Kein Applaus. Am Anfang niedergezischt, am Ende sich zur Schweigeminute verdichtend. Hat Christian Thielemann so etwas schon mal erlebt? Ja, 2003, als er letztmals an einem 13. Februar am Pult der Dresdner Staatskapelle stand.

So wie damals flirteten Dirigent wie Musiker auch während dieses „Requiem-Konzerts“, in dem noch heute im Semperopernhausblatt der „anglo-amerikanischen Bomberverbände“ gedacht wird, die 1945 die Stadt auszulöschen suchten.

Heute sind Thielemann und die Dresdner, obwohl es damals nicht passte, offiziell verheiratet, die Ehe gilt freilich erst ab Sommer 2012. Dennoch geht man jetzt schon fremd, meist vor Fernsehkameras, während der offizielle Chefdirigent vor ein paar Tagen fristlos kündigte.

Mag Fabio Luisi, der sich bereits beim Wiener Opernball getröstet hat, das rechtlich nicht zustehen, und er immer noch auf allen Publikationen prangen, man wird ihn geräuschlos ziehen lassen, sich hinter den Kulissen einigen.

Zweimal läuten an diesem verschneiten Tag die Dresdner Kirchenglocken: um 22 Uhr, zur Erinnerung an den Beginn des Angriffs, und schon gegen 14 Uhr als das Bürgertum sich auf der Altstadtseite unter Führung des Ministerpräsidenten mit der traditionellen weißen Rose am Revers zum zivilen Menschenkettenwiderstand formierte, während am anderen Flussufer die Demonstration der Rechten zerschlagen wurde.

Doch außer freundlichen Polizisten und tief kreisenden Hubschraubern kam nichts herüber. Dresdens Achse der Guten, die sogar den „New Yorker“ beschäftigte, bleibt weiß. Obwohl Oberbürgermeisterin Helma Oroz (CDU), daran erinnerte, dass Dresdens Bürger nicht nur die zerstörte Semperoper betrauern, sondern diese 1938 auch die Sempersynagoge angezündet hatten.

Thielemanns hochsymbolischer Auftritt vor mindestens zehn Kameras war sowieso im Kapellenplan, anders als er wollte oder konnte Luisi sich diesem Applaus verbetenden Ritual nicht alljährlich stellen. Doch während der Italiener, wie andere auch in dem seit 1951 begangenen Konzert, das diesmal zudem den 25. Jahrestag der wiedereröffneten Semperoper markierte, bisweilen weniger traditionelle Trauermusiken ausprobierten, stellt sich Thielemann – wie schon 2003 – ganz dem Kanon.

Er dirigierte Beethovens „Missa Solemnis“; eigentlich keine Gedenkmusik, aber am Ende auch intensiv um Frieden bittend. Der nicht immer präzise Chor und die vier hervorragenden Solisten (Krassimira Stoyanova, Elina Garanca, Michael Schade, Franz-Josef Selig) gestalten das anrührend, wo sonst auch kalte Pracht regiert.

Mit knapp 90 Minuten Aufführungszeit bleibt Thielemann auf der langsamen Seite, was aber durch sein flüssiges, behende wirkendes Dirigat ausgeglichen wird. Fahle Momente des Betroffenseins regieren, dieser Beethoven trumpft nie auf. So wird es kein Triumph, sondern wirklich eine Musik des Nach-Denkens.