Heimatfilm "Soul Kitchen"

Fatih Akins letzte Party vor der Yuppie-Invasion

Eine Liebeserklärung an Hamburg: Fatih Akin hat mit "Soul Kitchen" seine erste Komödie gedreht, die jetzt in den Kinos startet. Die Geschichte um einen Frikadellenkneipen-Besitzer handelt von schleichender Yuppisierung und wirkt wie eine letzte Gutfühl-Party, bevor die Renovierer einbrechen.

Fatih Akin ist ein Filmemacher von internationaler Reputation, Empfänger von über einem Dutzend weltweiter Preise und noch mal so vielen deutschen. Cannes klopft an, wenn er einen neuen Film in der Mache hat, eine englischsprachige Website listet ihn dann unter den "100 am heißesten erwarteten Filmen des Jahres“.

Und nun präsentiert dieser Akin eine Komödie! Wenders, Herzog, Fassbinder – keiner hat je eine gedreht, denn alle wissen, dass man einen nicht ganz gelungenen ernsten Film irgendwie hinbiegen kann. Nicht aber eine Komödie. Der Grat zwischen Komik und Peinlichkeit ist beängstigend schmal.

Akin stürzt sich mit geradezu tollkühnem Mut in die Chose. Schnell erleidet sein Held Zinos beim Kühltruhenverschieben einen . Dies ist im Komödienfach gleichzusetzen mit einer geschwollenen Backe. Der Leidende krümmt sich vor Schmerz, sucht eine entspannte Position und betastet vorsichtig den maladen Körperteil.

Es ist grobe, physische Komik, wie Stummfilmspaßmacher sie liebten. Dort kam unweigerlich eine Schnur ins Spiel, ein Ende am Zahn befestigt, das andere an der Klinke einer offenen Tür. Die Tür wurde dann zugeworfen. Zinos geht voll Verzweiflung zum türkischen Wunderheiler. Der operiert mit einem um den Leib geschlungenen Seil und menschlicher Zugkraft.

Manche Szenen hat Akin 30 Mal wiederholen müssen, so diffizil ist komödiantisches Timing ohne komödiantisches Training. Drei Drehtage hat er überzogen. Aber er hat es zustande gebracht, seine erste Komödie, und sie ist gleichzeitig robust und sinnlich, sentimental und cool.

Diese Körperlichkeit hat ihre Logik. „Soul Kitchen“ spielt auf der Elbinsel Wilhelmsburg, wo ein Drittel der Einwohner Migranten sind und man sich mit dem Abschlagen der aufgestellten Hand begrüßt. Es gibt diese Szene zwischen den Brüdern Zinos (Adam Bousdoukos), der in einer Ex-Lagerhalle lustlos seine Frikadellenkneipe betreibt, und dem spielsüchtigen Ilias (Moritz Bleibtreu), der einen festen Job braucht, um jeden Tag Ausgang aus dem Gefängnis zu erhalten. Zinos wendet ein, dass er gar keine Arbeit für Ilias habe: „Das ist gut. Arbeiten wollte ich auch nicht“, entgegnet Bruderherz. Handschlag drauf.

Adam Bousdoukos war schon in Akins allererstem Kurzfilm dabei und seitdem in jedem Spielfilm. Von der Gage für „Kurz und schmerzlos“ hat er sich in Hamburg-Ottensen das „Sotiris“ gekauft und als griechische Taverne zehn Jahre lang geführt.

Man kann sich das „Sotiris“ vorstellen wie das „Soul Kitchen“, nachdem Zinos den anmaßenden Koch Shayn (Birol Ünel) engagiert: das Wohnzimmer der lokalen Szene mit Spinnern und Yuppies, schicker Hausmannskost und einem wohligen Lärmpegel aus Soul, Reggae und Rembetiko.

Am ehesten stünde „Soul Kitchen“ wohl der Aufkleber „Szene-Komödie“, obwohl Herbst-Melancholie über allem liegt. Einmal, beim Rudelbumsen per Aphrodisiakum überschreitet Akin die Grenze zum Schenkelklopfen, aber eigentlich gibt es dafür zu viele Abschiede.

Zinos’ Langbein Nadine (Pheline Roggan) ergreift eine berufliche Chance in Shanghai, und der Webcamsex wird nicht klappen. Monica Bleibtreu verabschiedet sich als Familienpatriarchin mit großem „Basta!“ und ist noch vor der Uraufführung gestorben. Zinos will alles hinzuschmeißen und hinaus in die weite, weite Welt.

Man könnte den Film als Äquivalent zu Zinos Abschiedssause betrachten. Akin hat angekündigt, seine Netze weiter zu werfen, große internationale Projekte, die „mich zehn Jahre meines Lebens kosten könnten“. In „Soul Kitchen“ versammelt er nochmals seine Weggefährten: Bousdoukos, der Akin mit seinem Finger-Sirtaki schon auf der Schulbank zum Lachen brachte; Birol Ünel, zu dem nach Streit zuweilen Funkstille herrscht, mit dem Akin aber immer drehen will; Fatihs Bruder Cem, der im türkischen Konsulat arbeitet und nur gelegentlich schauspielert; sein „Im Juli“-Star Moritz Bleibtreu, sein Cutter Andrew Bird, sein Kameramann Rainer Klausmann.

Es gibt Szenen in der Karstadt-Filiale, wo Akin seine erste Platte kaufte, im Mojo-Club an der Reeperbahn, wo er herumhing, in Wilhelmsburg: Nicht nur Orte der Erinnerung, sondern ebenso Orte, die es so bald nicht mehr geben wird. Dafür steht Zinos’ alter Proll-Bekannter Thomas (Wotan Wilke Möhring), der nun rücksichtslos in Immobilien macht.

„Soul Kitchen“ handelt auch von schleichender Yuppisierung und Gentrifizierung, wirkt wie eine letzte Gutfühl-Party, bevor die Renovierer und Entmieter einbrechen, und wie ein indirekter Kommentar zur Gängeviertel-Kontroverse.

Fatih Akin hat „Kitchen“ einen „Heimatfilm“ genannt. Er sei dieser seiner Heimatstadt einen Film schuldig gewesen, wo die Akins aus der Türkei nun in zweiter Generation leben. „Heimat“ in „Kitchen“ ist zugleich ein physischer wie ein metaphysischer Ort: Die Kumpels sind dort – und sie verbindet ein Lebensgefühl, das sich in gemeinsamem Tafeln, Tanzen und Musikerleben manifestiert. „Let me sleep all night in your soul kitchen“, heißt es bei den Doors, „warm my mind near your gentle stove”.

Über Jahre sah sich Akin mit der Frage konfrontiert, ob er sich als Türke oder Deutscher fühle. Er selbst dürfte sich seiner Wurzeln nicht sicher gewesen sein, sonst wären seine Filmfiguren nicht so rastlos umhergereist zwischen Bosporus- und Elbbrücken.

Mit „Soul Kitchen“ benennt er Hamburg als seine Stadt, aber darin liegt kein Bekenntnis zu deutscher Leitkultur, obwohl er, nach vielen Fremdsprachenversionen, auch Hans Albers „La Paloma“ anstimmen lässt.

Nein, Akin malt sich einfach den idealen Rückzugsort. „I know I have to go now“, singen die Doors, „I really want to stay here.” Bleiben wollen, aber nicht bleiben können, das Leitgefühl der Globalisierung und ihr eingebauter Widerspruch. Am Ende sitzen Zinos und seine neue Flamme beim Kerzen-Dinner im Soul Kitchen, und draußen beginnt es zu schneien. Ein Bild, das Fatih Akin sich ansehen kann, sollte er die nächsten Weihnachten im sonnigen Beverly Hills verbringen.