"Fluchtpunkt 1941"

Historiker hält Holocaust für "deutsche Kontinuität"

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Sven Felix Kellerhoff

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Es begann im Dreißigjährigen Krieg: Der US-Historiker Helmut Walser Smith attackiert in seinem jetzt auf Deutsch erscheinenden Buch "Fluchtpunkt 1941" viele seiner deutschen Kollegen. Denn er will den Holocaust mit "Kontinuitäten der deutschen Geschichte" erklären – und scheitert.

Wie war es möglich? Diese Frage treibt seit 1945 nicht nur deutsche Philosophen und Historiker um: Wie war es möglich, dass ein Staat all seine Machtmittel einsetzt, um eine nach Millionen zählende Gruppe von Menschen möglichst bis zum letzten Kleinkind auszurotten?

Die Opfer stellten keinerlei Gefahr dar; sie waren im Wesentlichen wehrlos. Und wie war es möglich, dass nicht nur ein Staat dieses ungeheuerliche Verbrechen zu begehen befahl, sondern mindestens 100.000 vorwiegend ganz normale Männer, vielleicht auch doppelt oder dreimal so viele, eigenhändig mordeten? Kurz: Wie war der Holocaust möglich?

An möglichen Antworten auf diese Kernfrage sowohl der deutschen wie der Weltgeschichte des 20. Jahrhundert fehlt es nicht; der Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hat in seinem Büchlein „Warum Auschwitz?“ 1995 gleich 42 Theorien aufgelistet.

Seither sind einige hinzugekommen – die bekannteste davon stellte Daniel Goldhagen auf, dem zufolge alle Deutschen bis 1945 von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ getrieben worden seien. Obwohl sich praktisch alle Fachleute einig waren, dass diese intellektuell bescheidene „Erklärung“ gar nichts erklärt, wurde der US-Politologe 1996 gefeiert wie ein Guru.

Goldhagen habe die richtige Frage gestellt, aber „seine Antwort war verfehlt“, schreibt der US-Historiker Helmut Walser Smith in seinem heute auf Deutsch erscheinenden Buch „Fluchtpunkt 1941“. Der 47-jährige Direktor des Max Kaden Center für European Studies in Nahsville (Tennessee) fragt darin nach den „Kontinuitäten der deutschen Geschichte“, die zum Holocaust führten.

Anders als Goldhagen ist Helmut Walser Smith ein angesehener Historiker. Sein in Deutschland bekanntestes Buch trägt den Titel „Die Geschichte des Schlachters“ und behandelt einen vermeintlich jüdischen „Ritualmord“ in der westpreußischen Stadt Konitz im Jahr 1900. Diese und weitere Arbeiten belegen, dass der Autor sich im Nationalismus und Antisemitismus des 19. Jahrhunderts auskennt.

Zentral an Smiths neuem Buch ist die Idee, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Bisher, so seine These, seien die deutsche Geschichte und der Zivilisationsbruch vor allem mit den Fluchtpunkten 1933 oder 1939 betrachtet worden – also unter dem Aspekt, wie es zur Machtübernahme Hitlers kommen konnte und wie es Hitler schaffte, die Bevölkerung für einen neuen Krieg zu gewinnen.

Durch die Verschiebung der Perspektive auf 1941, den Beginn der massenhaften Judenmorde hinter der Ostfront (auch wenn es ähnliche Untaten in kleinerem Maßstab schon nach der deutschen Besetzung Polens gegeben hatte), werde der „Zusammenbruch der Mitmenschlichkeit“ deutlich, ohne die es nicht zum Holocaust hätte kommen können.

Vier wesentliche Kontinuitätslinien beschreibt Smith, und nur ihr Zusammentreffen im „Fluchtpunkt 1941“ soll seiner Ansicht nach den Zivilisationsbruch ermöglicht haben. Drei dieser Kontinuitäten freilich sind bereits vielfach beschrieben worden: Erstens der Nationalismus in der banalisierten Tradition von Fichtes „Reden an die deutsche Nation“.

Zweitens führt der Autor die gegen die Emanzipation der Juden gerichtete antisemitische Bewegung des 19. Jahrhunderts an. Sie war in ganz Europa festzustellen und brachte keineswegs in Deutschland die schlimmsten Auswüchse mit sich, wie Smith selbst dokumentiert: In einer Tabelle mit 31 antijüdischen Exzessen zwischen 1881 und 1903 in Europa finden sich gerade vier, vergleichsweise kleine Pogrome im Deutschen Kaiserreich.

Eine dritte Kontinuität sieht Smith in der Entgrenzung von ethnischer Gewalt im Kolonialzeitalter, die er als „eliminatorischen Rassismus“ bezeichnet – aber auch das ist keine neue Entdeckung, denn schon seit Jahren wird über eine angeblich oder tatsächlich direkte Verbindung zwischen dem Genozid etwa an den Hereros in Namibia und Auschwitz diskutiert.

Kryptisch dagegen bleibt die vierte, in „Fluchtpunkt 1941“ wohl originär beschriebene Kontinuität. Smiths Ansicht nach hätten die Deutschen die im Dreißigjährigen Krieg blutig gemachte Erfahrung interkonfessioneller Gewalt verdrängt, nicht dagegen die interreligiöse Gewalt gegen Juden.

Gewiss ist diese Argumentation intellektuell bedeutend anspruchsvoller als etwa die seines US-Kollegen John Weiss, der 1996 im Gefolge der Goldhagen-Debatte den zu Recht längst vergessenen Band „Der lange Weg zum Holocaust“ herausbrachte. Jedoch ist sie analytisch kaum wertvoller als Weiss’ Aneinanderreihung antijüdischer Zitate von Luther bis Hitler.

"Traumatische religiöse Gewalt“

Zumal man an den Kenntnissen von Helmut Walser Smith über das konfessionelle Zeitalter durchaus zweifeln kann. Denn man muss lesen, dass er sowohl im englischen Original wie in der deutschen Übersetzung als Beispiel für „traumatische religiöse Gewalt“ auf die „Bartholomäusnacht des Jahres 1581“ verweist.

Jedoch fand das Pogrom gegen die Hugenotten in Paris, das wohl größte einzelne, konfessionell motivierte Verbrechen des 16. Jahrhunderts, bekanntlich in der Nacht zum 24. August 1572 statt. Aus unerfindlichen Gründen fiel dieser haarsträubende Fehler offenbar weder den Lektoren noch dem Übersetzer auf, und auch kein Rezensent scheint bisher darüber gestolpert zu sein.

Einmal in Fahrt, walzt Helmut Walser Smith alles nieder, was tatsächlich oder vermeintlich nicht in sein Bild passt. Da werden die strukturhistorischen Überlegungen der Historikergeneration um Hans Mommsen und Hans-Ulrich Wehler, die selbstverständlich ebenso wie ihre jüngeren Nachfolger heute den Zivilisationsbruch Holocaust erklären wollten, barsch beiseite geschoben.

Smith kritisiert diese Forscher fundamental: „Das Problem bestand nicht darin, die Motive einzelner Täter zu erklären, sondern darin, eine Erklärung für den Zusammenbruch der deutschen Kultur in jenem entscheidenden Jahr 1933 und für die Verführungskraft zu finden, die das Regime auf gewöhnliche Bürger ausübte.“

Strukturelle Fragen

Allerdings geht es genau um solche strukturelle Fragen, wenn Zeithistoriker den Ursachen des Holocausts nachspüren. Denn Gewaltexzesse haben einzelne Täter immer und zu allen Zeiten begangen, gegen verschiedene Opfergruppen. Spezifisch am Holocaust aber war, dass es einer Regierung gelang, alle staatlichen Machtmittel für dieses jedem menschlichen Empfinden zuwider laufende Ziel einzusetzen. Das kann man nur strukturgeschichtlich zu erklären versuchen; der individuelle Zugang über einzelne Täter führt nicht weiter.

Angesichts so kurzsichtiger Kritik an führenden Strukturhistorikern der Bundesrepublik überrascht es dann auch nicht, dass Helmut Walser Smith die Spekulationen eines anderen jüngeren Historikers für gesicherte Tatsachen hält. Nicolas Berg hatte unterstellt, die wissenschaftliche Arbeit des langjährigen Direktors des Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat, sei durch dessen Aufnahme in dies NSDAP mit 18 Jahren 1944 beeinflusst worden.

Wegen schlechten Gewissens darüber habe er jüdische Historiker von der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen fernhalten wollen. Zwar gibt es in Broszats Werk nicht den geringsten Hinweis für diese Unterstellung, aber das Gift der postumen Diffamierung wirkt – Smith macht sich Bergs These mit nur formaler Distanzierung zu eigen.

Wirklich erklärt ist der Holocaust auch 70 Jahre nach seinem Beginn nicht; alle Versuche von inzwischen vier Historikergenerationen haben höchstens Annäherungen ergeben. Helmut Walser Smiths „Fluchtpunkt 1941“ allerdings führt, entgegen seinem hoch gesteckten Anspruch, nicht zu neuen Erkenntnissen, sondern in die Irre.

Helmut Walser Smith: Fluchtpunkt 1941. Kontinuitäten der deutschen Geschichte. Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Wiese. Reclam Verlag, Stuttgart, 326 S., 24,90 Euro