Musik

Glaube und Sex - wie Soul nach Memphis kam

Die US-Stadt rühmt sich für Elvis und den Blues. Jetzt feiert Memphis den Soul, der vor 50 Jahren dort entstand: Zahlreiche Konzerte und Ausstellungen erinnern an die Geburtsstunde der schwarzen Unterhaltungsmusik. Singen, schreien, tanzen, predigen.

Amerikanische Städte, die eine musikalische Physiognomie nachweisen können, pflegen eifersüchtig über ihre toten Helden zu wachen. Detroit (Motown) und New Orleans, Chicago und Philadelphia, Nashville und sogar Las Vegas können sich eines namensprägenden Stils rühmen. Seattle hat Grunge und Jimi Hendrix’ Grab. New York frisst alles und veredelt alle.

Memphis, das sich am Flughafen mit Götzenbildern von B.B. King und Elvis ziert, beansprucht Geburtsrechte für den Mississippi Delta Blues und Rock ’n’ Roll. In diesen Tagen besinnt sich die Südstaatenmetropole auf ihre vernachlässigte dritte Identität und feiert, mit der dreisten Willkür, die Touristikbüros eigen ist, 50 Jahre Soul. Diesmal muss man die Erfinder der Aktion loben.

Sam Cookes Soulballade „You Send Me“, die 1957 an der Spitze der Hitparade explodierte und dem herkömmlichen Rhythm & Blues Beine machte, könnte allein für das Datum bürgen. Aber Memphis gedenkt der Gründung von Satellite Records, der Royal Studios und dem ersten Hit des Labels „’Cause I Love You“ von Rufus Thomas und seiner Tochter Carla.

James Brown machte den Soul zur "Sex Machine"

Gegründet wurde die Firma von einem countryfiedelnden Bankangestellten namens Jim Stewart, der seine Schwester Axton so lange anpumpte, bis sie 1961 zu ihrem Geld auch ihren Namen gab: „Stax“ wurde die Wahlheimat von Al Green, Otis Redding, Sam & Dave, Wilson Pickett, Isaac Hayes und der phantastischen, mitten im rassengetrennten Süden aus je zwei schwarzen und weißen Musikern geformten Studioband namens Booker T. & the MG’s.

Die Band mit dem genialen Gitarristen Steve Cropper, schamlos kopiert von britischen Lehrlingen wie Eric Clapton und den Rolling Stones, wird in einer Wiederbegegnung mit Isaac Hayes (dem Musik-Oscar-Preisträger für „Shaft“, 1971) vom 16. bis 22. Juni in Memphis an den Konzerten von „Seven Days of Soul“ teilnehmen.

Stax wollte rauer sein als Motown, schmutziger, dichter angelehnt am Blues und der Gospel-Phrasierung der Baptisten-Vorsänger. Man sagt, Soul habe nicht viel mehr getan, als den Adressaten von „Oh, Lord“ zu einem allzuweltlichen „Oh, baby“ umzuwidmen. Als wäre das eine Kleinigkeit.

Der Süden war fruchtbar für überlegene schwarze Sänger wie für weißen Überlegenheitswahn. Bobby Bland, Little Richard und Wilson Pickett wurden in Georgia, dem südlichen Nachbarstaat Tennessees, geboren; Bobby Bland stammte aus Memphis; James Brown, wie Ray Charles in Georgia aufgewachsen, wurde als erster Soulbruder unter Gleichen akzeptiert. Niemand vermochte wie Brown religiöse Ekstase in kaum verhüllte sexuelle Lust zu übersetzen.

Prominente Nachahmer: Die Beatles

Als der „Pate des Soul“ 2006 starb, trug man in Memphis Trauer wie in Harlem. Aber es war Otis Redding, der 1962, kaum über 20 Jahre alt, seinen selbst verfassten Song „These Arms of Mine“ für Stax aufnahm und bald zum Schutzheiligen des Labels aufstieg.

Der Memphis-Soul unterlief die Rassentrennung, mindestens in der Abgeschiedenheit der Stax-Studios, indem es schwarze Sänger mit weißen Musikern, Produzenten und Komponisten zusammenbrachte. Nur bei einem Lkw-Fahrer namens Elvis Presley, der schwarz sang und so viel rohen Sex in einem Hüftschwung hatte wie Brown, lief der Talentstrom ein einziges Mal umgekehrt.

Soul-Sänger wurden in Europa angebetet. In Amerika wurden im Jahr 1963 von den 106 Songs, die in die Top Ten gelangten, 37 von Schwarzen aufgenommen; 1964 waren es nur noch 21 Songs, sämtlich aufpolierte Rhythm.&.Blues-Produktionen, denn Brown, Redding oder Bland wurden von einem Haufen langhaariger britischer Nachahmer, angeführt von den Beatles, hinweggefegt. Ohne Little Richard und James Browns Avantgarde in „Please Please Please“ (1956) wären Lennon/McCartney im englischen Dancehall-Niveau verkümmert.

"Respect" war die Message der Sänger

Ohne Otis Redding, Joe Tex, Wilson Pickett, Sam & Dave und Percy Sledge, die ihre besten Aufnahmen zwischen 1964 und 1966 machten, nicht wenige für Stax Records, hätte Motown die Erdung im Blues womöglich völlig verloren. Es dauerte Jahre, bis der umgekehrte Minstrel-Effekt der britischen Bands in den USA nachließ. Otis Redding nahm auf Betreiben von Steve Cropper sogar eine Coverversion des Stones-Hits „Satisfaction“ auf. Höchst widerstrebend, wie er gestand. Aber er landete in den Pop-Charts und half, seine früheren Meisterwerke bekannter zu machen.

Stax und Memphis haben ihre Rolle in der Bürgerrechtsbewegung gespielt. Wie Aretha Franklin und James Brown, die der Bewegung Grund und Songs gaben, schwarz und stolz zu sein und Respekt zu fordern. Die Stadt ist auf ewig gezeichnet durch den Mord an Martin Luther King dort am 4. April 1968.

In dem 2003 eröffneten Stax-Museum an der McLemore Avenue in Soulsville, südlich des Stadtzentrums, sind die Beutestücke der großen Zeit gesammelt, die 1975 mit dem Konkurs des Labels endete. Wichtiger als die Überdosis Kitsch, der in Isaac Hayes’ vergoldetem Cadillac blüht, ist die Erinnerung an mehr als 300 LPs und 800 Singles. Im August fallen andere Pilger in die Stadt ein, 30 Jahre nach Elvis’ Tod.