Lebenshilfe

Wie die Märchen der Brüder Grimm Mut machen

Die Grimmschen Märchen hätten die Deutschen verroht – soweit ging die Kritik an ihnen schon. Märchenexperte Hans-Jörg Uther sieht das anders.

Rotkäppchen hatte keinen Sex-Appeal. Auch wenn sie diese symbolträchtige Kopfbedeckung trug, die Psychologen veranlasste, in der Märchenfigur eine junge Frau jenseits der Pubertät zu sehen. Eine Lolita, die unbewusst verführt und in ihrer Naivität zur Verführten wird.

Das war die Kleine, die der Franzose Charles Perrault in seiner 1697 veröffentlichten Erzählung "Le Petit Chaperon Rouge" beschreibt. Dieses Früchtchen, das sich sogar nackt zum Wolf ins Bett legt.

Grimms Märchen legen wert auf Gehorsam

Aber das deutsche Rotkäppchen, das die Brüder Grimm 1812 in ihrem ersten Band der "Kinder- und Hausmärchen" bekannt machten, war einfach nur unartig. Und weil sie ihrer Mutter nicht gehorchte, die ihr doch gesagt hat, bei ihrem Gang durch den Wald zur kranken Großmutter ja nicht vom rechten Pfad abzukommen, wurde sie tüchtig bestraft.

"Die Brüder Grimm", sagt der Märchenexperte Hans-Jörg Uther, "haben aus vielen Märchen das Sexuelle weitgehend herausgenommen. Da ist Rapunzel plötzlich Mutter von Zwillingen, und keiner weiß, von wem sie die hat. Und auch die eindeutigen erotischen Anspielungen in dem Märchen von ,Rotkäppchen', wie man sie bei Perrault findet, fehlen. Bei ihnen wird das Märchen zu einer Warngeschichte für junge Menschen, immer schön auf die Eltern zu hören."

Der Göttinger Wissenschaftler Hans-Jörg Uther ist der deutsche Märchenforscher schlechthin. Ob es um Krankheit und Heilen geht, um das Verhältnis von Müttern und Töchtern, um Essen und Trinken oder um das Glück – es gibt kaum eine Thematik, die Uther nicht zum Schwerpunkt seiner Märchensammlungen gemacht hat.

Weihnachtsmärchen sind die schönsten Märchen

Zu den schönsten gehören sicherlich die Weihnachtsmärchen, von Väterchen Frost und der Schneekönigin, von Schneehasen und Wintergeistern. An ihnen erkennt man, wie sich die Figuren in den Märchen der Völker ähneln, die Ängste und Sehnsüchte.

Das gilt auch für die von Uther herausgegebene Reihe "Die Märchen der Weltliteratur". Märchen sind Uthers Welt. Und deshalb hat jetzt die Universität Marburg den 66-Jährigen mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet und damit einen Mann geehrt, den mehr treibt als wissenschaftliches Interesse.

Seit 1973 gehört er zu dem kleinen Kreis von Forschern, die in einer alten Göttinger Villa an dem größten wissenschaftlichen Nachschlagewerk zum Thema arbeiten: die auf 14 Bände angelegte "Enzyklopädie des Märchens".

Diskussionen um die Verrohtheit Grimmscher Märchen

Uther hat sich schon immer für die alten Erzählungen begeistert. Für die archetypischen Geschichten, die Verhaltensweisen spiegeln, die nie an Aktualität verlieren. Doch Märchen wurden nicht immer geliebt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es sogar Versuche, die Schrecken des Nationalsozialismus mit den grausamen Verhaltensweisen in den grimmschen Märchen zu erklären, die die Deutschen verroht hätten.

In den Siebzigerjahren galten die Märchen als reaktionär, verhaftet in alten Frauenbildern und autoritären Familienstrukturen. Heute ist das anders. Pädagogen und Psychologen entdecken in den Geschichten Möglichkeiten, reizüberflutete Kinder zu sich selbst zu bringen.

"Böse Stiefmutter" auf traditioneller Erbfolge begründet

Laut Forsa waren es 2008 gut 70 Prozent der deutschen Familien, in denen regelmäßig die Geschichten von Schneewittchen, dem gestiefelten Kater oder dem Froschkönig erzählt werden.

"Märchen sind zeitgemäß", sagt Hans-Jörg Uther. "Sie weisen wesentliche erzieherische Aspekte auf. Die Moral in den prägnanten Texten kommt unseren Vorstellungen entgegen. Hier werden alle menschlichen Konflikte dargestellt, vor allem familiäre.

Märchen spiegeln zum Beispiel die moderne Patchworkfamilie, deren Problematik in den Handlungen mit den, allerdings meist bösen Stiefmüttern immer wieder dargestellt wird." Dass die Stiefmutter zumeist von Neid getrieben und ungerecht gegenüber dem erstgeborenen Kind des Mannes ist, hat nach Uthers Erkenntnis einen schlichten Grund: In dieser Darstellung schlägt sich die Problematik der traditionellen Erbfolge nieder, in der die Kinder des Mannes aus erster Ehe immer bevorzugt wurden.

Hans im Glück sieht in allem das Gute – und überlebt

Das Märchen kennt keine Zwischentöne, es ist verhaftet im Schwarz-Weiß-Denken. "Das kommt Kindern entgegen. Für sie gibt es gut oder böse. Und zu ihrem einfachen Gerechtigkeitsgefühl gehört, dass das Böse bestraft werden muss und das Gute siegt."

Kinder und Erwachsene können von Märchen fürs Leben lernen. Von Hans im Glück zum Beispiel. Er erzählt etwas von der positiven Fähigkeit, sich die Umstände innerlich zurechtzurücken, sagt Uther. "Für Hans ist das Materielle weniger wichtig. Deshalb ist er in den Augen der Bürger ein Dummkopf, weil er immer wieder betrogen wird. Aber er empfindet das gar nicht so, er sieht in jeder Situation das Gute und kann so überleben."

Das sei eine Fähigkeit, die für jeden erstrebenswert ist. Es sind die alten einfachen Weisheiten, die aus dem Leben gegriffenen Grundprinzipien, die die Märchen auch heute noch so faszinierend machen. Da geht es sehr oft um einen Mangel und die Notwendigkeit, ihn zu beseitigen, wenn beispielsweise ein König sterbenskrank ist oder eine Prinzessin nicht mehr lachen kann.

Die Märchen lehren uns, dass es sich lohnt, mutig zu sein, weil es fast immer eine Lösung gibt. Am Ende bleibt jedoch immer eines gültig: Und wenn die Helden nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.