Kino-Film "Invictus"

Als Nelson Mandela zum Rugby-Fan wurde

Anfang der 90er-Jahre wurde Nelson Mandela der erste schwarze Präsident Südafrikas. Doch das Rassenproblem war damit nicht gelöst, wie auch Clint Eastwoods jetzt startende Verfilmung "Invictus" mit Morgan Frreman zeigt. Bei der Versöhnung soll ausgerechnet der Kapitän (Matt Damon) des Rugby-Teams helfen.

Die Besuchergruppe geht schon weiter, Francois Pienaar bleibt noch einen Moment zurück. An einem spielfreien Tag besucht das südafrikanische Rugby-Team die Gefängnisinsel Robben Island, auf der Nelson Mandela fast drei Jahrzehnte inhaftiert war.

Pienaar, der Mannschaftskapitän, streckt seine Arme aus und hat damit fast schon die gesamte Breite und Tiefe der Zelle ausgemessen. Auf dem Boden liegen noch die Decken, auf denen der Häftling schlafen musste. Als Pienaar aus dem Fenster blickt, glaubt er, ihn bei der Zwangsarbeit im Steinbruch zu sehen.

Der Film "Invictus - Unbezwungen" erzählt, wie Mandela (Morgan Freeman) in Pienaar (Matt Damon) einen Verbündeten findet, den er davon überzeugt, dass der Sieg beim Rugby-Weltcup 1995 ein ungekanntes Gefühl der Gemeinschaft in dem zerrissenen Land schaffen könne. Beide bewegen sich auf heiklem Terrain, denn der Sport ist den schwarzen Mitbürgern als eine letzte Bastion der Rassentrennung verhasst.

Wiederum hat der Regisseur ein überraschendes Sujet in einen Film verwandelt, der unverwechselbar seine Handschrift trägt. Mandela ist ein unverhoffter und doch klassischer Eastwood-Held. Sein Werk und seine Karriere handeln davon, wie man sich selbst immer wieder neu erfinden kann. Einst war die Rache der zentrale Impuls seiner Figuren, längst ist sie zurückgetreten zugunsten der Meditation über Schuld und Erlösung.

"Invictus" ist eine ungenierte Hagiografie, die Achtung bezeugt vor Mandelas politischem Instinkt: Er erscheint als ein Staatsmann, der aus dem Stegreif unentwegt Sätze von denkwürdiger Gravität spricht. Sein Amt übt er mit stolzer Demut aus.

Diese Bescheidenheit ist keine Koketterie, sondern eine noble Strategie. Morgan Freeman spielt ihn als Landesvater, für den niemand unsichtbar ist. Es ist nicht die Rolle seines Lebens, sondern vielmehr einer jener Glücksfälle, in denen sich die Integrität der Figur in der ihres Darstellers verdoppelt. Freeman verleiht Mandela jene unerbittliche Unschuld, die nur aus einem Leben voller Schmerz und Duldsamkeit entstehen kann.

Die Vergeltung, die in "Invictus" geübt wird, ist Versöhnung. Dafür hat das Drehbuch eine ertragreiche Perspektive gefunden, der es freilich noch konsequenter hätte vertrauen können. Es ist die von Mandelas Leibgarde, die sich paritätisch zusammensetzt aus ANC-Aktivisten und deren einst erbittertem Feind, dem Geheimdienst de Klerks.

Ihr Schützling verdammt sie zu argwöhnischer Koexistenz. Beispielhaft stehen sie für den Prozess der Annäherung. Ihm verdankt der Film seine epische Länge, denn er ist schleichend. Der Rassismus wird nicht überwunden, sondern allmählich durch eine neue, angebrachtere Haltung abgelöst. Die Reife in Eastwoods Spätwerk verdankt sich vor allem redlicher Offenheit.

Schon in seinem ersten Sportfilm "Million Dollar Baby" respektierte Eastwood den allegorischen Gehalt des Genres; der Boxring war dort das Terrain, um über die Widrigkeiten der sozialen Herkunft zu triumphieren. Solange der Sport in "Invictus" Symbol bleibt, erfüllt er diese erzählerische Aufgabe trefflich.

Wenn es auf dem Rugby-Feld konkret wird, versiegt Eastwoods Inspiration. Der Barbarei mit strengem Regelwerk mag er wenig inszenatorische Disziplin und Fantasie entgegensetzen. Sein Film strauchelt auf den letzten Metern. Dabei beschwört Eastwood eine ihm wohlvertraute Tugend: die Professionalität. Im Kern erzählt er eine sehr amerikanische Geschichte, die magische Begegnung zweier Männer, die sich darin moralisch ebenbürtig sind, dass sie ihren Beruf mit Ernst und Hingabe ausüben.