Morgenpost Online: Herr Prahl, sind Sie mit dem „Tatort“ groß geworden?
Axel Prahl: Als Kind war das natürlich spannend: Die Morde, die späte Sendezeit – da gab es viele Gründe. Im zarten Alter von 12, 13 Jahren habe ich meinen ersten „Tatort“ gesehen, auf dem Sofa in eine Wolldecke gehüllt und mit einer Knabberschale in der Hand. Beim Vorspann habe ich mir schon fast in die Hose gemacht – wegen der psychedelischen Musik von Doldinger. Aber danach habe ich nicht regelmäßig geguckt, ich habe auf dem Schulhof nie über Fernsehsendungen geredet. Dafür war ich schon zu früh der Musik verschrieben – darüber habe ich eher gesprochen.
Morgenpost Online: Haben Sie trotzdem aus dieser Zeit einen Bezug zum „Tatort“?
Prahl: Die berühmte Folge „Reifeprüfung“ mit Nastassja Kinski war damals in aller Munde. Und Schimanski hat mich natürlich geprägt. Aber insgesamt hat der „Tatort“ in meiner Jugendzeit keine große Rolle gespielt. Trotzdem habe ich die Anfrage des WDR vor sechs Jahren als Adelsschlag empfunden.
Morgenpost Online: Wussten Sie da schon, dass Jan Josef Liefers Ihr Partner werden würde?
Prahl: Nein, denn eigentlich war ja Ulrich Noethen für die Rolle vorgesehen. Er ist aber zwei Wochen vor Drehbeginn abgesprungen, und dann hat Jan Josef kurzfristig übernommen. Darüber bin ich sehr glücklich: Bei den Dreharbeiten zur ersten Folge hatten wir beide unsere Gitarre dabei. Da war klar: Hier sind zwei Musiker am Werk.
Morgenpost Online: Wenn Sie beide so gerne musizieren, läge doch ein Duett nahe – so wie einst mit Manfred Krug und Charles Brauer im Hamburg-Tatort.
Prahl: Nein, darauf habe ich keine Lust. Das gab’s ja schon mal. Warum sollte man das noch mal bemühen?
Morgenpost Online: Die Konstellation, dass Liefers einen Pathologen und keinen Kommissar spielt, ist dafür etwas Besonderes.
Prahl: Professor Börne hat auch eine kriminalistische Ader und will immer mitermitteln. Die Leichenfledderei im Keller ist ihm eigentlich viel zu langweilig. Er interessiert sich brennend für die Fälle. Trotzdem hat er etwas Liebenswürdiges. Ich könnte mir durchaus vorstellen, mit so einem Menschen befreundet zu sein. Das wäre dann allerdings eine ziemlich spezielle Freundschaft...
Morgenpost Online: Wie groß war Ihr Mitspracherecht beim Charakter von Kommissar Thiel? War seine muffelige Art Ihre Idee?
Prahl:
Das war eine fließende Entwicklung. Ich hatte natürlich meine Anmerkungen zum ersten Drehbuch, ich wollte den Kommissar so wortkarg wie möglich haben und mir die Klassiker-Fragen „Wo waren Sie gestern von dann bis dann?“ ersparen und das ein bisschen anders machen. Ich habe allerdings festgestellt, dass man da nicht ganz drum rumkommt. Ich fand Thiel muffelig, mies gelaunt und leicht misanthropisch interessanter und wollte ihn dann sympathisch werden lassen. Heinz Schubert als Ekel Alfred war dabei ein bisschen mein Vorbild.
Morgenpost Online:
Ist die Tatsache, dass Thiel St.-Pauli-Fan ist, ein biografisches Element? Sie sind in Schleswig-Holstein aufgewachsen.
Prahl: Ich habe bis 12 selbst Fußball gespielt, war aber nach jedem Spiel zwei, drei Tage krank. Deshalb hat mich meine Mutter aus dem Verein genommen. Darunter habe ich schwer gelitten, obwohl ich es auch verstehen konnte. Danach habe ich alles verdrängt, was mit Fußball zu tun hatte. Mit 15 habe ich dann erkannt, dass es die Mädchen durchaus zu schätzen wissen, wenn man am Samstagabend nicht die Sportschau gucken will. St. Pauli war eigentlich nur die Krücke, um zu erzählen, dass er aus Hamburg nach Münster strafversetzt wurde. Aber mittlerweile ist das gewachsen, ich bin selbst St.-Pauli-Fan und war auch schon öfter am Millerntor.
Morgenpost Online: Haben Sie Wünsche für die nächsten Folgen?
Prahl: Ich bin froh, dass der Münster-Tatort ein bisschen aus der Rolle fällt. Da fehlt die Großstadtatmosphäre, meist geht es um Familientragödien, Geschichten, die jahrelang unter den Teppich gekehrt wurden. Die sind näher an einem selbst dran. Jürgen Möllemann hätte ich vor seinem Tod als Thema schon gerne aufgegriffen. Jetzt wird das natürlich schwierig. Ansonsten fände ich einen Tatort ohne Leiche super.
Morgenpost Online: Das gab’s bisher erst ein paar Mal – glauben Sie, dass das durchsetzbar wäre?
Prahl: Gute Frage. Aber bei einem Wirtschaftsverbrechen müssen ja nicht zwangsläufig Menschen ums Leben kommen. Ich habe das schon mal angesprochen, aber es wird sicher nicht einfach, das jetzt einzuführen. Das hätte man wahrscheinlich früher machen müssen.
Morgenpost Online: Wie lange wollen Sie als „Tatort“-Kommissar noch weitermachen?
Prahl: Bei den Quoten stehen wir momentan auf Platz eins, da wird uns der WDR bestimmt nicht absetzen. Es wird sich zeigen, da hängen ja viele Faktoren dran. Momentan denkt jedenfalls keiner von uns ans Aufhören. Gerade das Drehen der letzten beiden Folgen hat wieder sehr viel Spaß gemacht. Bei „Wolfsstunde“, die am Sonntag läuft, hatten wir erst die Befürchtung, dass sie nicht zu Münster passt. Es geht um das Thema Vergewaltigung, da kann man ja nicht rumwitzeln. Aber ich glaube, uns ist die Gratwanderung eines Thrillers mit Humor doch gelungen.
Morgenpost Online: Vor kurzem haben wir gelernt, dass man als ehemaliger „Tatort“-Kommissar auch in die Politik gehen kann. Ist das eine Option für Sie?
Prahl: Ich glaube nicht, dass mich jemand fragt. Es gibt eine Umfrage, welchen der Tatort-Kommissare man sich als Bundespräsident wünsche. Maria Furtwängler hat mit großem Abstand gewonnen, Peter Sodann wurde Zweiter – aber nur, weil er im Osten großen Zuspruch bekam. Ich bin mit zwei Prozent Letzter geworden. (lacht) Da hab ich wohl was richtig gemacht...
„Das große Tatort-Quiz“ mit Jörg Pilawa, Donnerstag 20.15 Uhr, ARD. Kandidaten: Maria Furtwängler, Andrea Sawatzki, Simone Thomalla, Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Miroslav Nemec, Axel Milberg und Richy Müller.
Münster-Tatort „Wolfsstunde“ mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers u.a., Sonntag 20.15 Uhr, ARD.





