Lady Gaga ist nicht nur gekommen, um zu unterhalten, sie will erlösen. „Tonight we’re gonna be super free, meine kleinen Monster“, heute Nacht werden wir super frei sein, sagt sie gleich zu Beginn ihrer Show am Dienstagabend in der Berliner O2 World.
In einem dramatischen Hochzeitskleid, das aussieht, als sei es aus strahlend weißen Plastikröhren zusammengeklebt worden, fährt sie unter die Hallendecke, breitet ihre Engelsflügel aus und sagt: „Ladet alle Eure Sorgen bei mir ab, denn ich liebe Euch so sehr“.
In Lady Gagas „Monster Ball“-Show sind die Grenzen zwischen Konzert, Musical und Performancekunst fließend. Die Handlung ist in mehrere Akte eingeteilt und enthält Motive der „Rocky Horror Picture Show“ und dem „Zauberer von Oz“. Erzählt wird die Geschichte von Lady Gaga und ihren Freunden, die sich auf dem Weg zum Monster Ball, einer grandiosen Tanzveranstaltung der Außenseiter, Radikalindividualisten und Freaks, in New York verlaufen. Die Bühne ist mit Feuerleitern und einem Schrottauto zugestellt, unter dessen Kühlerhaube ein Keyboard versteckt ist.
Überall blinken Leuchtreklamen mit Worten wie „Sex Ugly“ oder „Implantate, Betäubung, Zahntechnik“. Wo mag der Monster Ball nur stattfinden? Wohin sollen sie gehen? Vielleicht die Glitzerstraße entlang, die vor ihnen so verlockend funkelt. Genau der richtige Weg, um dem Publikum Lady Gagas Hit „Just Dance“ vorzutragen.
In den Umbaupausen gibt es kurze Videos, gleich im ersten erbricht sich eine Frau in Schwarz grün auf Gagas weißes Kleid. Warum? Auch das lehrt Gagas Show: Erlösung bedeutet manchmal auch die Befreiung von Sinn-Fragen.
„Monster Ball“ ist gewiss eine der aufwendigsten, spektakulärsten und mutigsten Shows, die je von einem Star ihrer Größenordnung auf die Bühne gebracht wurde. Bei reibungslosem Ablauf ist die Musik perfekt live gespielt, der Sound bestens und die Songs großartig gesungen.
Doch wirklich überragend und ihrer Konkurrenz um Längen überlegen ist Lady Gaga in den Momenten zwischen den Songs. Wenn man nicht genau weiß, ob sie gerade aus der Rolle fällt oder das Drehbuch umschreibt. Wenn sie etwa nach einem Song zwar stumm, aber immer noch angeschaltetem Mikrofon schwer atmend einfach so auf der Bühne steht, sich mit der rechten Hand am linken Arm herumfummelt, diesen dann hochreckt – und das Publikum sieht, dass sie das Wort „Berlin“ mit Kunstblut auf ihren Bizeps geschrieben hat.
Wenn sie sich auf dem Boden räkelt und sagt: „Ich bin jetzt Tinkerbell, wenn ich keinen Applaus bekomme, werde ich sterben.“ Wenn sie Sätze sagt wie: „Es gibt nur eine Sache, die ich mehr hasse als Geld, und das ist die Wahrheit. Ich brauche jeden Tag eine Tüte Bullshit.“
Wenn ihre klassische Ausbildung zum Tragen kommt und sie bei der Ballade „Speechless“ immer wieder um das Songmotiv herum improvisiert und versonnen „Scheiße, Scheiße“ singt. Wenn sie sagt: „Ich weiß, dass es Leute gibt, die sagen, dass ich dringend Urlaub machen sollte. Aber ich sterbe lieber auf der Bühne als allein unter Palmen.“
Der Generalvorwurf, der Lady Gaga gemacht wird, lautet, sie produziere nur billigen Kirmespop, ihr Style sei von verschlagenen Marketingexperten erdacht und außerdem ginge es ihr nur ums Geld. Das kann natürlich alles sein, man fragt sich nur, warum das dann nicht viele so machen wie sie.
An Marketingexperten und Leuten, die schnell viel Geld verdienen wollen, mangelt es bekanntlich genauso wenig wie an billigem Kirmespop. Wieso gibt es Lady Gagas also nicht im Dutzend? Wieso haben nicht auch andere Künstler binnen 18 Monaten fünf Nummer-Eins-Hits in Folge, verkaufen von manchen Titeln zehn Millionen Exemplare in einer Zeit, in der die Musikindustrie in ihrer schwersten Krise steckt?
Wieso schafft sie es und kein anderer, zwölfjährige Mädchen, deren Eltern, die gesamte Modewelt, die halbe Kunstwelt, schwule Männer, heterosexuelle Männer, fast alle Frauen und Whoopi Goldberg zu ergebenen Fans zu machen? Statistisch gesehen, hat ein Fünftel der Weltbevölkerung ihre Videos bei Youtube angeschaut.
Die Antwort könnte sein, dass Lady Gaga in ihrer Künstlichkeit so authentisch wirkt, rundum glaubwürdig und nahbar. Im letzten Drittel der Show lässt sie per Video das „Manifest der kleinen Monster“, ihrer Fans, verlesen: „Es liegt etwas Heroisches in der Art, wie meine Fans ihre Kameras bedienen: so präzise, so stolz und so komplex. Wie Könige, die die Geschichte ihres Volkes schreiben. Sie sind dafür verantwortlich, das zu erschaffen und zu erhalten, was später als das ‚Königreich’ bekannt sein wird. Die Wahrheit über Lady Gagas Fans liegt also darin, dass sie die Könige und die Königinnen sind, und ich ihr ergebener Narr. Wenn sie einsam sind, bin ich es auch.“
Nach zwei Stunden haben Gaga und ihre Freunde den Monster Ball gefunden. Als Finale wird „Bad Romance“ gegeben, 9000 Zuschauer singen die Zeilen „Rah-rah-ah-ah-ah / Roma Roma-ma / Gaga ooh la la“ und gehen zufrieden Heim – wissend, eine der größten Künstlerinnen ihrer Generation gesehen zu haben.




