TV-Kommissare

Hatte Derrick ein eigenes Bett?

In früheren Zeiten waren deutsche Fernsehkommissare geschichtslose Funktionsfiguren. Dann strickten die Drehbuchautoren stark an der Persönlichkeit der Protagonisten. Das ZDF kehrt mit "Stolberg" und "Der Kriminalist" zurück zur neuen, alten Sachlichkeit, zurück in die Krimi-Zukunft.

Derrick hatte keine Hobbys. Der kannte auch keine Verwandten. Geschweige denn Frauen. Derrick gab es nur als Oberinspektor. Selbst nach 281 Folgen war noch unklar, ob der Mann überhaupt ein eigenes Bett besaß oder sein Haupt abends einfach auf die Tränensäcke sacken ließ.

Es gab eine Zeit, da waren deutsche Fernsehkommissare geschichtslose Funktionsfiguren. Sie waren einfach da und immer wie neu. Sie verfügten nur deshalb über Assistenten, damit jemand ans Telefon ging, und nicht, um mit ihnen Beziehungskisten durchzuhecheln.

Das ist vorbei. Mit der steigenden Zahl der Serienkrimis wurde begonnen, deren Protagonisten zu profilieren, zu stilisieren und ihnen Umfelder zu stricken, der Unterscheidbarkeit wegen. Inzwischen gibt es Ermittler mit Beziehungsproblemen, mit Erziehungsproblemen, mit Spleens und Depressionen. Privat geht regelmäßig vor Katastrophe. Insbesondere bei einigen ARD-Sonntagskrimis tragen die Kommissars-Gespanne derart an ihrer Persönlichkeitsperipherie, dass der Kriminalfall im Kriminalfilm schon mal als hinderlich empfunden wird.

Da das ZDF seinen traditionellen Sendeplatz am Freitagabend gerade neu besetzt, nutzt es die Gelegenheit zur einer neuen, alten Sachlichkeit. Bereits vor einigen Wochen startete Rudolf Kowalski als sperrig-wortkarger Düsseldorfer Ermittler „Stolberg“. Der Sender sprach davon, dem geneigten Zuschauer mal wieder einen „Kommissar seines Vertrauens“ vorzusetzen; also einen, der sich nicht um Firlefanz kümmert, der nicht albern herumwitzelt und um dessen Privatleben man sich keine Sorgen zu machen braucht. Er hat nämlich so gut wie keines, fast wie Derrick.

Heute beginnt mit der Reihe „Der Kriminalist“ ein weiteres Kapitel dieser kleinen Initiative „Zurück in die Krimi-Zukunft“. Christian Berkel spielt den Berliner Hauptkommissar Bruno Schumann. Auch der kennt keinen Feierabend und konzentriert sich aufs Wesentliche: ein Delikt, ein Kriminaler, ein Krimineller. Es bleibt ihm allerdings auch nicht so sehr viel anderes übrig. Bei einem Ein-Stunden-Format fehlt für Arabesken schlichtweg die Zeit. Mit Anna Schudt und Frank Giering sind übrigens auch die Rol-len von Schumanns engsten Mitarbeitern erstklassig besetzt.

Um ihren neuen Helden etwas aufzupeppen, haben Redakteure und Autoren ihm eine eigentümlich wirkende Ermittlungstechnik angedichtet. Im Lexikon gibt es dafür den Begriff „Viktimologie“. Diese kriminologische Disziplin untersucht, unter welchen Bedingungen Menschen Straftaten zum Opfer fallen und wie man solche Situationen vermeiden kann. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen vor allem bei der Verbrechensvorbeugung helfen.

Der sensible Hauptkommissar versucht also immer wieder, sich in das soeben beendete Leben von Mordopfern einzufühlen. Das klingt sensationeller als es wahrscheinlich ist: In den meisten klassischen Whodunnit-Krimis gibt es anfangs viele Unbekannte und nur eine zuverlässige Größe, mit der sich ermittlungstechnisch etwas anfangen lässt: das Opfer eben.

Doch egal wie sein Verfahren nun heißt: Mit „Am Abgrund“ hat Bruno Schumann ein spannendes, von Autor Clemens Murath intelligent konstruiertes Debüt. Dabei bekommt der Psycho-Kommissar es mit einer Leiche am Fuße eines Hochhauses zu tun. Die Frau wurde vergewaltigt und an ihrem Hals finden sich Würgemale. Offenbar wurde sie hinunter gestoßen. Es handelt sich um eine promovierte Physikerin, die bis einige Monate vor ihrem Tod in geordneten Verhältnissen lebte, dann aber plötzlich seelische Probleme bekam und anfing, sich zu prostituieren. Bald stellt sich heraus, dass damals ihr Vater verunglückte und ihr seitdem von einem Stalker nachgestellt wurde.

Der Film von Sherry Hormann atmet einen Stilwillen, wie er auf diesem Sendeplatz selten zu finden ist. Die Großstadt erscheint als kaltes, bedrohliches Monster, doch über ihre Dächer schreitet jemand, der die Dinge garantiert in Ordnung bringen wird. Nein, nicht Batman, aber auch Christian Berkel verkörpert eine interessante Mischung aus Gefühl und selbstverständlicher Autorität. Für die Damen: ein Mann zum Anlehnen, aber kein Kuschelbär.

Zuletzt arbeiteten der Schauspieler und die Regisseurin Sherry Hormann bei „Helen, Fred und Ted“ zusammen, einer als Testballon gedachten Tragikomödie über den Alltag dreier Seelenklempner. Der zweiteilige Pilotfilm wurde von der Kritik in seltener Einhelligkeit gelobt. Doch weil die Quote nicht auf Anhieb stimmte, verzichtete die ARD auf eine Fortsetzung. Wenn Qualitätsfernsehen scheitert, liegt das allerdings nicht nur an kleinmütigen Sendern, sondern mitunter auch an in vielen Jahren erfolgreich niveauentwöhnten Zuschauern.

Eine Art Ersatz liefert nun das ZDF und hoffentlich für länger als nur sechs Folgen. Auch in „Der Kriminalist“ geht es um Psychologie und schwierige Fälle, jetzt freilich mit Leichen garniert. Auf Mord und Totschlag können Fernsehen und Publikum möglicherweise nicht mehr verzichten.

Der Kriminalist, freitags, 20.15 Uhr, ZDF.