Unterhaltung

Die Nuttenprellerei des Kurt Krömer

Der Berliner Komödiant hat für seine Shows den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Mit Morgenpost Online spricht er über die verschiedenen Arten der Komik und sein lustiges Kleider-Mikado. Außerdem gesteht Kurt Krömer seine Vorliebe für den zweifelhaften Franzosen Louis de Funès.

Foto: dpa

Morgenpost Online: Herr Krömer, mögen Sie Kackbratzen?


Kurt Krömer: Das habe ich ja noch nie gehört, das Wort. Nein, im Ernst „Kackbratze“ ist bei mir entstanden als ich mich mal mit einem Kumpel gestritten habe und mir haben irgendwie die Wörter gefehlt. Da bin ich ja so drauf, dass keine Lücken entstehen dürfen, sondern das muss gleich gefüllt werden, auch wenn man improvisieren muss. Da ist mir „Kackbratze“ so über die Lippen gesprungen. Wir haben uns kurz angeguckt, mussten dann lauthals lachen und haben uns seitdem nie wieder gestritten.


Morgenpost Online: Das Wort „Bratze“ steht auch in Wikipedia und es bezeichnet da „unattraktive Menschen, die keinerlei Charme aufweisen. Es soll noch stärker abwerten als Schabracke. „Bratze“ allein soll eine Mischung aus unerzogen, unhöflich, ungehobelt und frech sein - und auch in der Konstellation Bratzbirne und Keimbratze vorkommen. Weitere Bedeutungen sind „Lippenherpes“ oder „bratzen“ für chronischen Durchfall.


Krömer: Hat sich da jemand im Drogenrausch bei Wikipedia eingeklickt und da philosophiert? Aber das ist ja interessant. Da lerne ich ja richtig was heute.


Morgenpost Online: Von Ihnen konnten wir lernen, dass „Kackbratze“ in Berlin auch ein Ausdruck liebevoller Wertschätzung bedeuten kann.


Krömer: Ich kann das auch zu meiner Frau sagen, aber ich meine es dann nicht abwertend. Das kann auch liebevoll sein, natürlich.


Morgenpost Online: In Ihrem Programm „Na, du alte Kackbratze“ veralbern Sie das Publikum auf eine so liebevolle Weise, dass es Ihnen das nicht übel nimmt. Sie sind also gar nicht böse?


Krömer: Na ja, das ist bei der Kurt-Krömer-Show im RBB so gewesen, dass die Leute immer gedacht haben, ich lade mir Prominente ein und mache die dann fertig. Aber es war ja nie jemand da, der gesagt hat, finde ich unmöglich, was der Junge da macht. Wenn mir jemand einen vor den Bug schießt, dann kriegt er eine zurückgeknallt. Das ist ganz einfach. Wer denkt, er muss rein schreien, für den gibt’s einen Arsch voll, aber det is ja klar.


Morgenpost Online: Resultiert Ihr Umgang mit dem Publikum daraus, dass Sie selbst schon so viel erlebt haben und schon viele Jobs gemacht haben?


Krömer: Nachdem ich mit siebzehneinhalb meine Lehre zum Herrenausstatter abgebrochen habe, war ich auf dem Niveau eines Hilfsarbeiters. Bis heute weiß ich, wo ich herkomme. Ich will jetzt nicht sagen, dass ist das, was die Leute an mir lieben, aber mit meinen Zuschauern komme ich immer besser klar als mit irgendwelchen Produzenten, Regisseuren oder anderen Pappnasen aus dem Fernsehen.


Morgenpost Online: Sie schlüpfen auf der Bühne also in keine Rolle?


Krömer: Die Leute wissen nie: Bin ich Kabarettist, bin ich Clown, bin ich Comedian oder weiß ich wat. Ich sehe mich als Clown. Der Clown setzt voraus, dass du authentisch bist, dass sehr viel von dir selber kommt. Nicht, dass die Leute dich auf der Bühne auslachen, weil du von Hause aus ne Klatsche hast. Ich meine nicht den Zirkus-Clown mit der roten Nase, den karierten Hosen und den zu großen Schuhen. Ich sehe mich da mehr so in Richtung Leo Bassi, den finde ich super.


Morgenpost Online: Was gefällt Ihnen an ihm?


Krömer: Leo Bassi sieht aus, wie ein Angestellter von der Stadtsparkasse Paderborn mit seinem Kassenbrillengestell und so. Dann kommt der auf die Bühne und man denkt dann oh, so ein netter alter Hutzelelopa: keine Haare auf dem Kopf, bisschen dicken Bauch. Und dann klappt diese Anarchie aus ihm raus. In seinem Programm hat man wirklich die Angst, man wird jetzt erschossen von ihm. Das wandelt sich in Todesangst. Aber es ist beste Unterhaltung. Das macht den Clown aus, nicht auf die Bühne kommen und Witze erzählen, sondern wirklich selber der Witz sein.


Morgenpost Online: Ihre Kurt-Krömer-Bühnenklamotten tragen Sie auch privat. Anfangs soll dass Ihrer Frau peinlich gewesen sein.


Krömer: Die Diskussionszeit ist vorbei. Also ich glaube, jetzt haben wir momentan den Konsens erreicht, dass sich der Kurt Krömer da nicht mehr reinreden lässt. Ich kann jetzt rumlaufen wie ich will – zu Hause wie auf der Bühne.


Morgenpost Online: Es ist Kult?


Krömer: Ja, also in erster Linie bei meiner Frau auch. Bei den anderen ist das ja egal, die müssen ja nicht mit mir leben.


Morgenpost Online: Ein Outfit bezeichnen Sie als Modell „Rumänischer Nuttenpreller“. Wie sind Sie darauf gekommen?


Krömer: Das sind so Geistesblitze, die man hat, wenn man in Neukölln lang läuft und sich Outfits aussucht, wo weiße Schuhe kombiniert werden mit beigefarbenem Sakko und rosa Krawatte. Dann frage ich mich in so Brainstormings, die ich dann mit mir selber veranstalte: Wie siehst du heute aus? Dabei ist der Begriff „Rumänischer Nuttenpreller“ entstanden.


Morgenpost Online: Gerade in Neukölln haben einige Bewohner nicht das Problem vor einer riesigen Kleiderauswahl zu stehen. Sie sagen in einem Interview über den Bezirk: „Stell dir vor, du hast überhaupt kein Geld, bist arbeitslos und gehst dann vor die Tür. Dann bist du aggressiv. Das geht in Neukölln Tausenden so, jeden Tag.“ Das klingt ziemlich hart.


Krömer: Neukölln ist nun nicht das Blankenese Berlins. Da ist sehr viel Armut und sehr viel Arbeitslosigkeit. Diese ganzen Arbeitslosen, was sollen die für ein Leben führen? Sollen die sagen, oh, da bin ich aber glücklich. Ich habe dreißig Jahre gearbeitet, jetzt bin ich auf einmal arbeitslos, hab kein Geld mehr und meine Frau verlässt mich. Von daher ist das schon natürlich hart.


Morgenpost Online: Wie war das bei Ihnen?


Krömer: Ich kenne das ja von damals noch, dass ich keine Kohle hatte. Manchmal hatte ich fünf Mark in der Tasche, wo ich dachte okay, was machste jetzt, kaufste dir was zu essen oder kaufste dir ne Schachtel Zigaretten? Ich hab dann meistens Zigaretten gekauft, das macht auch satt und dann befriedigst du noch so ein bisschen deine Rauchersucht damit. Natürlich ist das hart. Auch ich war wütend, wenn ich wegen der Armut schlecht behandelt wurde. Ich würde die Realität leugnen, wenn ich sage, das ist eine ganz kuschelige Atmosphäre in Neukölln.


Morgenpost Online: Ist „Unterschicht“ ein Wort, das es bis zum Unwort des Jahres schaffen kann?


Krömer: Ja, auf jeden Fall. Wenn ich das zu entscheiden hätte, dann wäre es schon vor einem halben Jahr soweit gewesen, dass es das Unwort des Jahres ist. Weil Unterschicht, was soll das? Das ist genauso wie Rütli-Schule, das ist genauso wie Neukölln. Was kommt unter der Unterschicht, die Unter-Unterschicht, die Souterrain-Unterschicht? Ich finde es abwertend. Ich finde es auch nicht lustig, so einen Begriff in meinem Programm zu verwenden. Ich finde das Wort einfach schlimm.


Morgenpost Online: Wer ist damit gemeint?


Krömer: Unterschicht, das ist Gosse. Unterschicht, das sind die Menschen, die unter dem Fußbodenbelag leben. Die Oberschicht sind natürlich die Leute, die oben sind und, die behandeln die Leute, die unten sind, eben als Vollidioten.


Morgenpost Online: Was ist für Sie noch ein anderes problematisches Wort?


Krömer: Proll und Proletarier sind für mich zwei ganz unterschiedliche Sachen. Auf die eine Sache kann man stolz sein, dass ich sage, ich komme aus einem Arbeiterbezirk, meine Eltern sind heute immer noch hart am arbeiten - acht bis zehn Stunden am Tag. Sie sind für mich Proletarier, das ist für mich kein abwertendes Wort. Für jemand, der in Berlin-Grunewald wohnt, da ist natürlich klar, das sind die Prolls: Die scheiß Prolls - die stinken und die saufen nur und machen nix und sind faul. Das sind so unterschiedliche Wörter. Bei „Unterschicht“ ist halt so gleich klar, ne da kann man jetzt nicht sagen, na da bin ich aber stolz drauf.


Morgenpost Online: Waren Sie eigentlich selber auf der Rütli-Schule wie Sie es in Ihrem Programm sagen oder war das nur ein Witz?


Krömer: Das war so ein Witz, wo ich dachte, jetzt kennt ja endlich jeder Neukölln. Ich war nicht auf der Schule, aber das hat mich damals so ein bisschen aufgeregt, dass sich alle auf die Rütli-Schule gestürzt haben. Ich bin 1991 von der Oberschule in Wedding abgegangen – und damals gab es auch Leute, die mit Messern herumgelaufen sind. Jetzt geht es mit der Rütli-Schule eigentlich richtig bergauf, da hat sich echt was getan. Da finden jetzt Theater-AGs statt und Hiphop-Workshops, Theater-AGs allein schon finde ich eine klasse Sache. Da kann man sich dann schön austoben.


Morgenpost Online: Wie kann denn die Kunst gegen Gewalt und Faschismus wirken?


Krömer: Ein Kabarettist, der politisches Kabarett macht, muss sein Publikum, das aus Menschen besteht, die sowieso 100 Prozent Linke sind, nicht überzeugen, dass die Nazis alle bescheuert sind. Das ist Konsens. Deshalb finde ich das albern. Dagegen schätze ich einen Kollegen von mir, Serdar Somuncu. Der geht dahin, wo es wehtut, der hat als Türke in Halberstadt damals aus „Mein Kampf“ vorgelesen. Da sind irgendwelche Scheiß-Nazis im Publikum, und dann fängt der an mit denen zu diskutieren – und mit Humor zu begegnen. Der ist super.


Morgenpost Online: Mit welchen Menschen – auch Zeitreisen wären möglich – würden Sie gerne einmal auf der Bühne stehen?


Krömer: Zeitreisen, na dann würde ich natürlich sofort Louis de Funès wählen. Mit dem würde ich auf Tournee gehen. Wir müssten auch gar nicht spielen, ich könnte auch einfach nur seine Tasche tragen und immer hinterher reisen. Der ist einfach fantastisch. Der hat mich ja quasi auch da so hinverleitet, dass ich dann hier bin, wo ich jetzt gerade bin. So ein Choleriker, der auf die Arbeit kommt, alle Leute zusammenscheißt, die ganz klein macht, und dann wieder nach Hause fährt, und ja: schöner Tag. Da dacht ich auch, daran könnt ich mich gewöhnen, hingehen irgendwo Dampf ablassen und so. Also ich hab mich natürlich totgelacht immer, diese ganzen Filme, ich hab sie mir angeguckt auf Video mit meinem Vater, dann haben wir die Szenen, die wir lustig fanden, nachgespielt. Ich weiß, dass er der erste Komiker war, wo ich richtig Bauchschmerzen hatte vor Lachen.


Das Gespräch führte Marion Meier.


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