Philip Roth

"Was sucht der zionistische Lohnschreiber hier?"

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Hannes Stein

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In diesem Jahr geht der WELT-Literaturpreis an den amerikanischen Schriftsteller Philip Roth. Die Kritiker haben ihn nicht immer und überall geliebt. Deshalb floh er zur Zeit des Kalten Krieges öfter nach Prag, wo er sich mit lokalen Dissidenten traf. Nur die charmante Aussage eines Freundes bewahrte ihn dort vor Ärger.

Empörung? Von wegen. "Ich bin nicht empört", sagt Philip Roth, "ich habe ein völlig ruhiges Gemüt. Zum Beispiel der Taxifahrer gerade eben - der nahm völlig absurde Schleichwege, weil er unbedingt die ganze Zeit mit seinem saudi-arabischen Freund telefonieren musste. Wahrscheinlich war jener Freund gar nicht hier, sondern wirklich in Saudi-Arabien. Aber ich habe mich überhaupt nicht aufgeregt. Ich habe ihm sogar ein Trinkgeld gegeben. So ausgeglichen bin ich."

Er sieht älter aus als auf den Fotos: Das weiße Haar ist schütter geworden, die Jahre haben ihm tiefe Falten in die Haut gekerbt. Aber seine dunklen Augen sind jung und wach geblieben.

Während er spricht, unterstreicht er Sätze, die ihm wichtig sind, mit seinen Händen (groß, feingliedrig): "Die Kunst des Schreibens ist die Kunst der Vorstellungsgabe", doziert er. "Komischerweise kapieren die Leute das sofort, wenn es um die Schauspielerei geht, bei Schriftstellern jedoch nie. Wenn Laurence Olivier den Othello gibt - heißt das dann, dass er im Privatleben eifersüchtig ist? Dass er seine Frau erwürgen möchte?"

Also schön: keine Empörung. Dabei kochen im jüngsten Roman von Philip Roth sämtliche dramatis personae vor Wut über: angefangen bei dem jungen Helden Marcus Messner, der als jüdischer Atheist auf einem College in Ohio dazu verdonnert wird, jeden Sonntag einen christlichen Sermon über sich ergehen zu lassen, bis hoch zum Unipräsidenten, der die jungen Leute verantwortungslos findet, weil sie mitten im tiefsten Kalten Krieg nichts als Unsinn im Kopf haben.

Das Jahr ist 1950, Amerika verliert jeden Tag ein paar hundert Soldaten in Korea, General McArthur möchte am liebsten die Atombombe gegen Rotchina einsetzen. Philip Roth gibt unumwunden zu, dass sein Roman "Empörung" unter anderem auch dies ist: eine Verteidigung der 68-er Revolte in Amerika.

"Ich musste als Student selber solchen christlichen Predigten lauschen", erzählt er. "Ich las dann immer Schopenhauer und klappte ostentativ das Buch zu, damit die älteren Semester, die uns kontrollierten, den Buchtitel sehen konnten: ,Die Welt als Wille und Vorstellung'." Nach der Studentenrevolte wurden solche Zwangspredigten an amerikanischen Colleges abgeschafft.

Keine politischen Überzeugungen

"Ich habe keine politischen Überzeugungen", sagt Philip Roth mit sozusagen engelhaftem Gleichmut. Und dann fügt er ohne Luftholen hinzu: "Natürlich kann man sich als Amerikaner keiner anderen Partei zugehörig fühlen als den Demokraten. Das ist einfach eine Frage der geistigen Zurechnungsfähigkeit. Schau dir diese Republikaner an: völlig wahnsinnig."

Das heißt nun nicht, dass Roth auch nur ein Gramm Sympathie für jene europäischen Intellektuellen verspürt, die das Massaker vom 11. September 2001 als gerechte Strafe interpretierten. Schon gar nicht sympathisiert er mit Leuten, für die Israel die Wurzel allen Übels ist. "Das ist die europäische Krankheit", meint er. "Es ist eine Pathologie mit einer langen Geschichte. Und wenn man diese Geschichte in Betracht zieht, kann sie einen zur Weißglut bringen."

Zorn? Aber nicht doch. Philip Roth spricht ruhig, beinahe versonnen, im Tonfall eines medizinischen Befundes. In seinem Roman "Operation Shylock" - einer so düsteren wie ironischen und verspielten Groteske, die vor 16 Jahren erschien -, erfand sich Philip Roth einen Doppelgänger, der die Juden Israels auffordert, aus der zionistischen Heimat zu fliehen.

Sie sollten in die Diaspora zurückkehren, damit ein neuer Holocaust verhindert werde. Für eine Kur der Judenfeindlichkeit soll in Europa ein Netzwerk von Selbsthilfegruppen analog den "Anonymen Alkoholikern" sorgen: die "Anonymen Antisemiten".

Wird Israel in 40 Jahren noch existieren?

Ein Mann, der sich so etwas ausdenkt, muss sich eine entsetzliche Frage gefallen lassen. Also: Wird Israel in 40 Jahren noch existieren? "Ich bin kein Prophet, ich habe keine Ahnung." Philip Roth hat einen Moment lang die Augen geschlossen. "Jedenfalls ist Israel eine blühende Gesellschaft. Wenn man durch Tel Aviv geht und die vielen Autos sieht, die Baukräne und Baustellen... Das alles kann nicht einfach so über den Haufen geworfen werden."

Lieber als über Tel Aviv spricht Philip Roth aber über Prag. 1972 war er zum ersten Mal dort, vier Jahre vorher hatten russische Panzer den Prager Frühling plattgewalzt. Er kam dann regelmäßig wieder und freundete sich mit den oppositionellen Schriftstellern an: Milan Kundera, Ludvik Vakulic, Vaclav Havel...

Besonders gern fuhr Philip Roth immer dann nach Prag, wenn ein neues Buch von ihm erschienen war: So entkam er sowohl den Verrissen als auch den Lobeshymnen zu Hause. Eines Tages spürte ihn ein Amerikaner auf einer Party in Prag auf, er hatte unter dem Mantel "Newsweek" ins Land geschmuggelt.

Philip Roth war nicht begeistert. Er war bis hinter den Eisernen Vorhang vor seinen Kritikern geflohen, bis ins besetzte Prag - und sogar dorthin folgten sie ihm noch! Der Schriftsteller lacht schallend, als er diese Anekdote erzählt. Irgendwann heftete sich leider der tschechische Geheimdienst an seine Fersen. Einer der Dissidentenfreunde von Roth wurde im Hinterzimmer verhört: Bitte, was sucht eigentlich dieser bezahlte zionistische Lohnschreiber aus dem imperialistischen Ausland bei uns? "Er ist hinter den Mädchen her, was sonst", antwortete jener Dissident gelassen.

Philip Roth lacht wieder. Ja, er hat "Das Leben der anderen" gesehen. Ja, der Film hat ihm gefallen.

Aber Deutschland? Deutschen Boden hat Philip Roth noch nie betreten: "Nicht aus politischen Gründen, es hat sich einfach nie ergeben." Auf die Frage, welche deutschen Schriftsteller ihm etwas bedeuten, kommt die bestürzend vorhersehbare Antwort: Grassböll, und nein, Philip Roth findet es kein bisschen schlimm, dass GG bei der Waffen-SS war. Na und?! Reden wir von etwas anderem.

"Portnoys Beschwerden" sei gar nicht so wichtig

Jenes Buch, mit dem Leute, die sonst nichts von Philip Roth wissen, seinen Namen auf ewig verbinden werden, ist "Portnoys Beschwerden". Er selbst findet diesen Roman gar nicht so wichtig. Er sei einfach nur das vierte von insgesamt 32 Büchern. Immerhin räumt Philip Roth grinsend ein, dass er dem Thema "Masturbation" einen festen Ort auf der Landkarte der Literatur verschafft hat.

Aber eigentlich, sagt er, sei das Thema von "Portnoys Beschwerden" etwas ganz anderes. Glutkern des Romans sei jene heiße Szene, in der Portnoys Onkel seinen großen, starken Sohn im Keller verdrischt, weil der mit einem nichtjüdischen Mädchen ein Verhältnis angefangen hat - hinterher gibt er dem Mädchen hundert Dollar und erzählt ihr, sein Sohn leide an einer seltenen Blutkrankheit. "Das schmutzige Geheimnis dieses Buches ist nicht die Masturbation. Es ist die Brutalität des Gefühls in einer jüdischen Familie."

Als "Portnoys Beschwerden" erschien, galt der Autor als ein jüdischer Selbsthasser. Philip Roth wehrt den Vorwurf kaltkurz ab: "Unsinn. ,Jüdischer Selbsthasser' ist nichts weiter als das Schimpfwort, mit dem die jüdische Gemeinschaft jeden jungen jüdischen Schriftsteller begrüßt."

Nicht bezweifeln kann man Folgendes: Seit "Portnoys Beschwerden" hat sich die Art, wie Philip Roth jüdisches Familienleben beschreibt, radikal verändert. Damals war ihm die jüdische Familie noch ein gigantischer, ein brüllender Witz - in seinem Meisterwerk "Amerikanisches Idyll" dagegen erscheint sie als etwas Kostbares und Bedrohtes, übrigens auch als etwas Heroisches.

Philip Roth bestreitet, dass dies auf eine Änderung seiner Haltung zurückzuführen sei. Schon gar nicht sei er still, leise und heimlich zum Konservatismus übergetreten. "Es sind einfach unterschiedliche Linsen", sagt er. "Früher habe ich durch die Linse der Komik geblickt, heute schaue ich durch die Linse der Ernsthaftigkeit. Die wahre Linse? Nein, die gibt es nicht."

Wichtige Romane spielen in New Jersey

Alle seine wichtigen Romane spielen in New Jersey, genauer gesagt: in Newark - man könnte Philip Roth also ohne einen Funken Ironie einen Heimatdichter nennen. "Die Geschichte der amerikanischen Literatur ist eine Geschichte des Regionalismus", erklärt er dann auch.

"Zwei Beispiele dafür: Saul Bellow und Faulkner. Bellows Romane spielen ausschließlich in Chicago und New York. Das war's. Und William Faulkner? Nehmen wir an, dieser ganze Tisch hier wäre Amerika, dann ist das hier" - Roth beschreibt mit seinem Fingernagel einen winzigen Kreis auf der Tischplatte - "Jefferson County in Mississippi. Über diesen Tellerrand hat der große William Faulkner nie hinausgeblickt."

Der Heimatdichter von New Jersey sieht so unscheinbar aus, wie es seinem Bundesstaat angemessen ist: Roth trägt ein offenes kariertes Hemd unter dem Pullover, einen alten Parka. Er ist weder besonders groß noch besonders klein. Auf der Straße würde man glatt an ihm vorbeigehen.

Aber wenn man sich mit diesem unauffälligen älteren Herrn in einem Zimmer aufhält, nimmt einem die Intensität der Begegnung schier den Atem. "Es ist wunderbar, der amerikanischen Literatur anzugehören", meint Philip Roth. "Es ist ein scharfer Galopp, ein Wettrennen. Wenn du nebenan die Hufe hämmern hörst, macht dich das zu einem besseren Schriftsteller. Das Niveau der Errungenschaften ist dermaßen hoch... Ich musste mich zum Beispiel immer mit so jemandem wie John Updike messen. Manchmal war John mir voraus, manchmal war aber auch ich vorn."

Philip Roth fixiert den Gesprächspartner mit seinen jungen dunklen Augen: "Spürst du das, diese Besonderheit der amerikanischen Literatur?"

Man müsste schon ein großer Dummkopf sein, wenn man sie nicht spüren würde. Nie ist dieser Schriftsteller beim Galoppieren müde geworden, nie hat er die Zügel schleifen lassen. Und weil er auch in schwierigem Gelände traumwandlerisch sicher im Sattel saß und weil er seinen Pegasus immer aufs Neue die scharfen Sporen seines Talents spüren ließ - darum erhält Philip Roth den WELT-Literaturpreis des Jahres 2009.