Yoel Gamzou

Ein Wunderkind vollendet Mahlers zehnte Sinfonie

Yoel Gamzou kann den 150. Geburtstag seines Idols Gustav Mahler am 7. Juli nur kurz feiern: Er will Mahlers zehnte Sinfonie aufführen.

Foto: Reto Klar

Der Maestro kommt um die Ecke gefegt, als sei er auf der Flucht und sein Leben bedroht. Braunes T-Shirt, die Hose schlackert um die langen, dünnen Beine, die schwarzen Haare wehen im Wind, die nachtbraunen Augen haben ein leicht irres Flackern. Die Bahn hat ihn versetzt. Und Yoel Gamzou rennt die Zeit weg. Ihm läuft immer die Zeit weg, obwohl er gerade mal 22 Jahre alt ist. Denn Yoel Gamzou hat eine Mission. Er ist im Auftrag eines Mannes unterwegs, der kommende Woche seinen 150. Geburtstag gefeiert hätte, wäre er nicht vor 99 Jahren ausgebrannt und herzkrank gestorben. Yoel Gamzou ist im Namen Gustav Mahlers unterwegs, des universellsten Komponisten der Geschichte. Sagt jedenfalls: Yoel Gamzou.

Wie er geht, so redet der junge Israeli auch, den manche ob seines überbordenden Enthusiasmus, seiner Begeisterungskraft schon mit dem jungen Simon Rattle verglichen haben. Ruhig sitzen kann Yoel Gamzou gerade noch bei Wasser und frischer Luft auf der lauschigen Terrasse des Berliner Literaturhauses. Ruhig reden kann er nicht. Manchmal überholt er sich selbst beim Sätzebauen. Wem der Kopf und das Herz voll ist, dem fließt der Mund über. Und für Gamzou gibt es immer wen, den er überzeugen könnte. Jetzt zum Beispiel uns.

Yoel Gamzou hört erstmals Mahler

Der Auftrag seines Lebens erreichte ihn aus dem Lautsprecher. Musik gehört, Musik gemacht wurde zu Hause wie in jedem ordentlichen jüdischen Haushalt von Tel Aviv. Yoel konnte eher Partituren als Bücher lesen. Mit vier fing er das Cellospielen an. Und dann ereignete sich seine Epiphanie, seine Erleuchtung. Yoel war sieben. Und seine Mutter – wohl eine mehr als exzentrische Person, Künstlerin, Bildhauerin, alleinerziehende Mutter – legte eine Platte auf. Leonard Bernstein dirigiert Mahlers siebte Sinfonie. Yoel Gamzou hörte zu. Es passierte etwas, das er bis heute nicht rational erklären kann. Etwas rastete ein. Und es stand fest, was er mit seinem Leben tun würde. Er würde es Mahler widmen.

Gamzou wuchtet Grippemittel auf den Tisch und eine riesige Dose mit Pulver gegen Burn-out. Er hat sich irgendwo auf der Flucht zwischen Wien, München und Berlin, wo ihm seit mehr als einem Jahr eine Wohnung zur Verfügung steht, erkältet. 80 Konzerte hat er dirigiert in den vergangenen elf Monaten. Jetzt ist er fertig. Seine Stimme klingt wie mit Stacheldraht umwickelt. Aber er könnte noch Stunden weiterreden.

Dass er zwar auch Brahms mag und Schubert und seit neuem Erich Wolfgang Korngold. Dass es aber ernsthaft nie Götter neben Mahler gab und er Mahlers nie müde wurde. Obwohl es gerade mal gut zwanzig Werke gibt, die Gamzou als Mahlers Statthalter auf Erden zu vertreten hat. Eine Sinfonie oder auch nur ein Satz von Mahler, sagt er, wögen ohne Weiteres fünf von Mozart auf. Womit er nichts gegen Mozart gesagt haben will. Mahler ist nur eben mehr als Mozart. Mahler ist auch mehr als die musikalische Spiegelung einer Biografie mit der Todesangst eines Herzkranken und dem Liebesleid um eine untreue Gattin Alma.

Eine Klangkugel für jeden

Mehr als Filmmusik natürlich, mehr als das Jüdische auch, mehr als der Weltschmerz, der Weltabschied, das Ende einer musikalischen Kultur, die visionäre musikalische Vorausschau auf ein katastrophisches Jahrhundert. Alles Klischees. Mahler ist das alles zwar. Vor allem aber sind Mahlers Sinfonien eine Naturgewalt, die Musik selbst, „die sich durch Mahler aussingen kann“, die schiere Musik, der sich Mahler als Medium zur Verfügung stellte. Sagt Gamzou. Sie singt aus ihm heraus, formt sich.

Zu einer Welt, in der alles aufgehoben ist, in der jeder (und zwar ohne Vorbildung und überall, in jedem Kulturkreis) sich finden kann mit all seinen Gefühlen, Ängsten, Träumen, mit seiner ganzen Welt. Eine Klangkugel, die für jeden eine Geschichte erzählt. Von dieser Imaginationskraft, die Mahler zum vielleicht einzigen wirklich mehrheitsfähigen Komponisten des 20. Jahrhunderts gemacht hat, will Gamzou der Welt erzählen. Wie zur Bekräftigung hämmert er dabei seine Mentholzigarette in den Ascher, als hätte die gerade Mahler beleidigt.

Für diese Mission ist er mit 15 und einem Ministipendium in der Tasche allein nach New York aufgebrochen. Jahrelang ist er anschließend ohne Geld um die Welt getingelt. Und hat, was immer sich ihm in den Weg stellte, wegüberzeugt. Vor gut sechs Jahren zum Beispiel den Sohn des (für Gamzou) größten damals noch lebenden Mahler-Dirigenten Carlo Maria Giulini.

Gamzou dirigiert wie er will

Giulini, an die neunzig, hatte sich schon zurückgezogen in seine Mailänder Wohnung, als Gamzou, keine 17 Jahre alt, ihn treffen wollte. Weil er keine Telefonnummer, keine Adresse, nichts hatte, telefonierte er sämtliche Mailänder Giulinis durch, bis er an den Sohn geriet. Der wollte seinen Vater vor dem Mahlerirren aus Israel schützen, gab allerdings entnervt auf, als Gamzou wochenlang auf dem Bahnhof kampierte und regelmäßig immer wieder anrief. Fünf Minuten wurden ihm schließlich gewährt mit dem greisen Meister. Es wurden anderthalb Jahre draus. Dreimal drei Stunden die Woche saß er bei Giulini und las Partitur mit ihm.

So kann Gamzou lernen. Nur so und aus eigenen Fehlern, sagt er. Konservatorium, Universität kann er nicht. Er hat in Paris zu studieren versucht, in London, in New York. Irgendwann, nach sieben Versuchen, hat er eingesehen, dass das nichts für ihn ist. Dass er sich nicht vorschreiben lässt, was er wie zu dirigieren hat. Dass er ein Freiheitsfreak ist.

Weswegen er im Gegensatz zum Idol seines Lebens weder zum Kapellmeister noch zum Operndirigenten taugt. Gamzou, der an nichts glaubt (abgesehen vielleicht von der Musik, dem Vegetarismus, einer gewissen Form von Wiedergeburt und Mahler selbst natürlich), will sich nicht von Institutionen aufhalten lassen, muss immer weiter. Und unterwegs wachsen ihm Freundschaften und Förderer zu, Marina Mahler, Gustav Mahlers Enkelin, ist die Schirmherrin des International Mahler Orchestra, das Gamzou mit 18 in London gründete. Guy Braunstein, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, und Emanuel Pahud, der Soloflötist der Berliner, konzertieren mit ihm. Immer wieder treibt er Geld auf, immer wieder bekommt er Stipendien, kratzt er das Letzte zusammen, was sein Konto hergibt, für seinen Traum.

Vollendung nach 100 Jahren

Der in seiner konkretesten Form jetzt vor uns auf dem Tisch liegt. In einem schwarzen Karton. Mehrere Kladden. Mit Bleistift beschrieben. Mahlers Fragment gebliebene zehnte Sinfonie, vervollständigt, orchestriert von Yoel H. Gamzou. In einem Alter, da Jungs sonst die Pickelcreme auspacken und schlechte Gedichte schreiben, ist Gamzou aufgegangen, was er der Welt einmal wirklich hinterlassen wollte – außer möglichst vielen, möglichst idealen Mahler-Interpretationen.

Die Zehnte in einer Version, die Mahler wirklich verdient hat. Als Particell, als fast vollständigen Entwurf hat Mahler sie hinterlassen. An Füllung der Lücken, der Bearbeitung für großes Orchester haben sich seit Mahlers Tod schon viele abgearbeitet. Etliche sind stecken geblieben. Am überzeugendsten geriet der Versuch des Briten Deryck Cook, den auch die Berliner Philharmoniker spielen. Aber Cooke, sagt Gamzou, war halt ein Musikwissenschaftler, und das höre man auch. Das klinge häufig eher nach Wagner denn nach Mahler.

Um dem Originalklang der Stimme seines Herrn möglichst nahe zu kommen, studierte Gamzou, bevor er auch nur einen Notenhals malte, jahrelang die Schrift, den Stil des Meisters. Setzte sich sogar wochenlang in Mahlers Komponierzimmer in Toblach/Südtirol. Und er hätte sofort hingeworfen, wenn es einen Besseren gegeben hätte. Gab es aber nicht. Sagt er. Und jetzt ist er fast fertig mit Mahlers unvollendetem Blick in eine musikalische Zukunft, die er selbst aber nicht mehr erlebt hat. Die Sätze eins bis drei und den fünften Satz muss er heute noch zum Verlag bringen. Am 5. September, am Ende der jüdischen Kulturtage, exakt 100 Jahre nachdem Mahler den letzten Notenkopf der Zehnten gefüllt hat, wird Gamzous Zehnte uraufgeführt.

Auf Zeitreise für Mahler

Das Manuskript, das da vor uns liegt, ist das einzige, das er hat. Er hütet es wie seinen Augapfel. Einmal hat er einen kompletten Satz in der Bahn liegen lassen. Achtzig Prozent, sagt er, hat er rekonstruieren können. Die restlichen zwanzig waren hinterher sogar noch besser als vorher.

Selbstbewusstsein kann man sehr gut lernen bei Yoel Gamzou. Ach, und wenn er noch einen Wunsch frei hätte, würde er eine Zeitreise machen. Zurück ans Ende der Sechziger, um Luchino Visconti davon zu überzeugen, dass es gar keine gute Idee wäre, das Adagietto aus Mahlers Fünfter unter seine Verfilmung von Thomas Manns „Tod in Venedig“ zu legen. Das hat nur für Ungemach gesorgt und am Ende Mahlers Weltmusik auf die Größe von durchschnittlichem Fahrstuhlgedudel geschrumpft. Die Bilder sind gemacht. Der Maestro ist weg. Hat er uns die Hand gegeben? Wahrscheinlich. Yoel Gamzou ist wohlerzogen und aufmerksam. Und plötzlich ist er weg, spurlos verschwunden. Ganz sicher im Auftrag seines Herrn.

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