grenzer aber lag speziell Klein-Glienicke – das Örtchen nahe der Glienicker Brücke war Sondersicherheitszone und galt mit seinen 500 Anwohnern als der am schwierigsten zu bewachende Abschnitt im gesamten Verlauf der Mauer. Klein-Glienicke wuchs wie „zwei Eselsohren“ in den Westen hinein, nur über eine schmale Brücke von Potsdam-Babelsberg zu erreichen und nur mit Passagierschein. Freunde mitbringen? Ging nicht. Auf diesem Territorium, dicht vom „Klassenfeind“ umgeben, war die Sehnsucht nach Freiheit besonders stark, zumal an einer Stelle die DDR nur 15 Meter breit war. Ossis und Wessis könnten sich gegenseitig in die Schlafzimmer gucken. Winken war allerdings verboten.

All dies und vieles mehr, Kurioses, Dramatisches und Faktisches, erzählt die klug konzipierte Ausstellung „Hinter der Mauer. Ort der deutschen Teilung“, die ab heute in der Orangerie des Schlosses Glienicke zu sehen ist – im fünfzigsten Jahr nach dem Mauerbau.

Zeitzeugen wurden befragt

Für Kurator Jens Arndt steht die Situation in Klein-Glienicke pars pro toto, Glienicke war die Zone in der Zone. Was hier auf engstem Raum passierte, geschah überall an der Mauer. Flucht, Mauertote, Bespitzlung, Schikane, Todesschüsse, Alltagsregularien, die hier allerdings noch absurder ausfielen als anderswo an der Grenze. Auch im Lehrmodell GR 44 spiegle sich, so Arndt, etwas Grundsätzliches, „die Banalität des Bösen, weil das Objekt so liebevoll gebaut wurde, und ja nur Fluchtversuche, also Freiheit verhindern sollte.“ Dass dieses Objekt überhaupt noch existiert, findet er sensationell. Eigentlich sollte es Peter Thomsen, damaliger Stabschef des Grenzregimes, nach der Wende vernichten, damit die perfiden Bespitzlungsmethoden nicht nachweisbar waren. Er aber versteckte das Objekt in seiner Garage – heute ist es also ausgestellt, und wenn man sich etwas wünschen dürfte, dann, dass diese Ausstellung auf Dauer in einem Museum zu sehen sein wird.

Für den Westler war Klein-Glienicke eine Terra incognita, dorthin kam wirklich keiner. „Selbst für uns Berliner war das ein Mythos. Niemand wusste, wie es dort wirklich aussah“, erzählt Arndt, der in Zehlendorf aufwuchs und seit zwölf Jahren in Glienicke lebt. Durch seine fidele Nachbarin Ulla Linow kam er auf die Idee, sich mit der Geschichte des Orts zu beschäftigen. Vor zwei Jahren erschien sein Buch „Glienicke vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet“ im Nicolai-Verlag. Diese durch viele private Fotos angereicherte Dokumentation, die sich stellenweise liest wie ein Krimi aus dem Kalten Krieg, ist nun Grundstock für die Ausstellung im Schloss.

Als Dokumentarfilmer für Sender wie Arte oder WDR bezieht Jens Arndt sein Wissen aus der „Oral-Historie“. Geschichte erzählt sich über die Geschichten von Menschen. Elf Zeitzeugen hat er befragt, darunter auch Lonny von Schleicher, geboren 1919, ihr Stiefvater war Kurt von Schleicher, der letzte Reichskanzler vor Hitler.

Zahlreiche Dokumente belegen, dass es über die Jahre hinweg immer wieder Konzepte zur Zukunft des Territoriums gab, ausgearbeitet entweder vom Rat der Stadt, dem Ministerium für Staatssicherheit oder den Zuständigen der Grenzeinheit. Es ging dabei um die wesentliche Frage, „ob es vollkommen geräumt wird oder ausgebaut wird zu einem Vorposten des Sozialismus“. In den Fünfziger lebten die Anwohner dort noch wie „in einer Familie“, nach dem Mauerbau änderte sich die Situation drastisch, starb ein Anwohner wurde er durch einen linientreuen Genossen „ersetzt“, das System des Zuzugs, die sogenannte „Wohnraumlenkung“ wurde zunehmend strenger gehandhabt, erinnert sich Eckard Bootz, der von 1934 bis 1991 dort lebte. „Je unpersönlicher es wurde, desto vorsichtiger wurde man damit, wem man was erzählte“, weiß Angelika Elbel zu berichten, die bis 1977 im „Blinddarm der DDR“ wohnte. Doch viele der alteingesessenen Familie blieben, wollten sich nicht verdrängen lassen. „Es hing wohl von der eigenen Toleranzschwelle ab, wie man dort mit der Situation vor Ort lebte“, sagt Arndt.

Für Eberhard Braune jedenfalls fühlte sich das Leben dort an wie „Knast“. Besonders nachts, wenn er von der Arbeit kam, und die Mauer mit Scheinwerfern grell erleuchtet war – eine gespenstische Szenerie. Die Gefängnissituation zog sich in absurdesten Anweisungen durch den Alltag der Einwohner. Leitern gehörten prinzipiell angeschlossen. Wer dem nicht folgte, zahlte fünf Mark Strafe. Handwerker und Möbellieferanten hassten es, wenn sie Aufträge in Glienicke annehmen mussten. Das war aufwendig, nur mit Posten konnten sie dort hineingelangen. Wer repariert schon gerne eine Klospülung unter strenger Bewachung? Wenn der Grenzer gerade in der Griebnitzstraße eine VEB-Schrankwand montierte, musste der Elektriker warten – das konnte stundenlang dauern.

„Maueridylle“ war geduldet

Die zahlreichen Fotos der Ausstellung dokumentieren zu „neunzig Prozent den Ost-Blick“, erklärt Jens Arndt. Erstaunlich, denn drüben durfte man die Mauer als Grenzanlage eigentlich nicht fotografieren. Wollte man derartige Betonmonster-Motive in Potsdam entwickeln, musste man mit einem Besuch der Grenztruppe rechnen. Also ließ man die Bilder anderswo machen, da gab es Kanäle. Unproblematischer hingegen waren in Potsdam jene Aufnahmen mit Kindern, die im Garten vor der Mauer spielten. Diese „Idylle“ war geduldet. Schaut man heute auf diese wunderbare, zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende arkadische Landschaft, dann rückt diese Mauergeschichte wie unwirklich in weite Entfernung.

Ausstellung: Schloss Glienicke, Königstr. 36. Di-So 10-18 Uhr. Bis 3. Oktober. Buch: Jens Arndt. Glienicke. Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet. Coela-Verlag. 19,95 Euro.

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