Morgenpost Online: Wie fühlt sich das an, wenn man als Schauspieler seinen Regisseur mal so richtig in die Tonne treten darf?
Jan Josef Liefers: (lacht) Großartig. Dabei tat mir Justus (von Dohnány) richtig leid. Denn es war wirklich er, den wir da in die Tonne getreten haben. Justus hatte zwar ein Double, eine Puppe, aber er ist dann doch in die Tonne gekrochen. Und eigentlich wollten wir das so drehen: Deckel auf, Justus rein und Schnitt. Aber er hat dann vergessen, „Cut“ zu sagen. Und so haben wir weitergedreht und ihn wirklich kopfüber da reingestopft. Da verblasst dann das Bild des Regisseurs, da tat er mir einfach als Freund leid.
Morgenpost Online: Das ganze heißt „Bis zum Ellenbogen“, eine kohlrabenschwarze, manchmal makabre Komödie mit Stefan Kurt und Justus von Dohnány, der auch Regie führte. Ein reiner Film unter Freunden?
Liefers: Es ist großartig, mit Freunden zu arbeiten. Fand ich immer schon. In unserem Fall hatte keiner ein Profilierungsproblem, die Hierarchie hatten wir klar abgesprochen. Wir können zu allem unsere Meinung sagen, aber letztlich hat Justus den Hut auf. Justus hat ja auch bei meinem Regie-Debüt gespielt. Es gibt wenige Konstellationen, wo man so ehrlichen Herzens das Beste versucht, wie unter Freunden. Mit Fördergeldern wäre der Film nie zustande gekommen. Auch kein TV-Redakteur hätte das Drehbuch so abgenickt.
Morgenpost Online: Ist das schwierig, eine schwarze Komödie in Deutschland zu drehen?
Liefers: Bestimmt. Im Fernsehen sowieso, das hat ja großes Bedenken bei allem, wem man damit auf den Schlips treten könnte. Alles, was besonders, was eigenartig ist, wird meist eliminiert. Manchmal gelingt es, den unseligen Zwang zur politischen Korrektheit etwas zu durchbrechen, wie bei unserem „Tatort“. Aber es ist immer wieder eine Diskussion. Die hatten wir hier nicht.
Morgenpost Online: Höre ich da eine gewisse Sehnsucht heraus, mehr Filme auf solche Art zu drehen?
Liefers: Es wäre großartig, immer so arbeiten zu können. Aber wer weiß: Kann ja auch sein, dass unser Film kläglich untergeht. Bisher sind die Resonanzen sehr ermutigend. Es ist jetzt schon viel mehr als alles, was wir erwarteten. Dass wir zu Filmfesten eingeladen werden und einen Verleih gefunden haben, war weiß Gott nicht absehbar.
Morgenpost Online: Sie drei sind regelrecht aufeinander gespielt. Sie kennen sich wie lange?
Liefers: Seit 1990. Wir haben viel miteinander zu tun gehabt in Hamburg, haben zusammen Theater gespielt und jetzt nahtlos da weitergemacht, wo wir vor 15 Jahren aufgehört haben.
Morgenpost Online: Was bedeutet Ihnen Freundschaft – über diesen Film hinaus?
Liefers: Schwierige Frage. Einerseits hat man gelernt, sich bei der Arbeit innerhalb von Sekunden jemandem zu öffnen, wie man es anderen gegenüber nach zwei Jahren nicht tun würde. Wenn die Arbeit zu Ende ist, ist man aber auch wieder raus aus dem Leben. So hat man einen freundschaftlichen Kontakt – aber man kann nicht behaupten, dass das mehr ist. Meine Freundschaften stammen eigentlich alle aus früheren Zeiten. Und die meisten treffe ich eigentlich gar nicht mehr, seit wir in der selben Stadt wohnen.
Morgenpost Online: Darf man sich nicht zu nahe kommen?
Liefers: Der Beruf absorbiert einen einfach. Der schluckt einen komplett, da wühlt man sich so durch die Eingeweide der Arbeit, wird am Ende wieder ausgespuckt und duscht sich ab. Für Sozialkontakte nicht unbedingt der geeignetste Beruf.
Morgenpost Online: Wie ist das bei Axel Prahl? Sie ermitteln schon seit fünf Jahren gemeinsam im „Tatort“ Münster.
Liefers: Das ist wie im Lotto, manchmal ist einfach Glück dabei. Axel und ich, wir kannten uns gar nicht. Wir sind auch sehr verschieden und doch wie ein passendes Paar Schuhe. Axel ist eigentlich eine Rampensau – das ist durchaus lieb gemeint! Wir teilen unseren Humor und spielen uns die Bälle zu. Das war von Anfang an so, ist aber Zufall.
Morgenpost Online: Aber ist das jetzt in Liefersscher Deutung eher Freundschaft oder freundschaftlicher Kontakt?
Liefers: Mit Axel ist das schon sehr eng. Er war mal bei mir im Studio und dann haben wir einen Bossa Nova zusammen aufgenommen.
Morgenpost Online: Eine geschickte Überleitung zu Ihrer neuen Tournee „Soundtrack meiner Kindheit“, mit der Sie demnächst durch Deutschland tingeln.
Liefers: Eigentlich wollte ich mein zweites Album aufnehmen. Da kam wieder eine alte Theaterverbindung zum Tragen. Unsere Band bekam eine Einladung zu den Ruhrfestspielen für „Century of Song“. Da sind schon viele berühmte Leute aufgetreten und haben nicht ihre eigene Musik gespielt, sondern die, von der sie finden, dass sie eine Zeit, vielleicht nicht gleich ein Jahrhundert, aber einen Teil ihres Lebens sehr beeinflusst hat.
Morgenpost Online: Und das heißt bei Ihnen das, was man gewöhnlich als Ostrock bezeichnet.
Liefers: Ich hatte erst mal ganz schnell eine Liste voll mit Beatles und Sex Pistols und so. Dann dachte ich, ist doch Quatsch, die Liste kann ja jeder aufstellen. Geh doch mal zurück in deine Zeit. Da, wo man sich ja eigentlich nicht aussuchen kann, was man so hört, was einen aber mehr prägt, als einem vielleicht liebt ist. Also meine Zeit im Osten. Was es damals für Songs gab und welche davon dir was bedeutet haben. Die habe ich mit meiner Band ein bisschen modernisiert. Das ganze heißt „Soundtrack meiner Kindheit“ und wird mit eigenen Geschichten und Anekdoten verbunden.
Morgenpost Online: Für wen wird das spannenden: Wessis, die sich nicht auskennen, oder Ossis, die die Lieder kennen?
Liefers: Beide nehmen das bislang gut an. Natürlich gibt es im Westen bis heute ein ausgesprochen nebulöses Bild vom Osten und seiner Rockkultur. Wer kennt hier schon Lift oder Renft, die kannte ja nicht mal im Osten jeder, weil die teils Auftrittsverbot hatten. Wir spielen auch in Chemnitz und Berlin, und ich bin gespannt, wie die Leute dort die Geschichten hören. Kann ja gut sein, dass die sagen, Jan Josef, das wissen wir doch alles!
Morgenpost Online: Sie spielen auch Titel von Silly.
Liefers: Ja, einiges.
Morgenpost Online: Was sagt Ihre Frau, die neue Leadsängerin von Silly, dazu? Gibt es da eine Konkurrenz in Ihrer Ehe?
Liefers: Das ist meine Version, meine Sicht auf die Lieder. Es gibt da auch keine Konkurrenzsituation. Wir trennen das schon. Ich finde, Anna ist eine wirklich großartige, eine Ausnahme-Sängerin. Auch wenn sie keine Schauspielerin wäre, wäre sie unter den Sängerinnen eine besonders Gute.
Morgenpost Online: Das sagen Sie nicht nur, weil sie verheiratet sind.
Liefers: Nein, das meine ich wirklich. Ich bin kein besonderer Sänger, ich könnte mich mit ihr in keiner Weise messen. Wir kommen uns da nicht ins Gehege. Aber es ist schon lustig, wenn sie sich meine Version der Songs anhört.
Morgenpost Online: Haben Sie je überlegt, mal zusammen zu singen?
Liefers: Ich war mal in den Charts. Mein Song „Jack’s Baby“ war ein paar Monate unter den ersten 20. Damals sagten wir, wenn mal einer von uns unter den ersten 10 ist, dann machen wir ein Duett. Das steht bis heute noch so im Raum. Kann aber sein, dass wir irgendwann zu alt sind für solche Späße und es doch schon vorher tun.
Morgenpost Online: Sie haben Anna Loos auch bei Dreharbeiten kennengelernt. Zumindest Beziehungen scheinen also trotz des Berufs zu funktionieren?
Liefers: Wir lernten uns bei „Halt mich fest“ kennen, wo wir auch so eine abgetakelte Band gespielt haben. Der Regisseur wollte damals Schauspieler, die auch Musik machen. Da hatten wir gleich alles in einem Programm.
Morgenpost Online: Es gilt nicht als beziehungsfördernd, wenn man sich auch noch im Beruf ständig begegnet. Ist das bei zwei gleichen Berufen noch schwieriger?
Liefers: Uns verbinden unsere Interessenskreise. Filme drehen, sich mit Drehbüchern beschäftigen, Songs schreiben, auf Tournee gehen. Wenn man das alles nicht teilen würde, hätte man 80 Prozent seiner Lebenszeit nichts miteinander zu tun.
Morgenpost Online: Beraten sie sich auch gegenseitig?
Liefers: Ja, Anna sucht meinen Rat und ich den ihren. Ich war neulich bei einem Drehbuch völlig ratlos und gab es ihr zu lesen. Man muss ja nicht auf den anderen hören, aber dieser Austausch, das ist schon schön, wenn man das teilen kann. Auch all die Helden meiner Jugend kenne ich jetzt durch Anna.
Morgenpost Online: Und was sagen die, wenn Sie sie interpretieren?
Liefers: Die meisten finden es gut. (lange Pause) Sagen sie zumindest.




