Mit zunehmendem Alter stellen sich dem engagierten Zuschauer von Klassikern neue Fragen. Bei „Der kleine Lord“ verschieben sich die Wertigkeiten. Ich weiß noch, dass ich ganz früher mehr für Cedric schwärmte, den armen Jungen aus Amerika, der ein zutiefst englischer Earl werden soll. Mittlerweile hänge ich weit mehr am alten Earl of Dorincourt, ein Griesgram vor dem Herrn, der unabdingbar von Alec Guiness gespielt wird. Ich sehe den Film von 1980 so ziemlich jedes Jahr, weigere mich aber standhaft, die Version mit Mario Adorf, den ich sonst sehr schätze, zu schauen.

Alec Guiness muss sich wie Lampedusas „Leopard“ ändern, damit die Dinge bleiben, wie sie sind. Wie er auftaut und sein Leben überdenkt, ist zauberhaft. Was immer Cedric, seine amerikanischen Freunde, seine tapfere Mutter tun, ist eine Vorlage, um den enormen Umwertungsprozess im Gesicht dieses hageren Alten zu beobachten. Ja, wenn ich es recht bedenke, wird der kleine Cedric überschätzt. Er ist ein aufdringlicher, viel zu netter und lieber blonder Bursche, eine idealisierte Kunstfigur, die mir regelrecht vorlaut erscheint. Ein Streber. Das war mir früher offenbar entgangen.

(Psst, sagen Sie das bloß nicht meinen Kindern weiter, die sehen das ganz anders!)

Jedenfalls steckt in diesem Wandel der Ansichten das Geheimnis von „Der kleine Lord“. Jeder findet seins. Einmal spielen der alte Earl und Cedric Fußball mit einer Dose. Sie lachen. Sie hüpfen. Das ist meine Utopie für die kommenden Jahre, griesgram-mäßig bin ich einstweilen schon gut vorbereitet (das sagen meine Kinder auch).