US-Fotograf

Herb Ritts – Mann für intime Star-Aufnahmen

"Ich wollte etwas anderes machen", sagte der Fotograf Herb Ritts und fand seinen eigenen Stil. Richard Gere verdankte er seinen Karrierestart.

Schöne Menschen und Makel. Diese beiden Motive in allen Variationen, schockierend, spektakulär, intim, erotisch, haben den Fotografen Herb Ritts weltberühmt gemacht. Und bezeichnenderweise begann mit ihnen auch seine Karriere, 1978, in der kalifornischen Provinz.

Der schöne Mensch war damals Richard Gere, bis dato unbekannt, und der Makel eine Reifenpanne, die den jungen Schauspieler und seinen Freund an einer Tankstelle stranden ließen. Herb Ritts, 26 Jahre alt und Rattanmöbelverkäufer im elterlichen Betrieb, drückte beim Reifenwechsel ein paar Mal auf den Auslöser, schickte Gere hinterher die Negative und vergaß die Aufnahmen wieder.

Bis Gere mit "American Gigolo" ("Ein Mann für gewisse Stunden", 1980) zum Star wurde, der amerikanischen "Vogue" die Bilder seines Freundes Ritts zuspielte und die Redaktion den Hobbyfotografen daraufhin anrief, um weitere Fotos von Hollywood-Stars wie Elizabeth Taylor und Brooke Shields zu ordern.

Seitdem fotografierte Herb Ritts Extreme. Auf der einen Seite extreme Schönheit: den genau definierten, muskulösen Oberkörper jenes Reifenträgers etwa, der auf einem seiner bekanntesten Werke, "Fred with tires II", zu sehen ist. Oder das mit Wassertropfen bedeckte US-Topmodel Christy Turlington, deren intensiver Blick den Betrachter vor lauter Sinnlichkeit geradezu einschüchtert.

Foto von Liz Taylor nach der Gehirn-OP

Perfekte, durchtrainierte Körper, wie sie dem Ideal der Modebranche und den fitnessbetonten 80er- und frühen 90er-Jahre entsprachen; oft zur Schau gestellt in ästhetischen, teils provokanten Aktaufnahmen. Auf der anderen Seite zeigte Ritts extreme Details: Operationsnarben an Courtney Loves Brüsten, Jack Nicholsons gefletschte Zähne unter einer riesigen Lupe. Oder Liz Taylor nach einer Gehirnoperation mit rasiertem Schädel. Aufnahmen von Stars, die Makel und Schwachstellen offenlegten.

All dies war Fotografie auf hohem Niveau, auf den ersten Blick elegant und edel, ab und an voyeuristisch. Oberflächlich, so lautete größte Vorwurf, den Ritts Kritiker äußerten, wenn sie den Kalifornier für seine Ästhetik und die vermeintliche Leni-Riefenstahl -Referenzen rügten. Zuweilen gleichen die Menschen auf Ritts Fotos griechischen Marmorskulpturen, so glatt und kalt muten sie an.

Doch gerade hier ging der Fotograf einen entscheidenden Schritt weiter: Er hielt den Betrachtern mit seinen strengen Inszenierungen den Spiegel vor, hinterfragte damit den Körperkult, die Oberflächlichkeit, den Hedonismus. Seine Porträtierten mögen Statuen gleichen, sind aber hinter der perfekten Fassade lebendig – mit Ängsten, Sehnsüchten, Geheimnissen.

Dieses Talent für den Blick hinter die Kulissen war möglicherweise auch der Grund, weshalb sich so viele Stars aus Politik, Kultur und Sport von Herb Ritts fotografieren ließen – so etwa Nelson Mandela, Madonna, Kofi Annan, Mick Jagger, Cindy Crawford, Claudia Schiffer, Mike Tyson und der Dalai Lama. Der Fotograf trat diesem Defilee an Berühmtheiten unbefangen entgegen.

Nie fasziniert von der Berühmheit

Gebürtig aus Los Angeles, war er es gewohnt, regelmäßig Prominenten auf der Straße zu begegnen: "Ich war nie besonders fasziniert von ihrer Berühmtheit", sagte er einmal in einem Interview, "was mich an Menschen beeindruckt, ist ihr Talent." Und: "Ich versuche herauszufinden, wie derjenige ist, was ihm wichtig ist, was ich von ihm bekommen will und was er mir zu geben bereit ist."

Also fotografierte er die Prominenten aus einem anderen Blickwinkel, spielte mit ihrer Rolle als Protagonisten der Popkultur. Er bat Weltstars, sich zu verkleiden und zu schminken, dabei zwar ein Weltstar zu sein – aber eben nicht sie selbst.

Und die Prominenten spielten mit: David Bowie als James Dean mit Föhnfrisur und Kippe, Dustin Hoffman als exaltierter Salvador Dalí, George Clooney als Clark Gable. "Ich meine, jeder weiß schließlich, wie George Clooney aussieht", lautete Ritts simple Erklärung dafür. "Ich wollte etwas Anderes machen."

Anders waren auch die Porträts, die er von sonst so unnahbar, perfekt erscheinenden Stars machte und sie stattdessen von einer intimen, verletzlichen, unsicheren Seite zeigte. Sean Penn, der sich in freier Natur erleichtert und halb rebellisch, halb ertappt einen Blick über die Schulter wirft. Madonna, die – den Hals weiß geschminkt und nach hinten überstreckt – den sterbenden Schwan mimt.

Geheimrezept: Offenbarung ohne Blöße

Oder Clint Eastwood, der sich als verletzlicher Softie zeigt. Ritts sagte, er versuche, mit den Porträts eine Stimmung einzufangen, und dabei bekämen die Porträtierten eine gestaltende, entscheidende Rolle. Diese Arbeitsweise prägte entscheidend seinen Erfolg: Vor seinem Objektiv konnten sich die Stars offenbaren, ohne Blöße zu zeigen.

Als Fotograf für Mode-, Porträt-, Akt- und Celebrity-Aufnahmen hat Herb Ritt Legendenstatus erlangt. Der studierte Ökonom, der zu Beginn laut eigener Aussage nicht einmal mit Blenden und Belichtungszeiten zu hantieren wusste, schaffte es von gelegentlichen Foto-Aufträgen für große Modemagazine in die Riege der wichtigsten zeitgenössischen Fotografen, auf einer Höhe mit Richard Avedon und Helmut Newton. Er war ein Autodidakt, der keine Vorbilder hatte und nichts imitieren wollte.

Ritts beeinflusste maßgeblich die Popkultur: mit seinen Bildern in den Hochglanzmagazinen, seinen Werbekampagnen für Calvin Klein und Armani, seinen Musikvideos für Madonna, Michael Jackson und Shakira. Zwischen 1996 und 1997 sahen sich mehr als eine Viertelmillion Besucher seine Fotos im Bostoner Museum of Fine Arts an.

Dort wurde zu seinem Gedenken Ende 2008 auch die "Herb Ritts Gallery for Photography" eröffnet. Sechs Jahre, nachdem der erst 50-Jährige an einer Lungenentzündung verstorben war – eine Folge seiner HIV-Infektion, die Ritts der Öffentlichkeit nicht verheimlicht hatte, ebenso wenig wie seine Homosexualität.

Geheimnisse hatte er dennoch – die seiner Porträtierten auf den Fotos. Denn letztlich, sagte Herb Ritts, bestehe seine Arbeit doch eben darin: Das Mysterium einer Person festzuhalten.

Das Werk von Herb Ritts: Galerie Camera Work, 14. Mai bis 2. Juli 2011 (Berlin, Kantstraße 149; Öffnungszeiten: Di-Sa 11 bis 18 Uhr)