Elizabeth Gilbert

"Eat Pray Love"-Autorin verrät ihr eigenes Ideal

| Lesedauer: 8 Minuten
Judith Luig

Elizabeth Gilberts neues Buch ist ein Lob an die Ehe. Im Vergleich zum Bestseller "Eat Pray Love" verliert es genau deshalb an Witz.

Das Erfolgsrezept von Elizabeth Gilbert ist recht einfach: verkünde Yogakursweisheiten, für die Frauen Mitte dreißig bereit sind, ein Vermögen auszugeben. "Eat Pray Love" hieß ihr Bestseller von 2006. Iss, bete, liebe. So simpel dieser Weg klingen mag, an seinem Ende wartet das Glück. Und jede Frau, die ihn wie Elizabeth Gilbert geht, kann es finden.

Genau das ist der Reiz aller Selbstfindungsliteratur. Die verführerische Klarheit der Antworten, die ein Ich einem Du vorschlägt. Du willst aufhören zu rauchen, fett zu sein, zu leiden, zu versagen, den Falschen zu lieben? Ich zeige dir, wie das klappt. Allen Beteiligten ist klar, dass das nicht funktioniert. Und dennoch: Sobald man in seiner Lebensnot eines dieser Bücher kauft, hat man für eine kurze Zeit die Illusion, dass es vielleicht anders sein könnte. Selbsthilfebücher sind wie Anti-Cellulites-Cremes: Das Produkt, das man kauft, ist nicht die Creme. Sondern das Versprechen, dass sich endlich etwas ändert.

Auf den ersten Blick klingt Gilbert also nicht revolutionär. "Einatmen, ausatmen" war wohl schon vergeben, möchte man sagen und sich Wichtigerem zuwenden. Wenn man ein Mann ist, könnte einem das auch gelingen. Als Frau Mitte dreißig schaut man ein zweites Mal hin. Die komplette Palette der Lebensratgeber-Literatur plus sämtliche Frauenzeitschriften hat schließlich ein perfekt funktionierendes Verkaufsargument: die Diät. Einfach zu übersetzen in den Imperativ "Iss nicht!" Gilbert aber predigt gegen den Trend. "Iss" ruft sie. "Werde dick, sau dich ein, lass dich gehen." Sechs Millionen amerikanische Leser (plus eine Million weltweit) folgten ihr.

"Chick Lit": Bekenntnisse urbaner Frauen

Elizabeth Gilbert ist mit ihrem Reisebericht durch Italien, Indien und Bali zu einem Star geworden, der verschiedene Enden der amerikanischen Gesellschaft zusammenbringt. Oprah Winfrey liebt sie, die LOHAS-Bewegung, die mit ihrem Lebensstil Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern will, hat sie zu einer Leitfigur erkoren, sie wird aber auch von Professorinnen geschätzt.

Sie versöhnt Esoterik und die sogenannte Chick Lit , die ironisch-selbstironischen Bekenntnisse urbaner Frauen, eint Linke und Konservative. Sogar einen Tourismusboom hat sie ausgelöst: Weil sie ihre große Liebe in Gestalt von Felipe auf Bali fand, machten sich Horden von Touristinnen zwischen dreißig und fünfzig auf den Weg nach Indonesien.

Gilbert ist auch deshalb populär, weil sie mit ihrem Buch radikal gegen die amerikanische Mainstream-Überzeugung verstieß, jede Frau brauche zum Glück einen Mann, zwei Kinder und ein schönes Zuhause. Davor nämlich läuft Liz weg, und es geht ihr großartig dabei.

Aufenthaltsgenehmigung als Ehe-Anlass

"Eat Pray Love" ist eine Abrechnung mit dem amerikanischen Hochzeitswahn und der weiblichen Fixierung auf den Mann. "Warum wünschen sich eigentlich so viele Frauen so dringend einen Ehemann, wenn doch Statistiken zeigen, dass die Ehe die Frau in allem schlechter stellt", fragt Gilbert. Und versichert ihren Leserinnen, dass die Antwort auf alle Fragen nicht Kai, David oder Paolo heißt.

Jetzt hat Elizabeth Gilbert eine Fortsetzung von "Eat Pray Love" geschrieben. Konsequenterweise müsste sie eigentlich "Marry" heißen, aber dann wäre ein wenig zu offensichtlich geworden, dass die Autorin der Behauptung ihres Megasellers widerspricht. "Committed" (auf Deutsch: "Das Ja-Wort") ist, wenn man so will, eine Rückreise.

Weil ihre Liebe Brasilianer ist und die beiden ohne Trauschein nicht in den USA leben können, bleibt nur, "vom Gesetz gezwungen", ihn zu heiraten. Doch bis die Ringe getauscht werden, entdeckt sie auf einer Reise durch Asien in Gesprächen mit anderen Frauen die Ehe als etwas "Wundervolles" und beginnt erstaunlicherweise sogar, die Institution der Ehe für subversiv zu halten. Der Anlass für das Buch mag unromantisch sein, das Buch ist es nicht.

Verfilmung mit Julia Roberts

Im Grunde ist die Protagonistin von "Eat Pray Love" die bildungsbürgerliche, ökologisch bewusste Schwester von Carrie Bradshaw. Ihre "Metropolitans" sind Pizzas und ihre Manolo Blahniks Meditationsübungen - aber das Thema ist dasselbe wie bei "Sex and the City": Frauen auf der Suche nach Antworten auf die Frage, was es eigentlich bedeutet, eine Frau zu sein. Frauen, die beschützt und selbstständig sein wollen, die sexy, anschmiegsam, tough und cool sein wollen - und bescheuert. Frauen, die sich verzweifelt nach etwas sehnen, was sie im Grunde auf keinen Fall haben wollen: einen Mann, der sie vervollkommnet.

Der Grund, warum man sich so gern "Sex and the City" ansah, war derselbe, aus dem man auch "Eat Pray Love" las: weil in beidem mit viel Selbstironie und Mitleid Scheitern gezeigt wurde. Genau das war das Revolutionäre an jener Literatur, in der Frauen, meist Journalistinnen, mit Distanz zur eigenen Verrücktheit ihr Leben als Frau in einer Zeit schildern, in der man immer noch denkt, der Mann müsse zuerst anrufen, das Abendessen bezahlen und den Antrag machen, aber gleichzeitig Gleichberechtigung, Respekt und Anerkennung fordert - privat und in der Arbeit.

Solche Frauen tummeln sich seit Mitte der Neunziger in populären und weniger populären Büchern, Serien und Kinofilmen. Seit vergangener Woche gibt es noch einen mehr: Die Verfilmung von "Eat Pray Love" mit Julia Roberts als Essende, Betende, Liebende. Um die Gilbert-Verehrerinnen ins Kino zu locken, hält sich der Film-Trailer an das Erfolgsrezept des Buches - die Identifikation.

Auch "Sex and the City" floppt mit Ehe-Geschichte

"Haben Sie vergessen, wer Sie sind?", wird der staunende Kinobesucher in leinwandgroßen Lettern gefragt. Was immer die Frauen darauf sagen mögen, es ist so gut wie sicher, dass die Antwort äußerst selten "Julia Roberts" lautet. Mit der unsichtbar bleibenden Liz des Buches konnte sich die Leserin leicht identifizieren. Mit der wunderschönen Julia Roberts wird ihr schwerer fallen.

Die Heldinnen der Frauenliteratur sind in die Jahre gekommen, ihre ewige Suche hat sich ein bisschen totgelaufen. Jetzt sind sie nicht mehr Mitte 30, sondern "fortysomething" und haben ein neues Thema gefunden: die Ehe. Super-Single Carrie Bradshaw aus "Sex and the City" hat ihre letzten beiden Filme damit verbracht, erst über ihre Hochzeit und dann über ihre Ehe auszuflippen. Und Elizabeth Gilbert hat ein Buch über das "Ja-Wort" geschrieben. Beide haben sie also Männer gewonnen. Und verloren, was sie ausmachte: ihren Witz, ihre Selbstironie und ihre Fähigkeit, auch mal etwas nicht zu schaffen. Nun fehlt bloß noch das große Ehebuch von Bridget Jones.

So verhält es sich also mit den jüngsten Auswüchsen von Frauenliteratur und Frauenkino wieder einmal wie mit Anti-Cellulites-Cremes. Für kurze Zeit hat man die Illusion, dass sich etwas ändert. Und dann stellt sich heraus, dass die Antwort auf alle Fragen doch nur ein Mann ist. In der Verfilmung von "Eat Pray Love" heißt er wie im Buch Felipe und wird gespielt von Javier Bardem.

Elizabeth Gilbert: "Das Ja-Wort: Wie ich meinen Frieden mit der Ehe machte", Bloomsburry, 22 Euro.