Kultbuch

Jack Kerouacs Drogentrip ins Paradies

Ratgeber der Subkultur: Vor 50 Jahren erschien Jack Kerouacs "On the Road". Der Beatnik-Schriftsteller hat mit seiner Tramper-Bibel Literaturgeschichte geschrieben. Jetzt erscheint erstmals eine unzensierte Version des Romans.

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Es ist bedrückend, ein vor 25 Jahren selbst zerlesenes Buch noch einmal aufzuschlagen und darin auf wilde Bleistiftspuren zu stoßen. Alte Fotos mögen lustige Frisuren zeigen. Alte Taschenbücher stellen einem die vertrauteste Person als fremdes Wesen vor.

Am 5. September 1957 wurde „On The Road“ von Jack Kerouac ausgeliefert. 1982 unterstrich ein Minderjähriger in „Unterwegs“, der deutschen Ausgabe, den Satz: „In ihren Augen würde ich fremd und abgerissen sein und wie der Prophet, der da quer durch das Land geschritten war, um das dunkle WORT zu bringen, und das einzige WORT, das ich hatte, war: ‚Hurra'!“ Hat man das selbst einmal bekräftigt? Und wenn ja, warum?

Das "Paradies" ist ein Bordell in Mexiko

Beim Wiederlesen stellt sich alles andere als Erinnerungswärme, Sündenstolz oder Verständnis ein. Schon klar: Im Juli 1947 haben junge, in den aufblühenden Großstädten studierende Kriegsheimkehrer andere Träume, als morgens ins Büro zu fahren und abends heim zur immergleichen Frau.

Sal Paradise, der Schriftsteller, bricht also unablässig auf mit seinen Kriegsversorgungsschecks. Er mag modernen Jazz, beschreibt die Ausflüge als Chorus und empfindet dieses Unterwegssein als Befreiung.

Führen ihn die ersten Reisen nach San Francisco und am Ende nach New York zurück, finden sich die Helden im Verlauf des vierten Chorusses im Paradies wieder. Ihr „Paradies“ ist ein Provinzbordell in Mexiko. Da sind die Menschen, Drogen und Frauen billig. Im sehr kurzen fünften Chorus wird die Heimkehr angedeutet. Jeder Beatnik kommt einmal zur Ruhe.

"On the Road" - jetzt unzensiert

Jack Kerouac hält sich hinter Sal Paradise nicht allzu sorgfältig versteckt. Den Freund und Förderer Allen Ginsberg nennt er Carlo Marx. Durch Ginsbergs Hilfe wurde 1950 das Debüt „The Town And The City“ verlegt, in dem Kerouac bereits Generationskonflikte schildert.

1951, im April, ereilt ihn ein dreiwöchiger Arbeitsanfall. Tag und Nacht hämmert Kerouac im Schreib- und Drogenrausch in die Maschine. Um seinen Gedankenfluss zu fördern, klebt er Brotpapier zu einer 36 Meter langen Rolle, die er seinem ratlosen Verleger schließlich liefert.

In den folgenden sechs Jahren werden Klarnamen beseitigt, Kommata den Regeln nach gesetzt und Unerhörtheiten getilgt. Das Typoskript, die Rolle, wird 2001 für 2,5 Millionen Dollar, in New York versteigert. Nun erscheint der Ursprungstext zur 50-Jahr-Feier als „On The Road: The Scroll“ bei Viking Books.

Erzählrhythmus der Autobahn

Kerouac starb 1969, 47-jährig, als buddhistischer, bei seiner Mutter lebender Alkoholiker. Der bei sich selbst gelandete Kerouac tritt einem in den Büchern „Gammler, Zen und hohe Berge“ und „Big Sur“ entgegen. Dem nomadisierenden und manischen Kerouac bescheinigten Kollegen wie Truman Capote böswillig „Geschreibsel“ und „Getippse“.

In der Tat fordert der ewigkindliche, nichtsnutzige und strahlende Verführer Dean Moriarty, hinter dem sich der Schriftsteller Neal Cassady verbirgt, in „On The Road“: „Mensch, du, es gibt so viel zu tun, soviel zu schreiben. Wie soll man überhaupt anfangen, das alles zu Papier zu kriegen – ohne modifizierte Einschränkungen und ganz frei von literarischen Hemmungen, grammatikalischen Ängsten und solchen Dingern.“ Schreiben mit der „Energie eines Rauschgiftsüchtigen“. „Absolute Ehrlichkeit und Vollständigkeit“ mit Hilfe von Benzedrin und kein „romantischer Quatsch à la Wolfe“.


Dass diese ehrenwerten Ansätze zumeist in Floskeln und Gefasel münden, gilt als Preis der Popliteratur. Bei „On The Road“ wird in der Regel auf die Form verwiesen. Auf einen Erzählrhythmus, der Autobahnen, Räuschen und dem Bebop folgen möchte. Weil Kerouac nun einmal schreibt, „entrollen“ sich die Orte, Tage „rollen vorüber“, Kilometer werden „abgewickelt“, Landschaften „gelesen“, die Nacht wirkt immer „tintig“.

In Bewegung sein. Vor dem Tod fliehen

Doch die Sprache ist nicht das Problem von „On The Road“ als Klassiker im 21. Jahrhundert. Bereits als das Buch erschien, war Charlie Parker tot und Bebop bürgerlich, der Rock'n'Roll erlebte seine Blüte. Einerseits hat sich Kerouac darum verdient gemacht, den ewigen Reiz der populären Subkulturen erstmals gründlich zu beschreiben und ihr ewiges Scheitern zu erwähnen.

Es gibt sogar Hinweise auf eine Vorgeschichte: Dust Bowl, Depression und Krieg. Amerika, Migranten, Groucho Marx sowie „die düsteren und wilden Sorgenkinder Amerikas, eine neue angeschlagene Generation“. Die Pionierleistungen lesen sich aus heutiger Warte so aufregend wie der ein wenig übertriebene Bericht einer gelungenen Abiturfahrt. Was bedeutet Subkultur, wenn es normal ist, sich im Alltag wie ein Beatnik zu verhalten? Wenn sich jede Sesshaftwerdung heute auch als Akt der Anarchie verkaufen ließe?

Schon Kerouac fragt sich in lichten Augenblicken: „Wohin gehen? Was tun? Wozu?“ Wegen des hohen Tempos muss es allerdings genügen, Zen und Tao in den Wind zu schreien, in Bewegung zu sein und vor dem Tod zu fliehen.

Die Tramper-Bibel hat unterwegs gelitten

Unterwegs wird allerlei getrunken und geraucht, die bessere Musik gehört und besserer Sex genossen als beim Rest der Welt, Benzin geklaut und nackt gefahren, sich nach der Unterschicht gesehnt und danach, schwarz zu sein, auf Schopenhauer hingewiesen, mutwillig Beziehungen ruiniert – kurzum: Man „schlägt über die Stränge“ und führt Protokoll.

Am Ende läuft man ein im Lebenshafen und muss sich nicht sagen lassen, irgendwas verpasst zu haben. Seit die Wohlstandsjugend von der Pflicht des frühen Geldverdienens und den strengeren sozialen Ansprüchen der Mitmenschen entbunden ist, wird man so erwachsen.

Viel mehr hat Kerouac in „On The Road“ kaum aufgeschrieben. Heute ist es Weltliteratur, steht in vier Millionen Haushalten, nicht selten in bedauernswertem Zustand. Es hat unterwegs gelitten.