Drittes Reich

Sachbuch beschreibt "Jud Süß"-Regisseur als Opfer

Ingrid Buchloh zeichnet Veit Harlan, den Regisseur von "Jud Süß", als unschuldiges, kleines Opfer der großen Weltpolitik.

Man kann diesem Buch eine gewisse Akribie nicht absprechen: 50 Seiten abgedruckter Dokumente, zum Teil faksimiliert, gut 200 Seiten Haupttext, dazu die erstaunliche Anzahl von 1300 Anmerkungen. Der Eindruck gründlicher Forschung wird allerdings schnell auf frappierende Weise gestört, denn Ingrid Buchloh legt eine sehr einseitige Darstellung vor.

Sie wolle mit diesem Buch „das Bild des Menschen und Künstlers Veit Harlan vor dem Hintergrund seiner Filme und in der unmittelbaren Abhängigkeit des (!) Reichspropagandaministers zeichnen“. Aus ihrer Sicht habe der Film „Jud Süß“ den Regisseur in eine „Ausweglosigkeit gebracht, die sich über das Kriegsende hinweg bis zu seinem Tod fortsetzte“.


Entsprechend spricht sie von maßlosen Beschuldigungen, die gegen Harlan erhoben wurden und schlägt sich in allen Aspekten auf seine Seite. Ihr Buch ist eine Verteidigungsschrift, zitiert extensiv aus den postum veröffentlichten Memoiren des Regisseurs.

Eine noch größere Rolle spielen bei den Nachweisen die Akten der beiden Prozesse, die gegen den Regisseur angestrengt wurden und hier vor allem die aufgebotenen Entlastungszeugen.

Kaum je prüft sie diesen Kontext, stellt nicht ein Mal die Plausibilität von Behauptungen infrage, die Harlan in günstigerem Licht erscheinen lassen. Eifrig bemüht, jeden Schatten von ihrem Helden zu nehmen, stellt sie gewagte, gelegentlich schlicht falsche Behauptungen auf.

Niehoff im Gerichtssaal als "Judensau" beschimpft

Den Auftrag an Harlan, „Jud Süß“ zu drehen, glaubt sie verständlicher zu machen, indem sie behauptet, der ursprüngliche vorgesehene Peter Paul Brauer habe noch nie Regie geführt. Doch hatte Brauer nach Kurzfilmen bis 1939 schon vier Spielfilme inszeniert.

Karena Niehoff, in der NS-Terminologie eine „Halbjüdin“, zeitweilige Sekretärin des ersten Drehbuchautors des Stoffes, Ludwig Metzger, rechnet sie dem „engeren Kreis um Goebbels“ zu. Das verwegen zu nennen, wäre untertrieben.

Niehoff, die 1950 im zweiten Harlan-Prozess als Zeugin auftrat, wurde im Gerichtssaal von Zuhörern als „Judensau“ beschimpft. Das publizistische Echo auf die Tumulte war auch international enorm.


Buchloh verbucht das schlicht als für Harlan ungünstige Begleiterscheinung und folgt ohne Einschränkung der schon damals haltlosen Apologie des Hamburger Bürgermeisters Max Brauer, der zufolge es sich nicht um die antisemitische Kundgebung der Menge, sondern um eine gezielte kommunistische Inszenierung gehandelt habe.

Solche Schiefheit ist entlarvend. Hinzu kommt etwas anderes. Ihrer Entscheidung für eine bedingungslose Verteidigungsschrift verstellt der Autorin eine Darstellung, unter der Regisseur und Filme anschaulich würden. Die Person Harlan wird nicht greifbar, ihre Widersprüchlichkeit kaum je angedeutet. Seine Filme finden hier gewiss keine eloquente Würdigung, kaum eine Beschreibung.

Buchlohs Rechtfertigung betont wiederholt, Harlan sei kein überzeugter Antisemit gewesen, auch habe er im Nationalsozialismus jüdischen Bekannten beigestanden. Vieles stimmt, aber warum prüft Buchloh nicht, was das „Künstlerische“, das Harlan in seiner Arbeit am antisemitischen Film eingebracht habe, eigentlich war?

Melodramatische Grundierung des filmischen Antisemitismus

Die Gelegenheit dazu böten die beiden bekannten, in der Deutschen Kinemathek überlieferten Drehbuchfassungen, die bei Buchloh nicht einmal erwähnt werden. Die letzte fand Goebbels „großartig umgearbeitet“, sie war entschieden von Harlan geprägt.

Und hier findet sich tatsächlich der Beleg für einen neuen Zugriff auf den Stoff. Harlan nahm das Plakative weg, zielte auf eine sehr viel geschicktere Filmerzählung. Dass seine Eingriffe antisemitische Stellen getilgt haben, ist dabei allenfalls die halbe Wahrheit.

Einige der effektivsten, emotional mobilisierenden Szenen stammen von ihm – sie schaffen die melodramatische Grundierung des filmischen Antisemitismus. Von solchen Einsichten ist Buchloh bedauerlich weit entfernt.

Ingrid Buchloh: Veit Harlan: Hitlers Starregisseur. Schöningh, Paderborn. 328 Seiten, 34 Euro.