Kairo

Wohin treibt Ägypten nach der Revolution?

Der Philosoph Bernard-Henri Lévy traf auf dem Tahrir-Platz demokratisch begeisterte Menschen. Doch die Gefahr islamistischer Fundamentalisten bleibt.

Foto: Reuters / Reuters/REUTERS

Hier hat es begonnen. Hier findet noch immer alles statt, lebhafter denn je. Ein riesiger Platz, an seinen Zufahrtsstraßen von Armeepanzern gesichert, auf denen Kinder sitzen und mit den Soldaten spielen. Glückliche Menschenmassen, eine halbe Million, vielleicht auch mehr, darunter viele sehr junge unverschleierte Frauen und junge Männer, die sich das Gesicht mit den Farben der ägyptischen Trikolore bemalt haben.

Über den Köpfen Fahnen und Banner, auf denen der "Märtyrer" und der "Verschwundenen" gedacht wird oder bloß "Ägypten" steht. Kein einziges Mal an diesem Abend habe ich eine anti-westliche Losung gesehen.

Der Tahrir ist das Programm

Einer von meinen Reisebegleitern wird mit einem portugiesischen Fußballtrainer verwechselt und prompt auf ein Rednerpodest geschoben, damit er ein paar Worte spricht. "Ihr habt den Tahrir-Platz genommen wie die Franzosen die Bastille! Ihr habt die erste Revolution des 21. Jahrhunderts gemacht!"

Es antwortet ihm das begeisterte Gebrüll jener Commune von Kairo, die wir nun seit Wochen hören. Man hat dem Tahrir gelegentlich vorgeworfen, dass er weder ein Programm noch Führer habe. Doch die Wahrheit lautet: Der Tahrir ist das Programm, und das Volk, wie Sartre sich ausdrücken würde, sein eigener Führer.

Am nächsten Morgen treffe ich mich mit Aalam Wassef, den ich vor 20 Jahren in Paris kennen gelernt und seitdem nicht wieder gesehen habe. Mit 40 hat er immer noch dieselbe Jugendlichkeit wie damals, dasselbe Interesse für Literatur und Philosophie.

Ahmad Sherif kämpfte über YouTube

Doch in der Zwischenzeit ist er auch zu einem jener Internet-Cracks geworden, die für den Funken der Demokratie sorgten, von dem nun auch der heldenhafte libysche Aufstand entfacht wurde. Im Jahr 2007 hatte er begonnen, den Suchbegriff "Mubarak" zu kaufen und es so einzurichten, dass jedes Mal, wenn jemand bei Google den Namen des Tyrannen eingab, er ein Suchresultat erhielt, das Mubarak lächerlich machte.

Unter dem mittlerweile legendären Pseudonym Ahmad Sherif postete er bei YouTube Anti-Mubarak-Videos, die von Millionen Ägyptern gesehen wurden. Irgendwann wurde er von der Geheimpolizei des Regimes unter Überwachung gestellt. Doch dann brach die Revolution eines Volkes los, das endlich entdeckt hatte, wie nackt sein Kaiser war.

Die Geburtstagsparty eines Freundes in der künstlichen Stadt Beverly Hills, eine Autostunde von Kairo mitten in der Wüste gelegen. Ich bin mit der Hoffnung gekommen, ein weiteres dieser Internet-Wunderkinder zu treffen, Abdelkarim Mardini.

Im Netz gab es Infos zum Aufstand

Über ihn erzählt man sich, er habe in den ersten Tagen der Erhebung, als die Regierung das Internet blockierte, das Mittel gefunden, die Sperren zu umgehen. Ja, das stimmt, bestätigt er beiläufig, aber er sei nicht alleine gewesen.

"In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar hat eine Gruppe von uns darüber nachgedacht, wie man die Netzpolizei überwinden könne. Und schließlich kam uns in jener Nacht zwischen Zürich, wo ich mich gerade aufhielt, Kalifornien, wo Google sein Hauptquartier hat, und natürlich Ägypten, die Idee, die Stimme und das Netz miteinander zu verknüpfen."

Vereinfacht ausgedrückt, bestand Mardinis Einfall darin, drei Telefonnummern (in den USA, in Italien und, wie es scheint, in Bahrain) zur Verfügung zu stellen, bei denen Ägypter anrufen konnten, um dort Botschaften für andere Anrufer zu hinterlassen – unter anderem mit dem Ort und dem Zeitpunkt von Kundgebungen –, und diese Botschaften auch auf der Website " speak2tweet " zugänglich zu machen.

Künstler waren Repressalien ausgesetzt

Ich hege seit jeher Misstrauen gegenüber technischen Erklärungen der Geschichte, jetzt frage ich mich doch: Wie viele von den jungen Ägyptern, die ich auf dem Tahrir gesehen habe, wurden zu ihrer Revolte von Menschen wie Mardini ermutigt?

Kann sich noch jemand an Farouk Hosni erinnern, jenen Mann, den Mubarak an der Spitze der Unesco unterbringen wollte – nachdem der geschworen hatte, mit "eigenen Händen" jedes hebräische Buch zu verbrennen, das der Wachsamkeit der Polizei entgangen war und sich noch immer in der Bibliothek von Alexandria befand?

Im Restaurant "Estoril" unterhalte ich mich mit einer Frau, die viel zu erzählen weiß über den Schaden, den Leute seiner Art angerichtet haben. Karima Mansour ist Tänzerin und Choreografin, die nichts anderes gewollt hatte, als ihre Kunst von den Klischees des traditionellen orientalischen Tanzes zu befreien.

Frauen kämpfen für Gleichberechtigung

Die Folge: In den Mubarak-Jahren galt für sie Auftrittsverbot, sie wurde mit Schikanen aller Art drangsaliert. Bis zum 25. Januar, jenem Tag, an dem die Revolution ausbrach. Karima brach ihre Proben in Bern auf der Stelle ab, um nach Ägypten zu fliegen und sich dem Aufstand anzuschließen. Heute kann sie endlich alles sagen. Und sie erzählt vom Leben unter einem Regenten, der zwar gebildet war, aber auch freie Geister und Blogger verfolgte.

Ich bin überzeugt davon, dass der Ort, den Frauen in gesellschaftlichen Bewegungen einnehmen, eine Art Vor-Schein jener Demokratie ist, für die sie kämpfen. In Kairo habe ich dafür viele Beispiele gefunden. Karina. Die jungen Frauen vom Tahrir-Platz. Magy Mahrous, eine koptische Christin, die in den letzten Jahren viel im Irak, in Afghanistan und in Darfur gearbeitet hat und nun mit der fixen Idee zurückgekehrt ist, in den vergessenen Landstrichen Oberägyptens Schulen zu errichten.

Oder, hinreißend mit ihrer grauen Mähne, Nawal El Saadawi, die bei der Geburtstagsparty in Beverly Hills wie ein junges Mädchen tanzt. Sie berichtet von ihren feministischen Kämpfen: wie einst Mubaraks Schergen ihre Versammlungen zerschlugen, als sie gegen ihn eine Präsidentschaftskampagne startete.

Die Ägypter und der Vertrag mit Israel

Und wie jetzt eine achtköpfige Kommission damit beauftragt wurde, eine neue Verfassung auszuarbeiten – ohne eine einzige Frau. Während sie davon erzählt, merkt man, dass davon ihre Entschlossenheit, die Stimmen der ägyptischen Frauen hörbar werden zu lassen, nur noch weiter angestachelt wird.

Kein anti-westlicher Slogan, wie gesagt. Aber auch kein anti-israelischer? In einem Café im Herzen des beliebten Kairoer Viertels Sayyeda Zenab komme ich mit dessen Besitzer Sayed ins Gespräch, und irgendwann auch auf die Furcht des Westens, dass das neue Regime den von Sadat unterzeichneten Friedensvertrag mit Israel kassieren könnte.

"Es ist Mubarak, der euch diese Narretei verkauft hat", lacht Sayed. "Um seine Unterdrückung zu legitimieren, hat er euch eingeredet, wir wären Wilde mit Absicht, diesen Vertrag in den Mülleimer zu treten. Das ist einerseits nicht höflich, weder uns Ägyptern, die wir keine tollwütigen Hunde sind, noch Israel gegenüber, das es nicht verdient hat, in Furcht leben zu müssen. Aber andererseits ist es vor allem falsch. Denn mit diesem Friedensvertrag sind wir schon geboren, und er gehört", dabei zeigt er auf die Plastikstühle auf seiner Terrasse, "zum Mobiliar. Warum sollte ich ihn loswerden wollen?"

Der politische Reifeprozess schreitet voran

Natürlich glaube ich nicht daran, dass der ägyptische Antisemitismus, der bei meinem letzten Besuch vor einem Jahr durch Schaufenster mit den "Protokollen der Weisen von Zion" sichtbar wurde, sich durch Twitter und Facebook einfach aufgelöst hat.

Aber ich denke, dass der Tahrir-Platz auch für die Beschleunigung eines politischen Reifeprozesses steht, der unter anderem auch dazu führen kann, den ägyptischen Antisemitismus in allen seinen Spielarten abzukühlen.

Diese politische Reife habe ich in anderer Form bei einem wunderbaren Mann wiedergefunden. Ahmed Bayoumi war lange ein Klempner, der in seiner Freizeit lange Jahre erforschte, zu welchen Formen es führt, wenn man Öl in Wasser gießt, ehe er mit seinem Hobby zum Künstler wurde, der nun Fotografien von seinen Experimenten in einer Kairoer Galerie ausstellt.

Die Suche nach einem würdigen Präsidenten

"Es gibt zwei Sorten von Leuten", erzählt er mir in seinem Haus in einem Viertel, in dem die Leute von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen: "Jene, die meinen, dass es nach dem Sturz Mubaraks nun genug ist mit dem Aufstand und wir wieder zurück an die Arbeit müssen. Und dann gibt es noch jene, die denken, dass wir zwar den Kopf abgeschnitten haben, aber der Körper immer noch da ist."

Schließlich sagt er: " das Geld, das sie uns gestohlen haben, schläft immer noch in euren Banken. Wenn ihr uns einen Dienst erweisen wollt, wartet mit seiner Rückgabe noch eine Weile, bis wir einen Präsidenten gewählt haben, der dieses Amtes würdig ist. Nicht früher."

Selbstverständlich begegnet man bei einer Reportage wie dieser auch den unvermeidlichen Enttäuschungen. Boutros Boutros-Ghali zum Beispiel. Ich habe ihn nicht mehr seit jenem Tag gesehen, als er in Sarajevo von einer wütenden Menge mit Tomaten beworfen worden war, die seine Appeasement-Politik nicht mehr ertragen konnten.

Besuch im Hauptquartier der Muslimbrüderschaft

Doch hier in seinem komfortablen Appartement auf der El Nil Avenue ist die Mittelmäßigkeit dieses Mannes sogar noch trauriger. Über die Jugend auf dem Tahrir-Platz fällt ihm nichts anderes als Gegrummel ein: Diese Leute wüssten nicht, was sie wollten.

Über den Wind der Demokratie, der nun in seinem Land zu wehen begonnen hat, meint er: "Das alles wird noch viel kosten". Und als ich auf die zwei Kriegsschiffe zu sprechen komme, die der Iran durch den Suezkanal geschickt hat, um die neue ägyptische Macht zu testen, gerät dieser 90jährige, immerhin einer der Architekten des Friedensvertrages mit Israel, völlig aus der Fassung. Er könne nicht einsehen, sagt er, warum Netanjahu ein Recht auf die Atombombe haben solle, Ahmadinedschad aber nicht.

Manchmal befällt mich das Gefühl, unter Wölfe geraten zu sein. Im Hauptquartier der Muslimbrüderschaft unterhalte ich mich mit Saad Al-Hosseiny. Er sagt, dass die Brüderschaft nicht mehr als 15 Prozent der Ägypter repräsentiert.

Die Muslimbrüder propagieren "Gerechtigkeit"

Garantiert mir, dass sie bei den Wahlen in sechs Monaten keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufstellen wird. Schwört bei allem, was ihm heilig ist, dass sie für den Augenblick keine andere politische Agenda hat als Freiheit, Würde, Gerechtigkeit.

Doch dann fügt er mit hartem Blick hinzu: Was jenes andere Programm betrifft, das wahre, das seit 1928 gilt und von den palästinensischen Brüdern in Gaza verwirklicht wird, hätten sie jede Menge Geduld: "Wir haben alle Zeit der Welt."

Am Ende unserer Unterhaltung will er von mir wissen, ob ich mit meinem Namen nicht ein wenig jüdisch sei. Als ich es bejahe, schaut er mich mit einem Ausdruck der Verwirrung an, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Treffen mit eventuell zukünftigen Tourismusminister

Beim französischen Botschafter lerne ich einen Mann namens Mounir Abd El Nour kennen, der in mir jäh Antipathie auslöst. Ich erfahre, dass er Tourismusminister werden soll, Nachfolger eines Mannes, der vom obersten Militärrat seines Amtes enthoben wurde.

Ich erfahre, dass er ein einflussreicher Geschäftsmann ist, Verbindungen zur "Africa Middle East Petroleum Company" unterhält, die bei den Korruptionsskandalen um Saddam Husseins Erdölexporte eine gewisse Rolle gespielt hatte. Er gibt zu erkennen, dass er keine Probleme damit hat, der Muslimbrüderschaft beim Prozess der Demokratisierung eine wichtige Rolle zu konzedieren.

Während wir über das Verhältnis von Weltlichkeit und Islam diskutieren, droht er mir mit dem Zeigefinger: "Machen Sie sich bloß keine Illusionen! Das Leiden des palästinensischen Volkes ist eine Wunde im Herzen jedes Ägypters."

Ägypten und sein Wettlauf gegen die Zeit

Als ich, von seinem Ausbruch überrascht, wissen will, ob das Leiden der Libyer nicht eine ebenso offene Wunde sei, läuft er rot an, zerquetscht fast sein Handy und sagt: "Sie können doch ein Massaker unter Brüdern nicht mit jenem permanenten Skandal vergleichen, den die Besetzung Palästinas darstellt." In jenem Augenblick scheint mir dieser Mann eine Art Inbild all jener Hindernisse zu sein, mit denen es das neue Ägypten aufnehmen muss.

Am nächsten Tag lerne ich in Alexandria und an der libyschen Grenze Ägypter kennen, für die Gaddafi eine Schande der arabischen Welt darstellt. Und in Kairo höre ich den Ratgeber des Großimams El-Tayyeb sagen, dass er sich gegen eine Regierungsbeteiligung der Muslimbrüderschaft ausspricht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Aktivisten vom Tahrir-Platz sich ihre Begeisterung für liberal-libertäre Werte, ihre Leidenschaft für das Recht und die freie Rede, sowie ihr Gefühl, jenen Funken entfacht zu haben, der auch das Narrenregime von Tripolis in die Luft jagen wird, von den Anhängern der Scharia nehmen lassen werden.

Doch die Wahrheit lautet: Ägypten befindet sich in einem Wettlauf gegen die Zeit, und man kann nur hoffen, dass das Land ihn bei den Wahlen gewinnen wird. Die islamistische Regression, die mir jetzt so unwahrscheinlich erscheint, lässt sich nicht ausschließen. Und natürlich existiert auch die Möglichkeit, dass die Armee ein weiteres Mal die Macht übernimmt, und der arabischen Welt das Beispiel einer Revolution gibt, die nach ihrem Sieg zu einer konstitutionalisierten Autokratie gefriert. Andererseits: Was wir in Kairo zu sehen bekommen, könnte tatsächlich der Anfang der Demokratie sein. So stehen die Dinge gerade auf dem Tahrir-Platz.

Aus dem Französischen von Peter Praschl.