Ludivine Sagnier trägt die "Waffen eines Mädchens" - eine Kette mit Pistole, High Heels und Geldbörse im Miniaturformat. Doch die 27-Jährige, die sich vor vier Jahren mit "Swimming Pool" als neues französisches Sexsymbol einprägte, braucht solche Hilfsmittel gar nicht. Pointiert lässt sie sich auf alle Fragen ein, die "Eine zweigeteilte Frau" aufwirft, ihr neuer Film über die Obsession einer jungen Frau für einen älteren Misanthropen.
Morgenpost Online: Nach "Eine zweigeteilte Frau" zu schließen ist Frankreich das Land, wo ältere Männer von jungen Frauen angehimmelt werden.
Ludivine Sagnier: Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, Szenarien wie diese entspringen eher der Fantasie älterer Regisseure.
Morgenpost Online: Wie attraktiv fanden Sie Ihren 77-jährigen Regisseur Claude Chabrol?
Sagnier: Ich bitte Sie. Das ist ein Mann, vor dem ich eher Ehrfurcht habe. Bei unserem ersten Treffen schüttelte es mich vor Nervosität. Und als wir uns verabschiedeten, war ich so durcheinander, dass ich "Küss dich" zu ihm sagte. Das war mir total peinlich. Denn so etwas ist bei einem älteren Herrn völlig deplaziert. Bei den Dreharbeiten nannten wir ihn und seine Frau, die das Skriptgirl war, hinter ihrem Rücken immer "Opa und Oma'. Aber als er dieses Zitat in einem Interview von mir las, rief er mich ganz entrüstet an: "Was hast du denn da erzählt? Ich könnte dein Onkel sein! Dein Liebhaber!"
Morgenpost Online: Fühlen Sie sich denn nicht zu älteren Herren hingezogen?
Sagnier: Grundsätzlich schon. Ich kann es verstehen, wenn Frauen von jüngeren Männern desillusioniert sind. Und aus Sicht der Frauen ist besonders ein hoher Intellekt attraktiv - ebenso wie Reichtum und Macht. Schauen Sie sich doch Politiker an, die haben meistens jüngere Frauen. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland auch so ist, aber unsere Politiker haben den Ruf, sexsüchtig zu sein.
Morgenpost Online: Wäre ein Sarkozy für Sie interessant?
Sagnier: Ich finde Macht faszinierend. Aber nicht politische Macht. Davor hat mich Gott zum Glück bewahrt.
Morgenpost Online: Welche Macht ist es dann?
Sagnier: Die Macht der Musik etwa. Ich spiele selbst ein paar Instrumente, zum Beispiel Saxophon, auch wenn ich das aufgeben musste, weil meine Nachbarn protestierten. Und ich gebe Unsummen bei iTunes aus. Mein erstes großes Idol war Bob Marley. Aber ich bete jetzt keine Stars mehr an. Aus dem Alter bin ich raus.
Morgenpost Online: Da spricht die gereifte 27-Jährige.
Sagnier: Ich habe immerhin mit 16 Jahren zu arbeiten angefangen. Und mit 25 wurde ich Mutter. Ich habe also ganz schön was erlebt und mich weiterentwickelt.
Morgenpost Online: In Deutschland verbindet man Sie dagegen immer noch mit dem Bild der jungen Nymphe aus "Swimming Pool".
Sagnier: Das ist vier Jahre her! Seither habe ich sieben oder acht Filme gedreht. Und so junge Dinger interessieren mich garantiert nicht mehr. Ich könnte zwar von meinem Aussehen her immer noch Mädchen spielen, aber diese Rollen sind mir zu langweilig. Ich suche im Kino Charaktere, die mich helfen, noch reifer zu werden und zu verstehen, wer ich bin.
Morgenpost Online: Ist die Schauspielerei also Therapie für Sie?
Sagnier: Bis zu einem gewissen Grad. Du musst eben die Aktionen und Reaktionen einer Figur analysieren, und dabei reflektierst du gleichzeitig, wie du selbst im Vergleich dazu tickst. Regisseur François Ozon, mit dem ich unter anderem "Swimming Pool" drehte, hat mir entscheidend geholfen, das zu begreifen.
Morgenpost Online: Damals sprangen Sie bei Ihrer Selbstsuche splitternackt vor der Kamera herum. Würden Sie das heute auch noch tun?
Sagnier: Es fällt mir jetzt viel schwerer als damals. Inzwischen bin ich meiner selbst viel stärker bewusst. Damals hatte ich keine Ahnung, wie es beim Dreh abläuft und zog mich einfach aus. Ich glaube, ich habe jetzt genügend Nacktszenen gedreht. Gerade habe ich's noch mal für einen französischen Film getan. Aber das war der Schlussstrich. Ich hoffe es zumindest.
Morgenpost Online: Sie waren aber auch schon auf dem Weg nach Hollywood. Warum haben Sie Amerika nach "Peter Pan" den Rücken gekehrt?
Sagnier: Habe ich nicht. Ich bin grundsätzlich immer noch interessiert. Aber ich bekam einfach nicht die richtigen Angebote. Nach "Swimming Pool" wurde ich mit allen Drehbüchern überschüttet, wo ein nacktes blondes Dummchen auftauchte. Und da sagte ich: "Wenn ihr nicht mehr zu bieten habt, dann war's das.' In Frankreich kann ich tolle Rollen für großartige Regisseure spielen. Warum sollte ich da in den USA als Unbekannte irgendwelche miesen Parts übernehmen? Es gibt da so viele gute Kolleginnen in meinem Alter, da muss ich nicht auch noch anklopfen. Und mein französischer Akzent macht das Ganze nicht einfacher.
Morgenpost Online: Mögen Sie als Zuschauer französische Filme lieber als amerikanische?
Sagnier: So unterscheide ich nicht. Ich mag nur keine übermäßig kommerziellen Filme. Leider versucht das französische Kino momentan, Hollywood nachzuahmen. Der letzte Film, der mich wirklich bewegt hat, war "Lilja 4-ever" von Lukas Moodysson. Der handelte von einer jungen Prostituierten aus Estland, die nach Schweden auswandert, um dort ihr Glück zu versuchen und dort ein tragisches Ende findet. Da habe ich wirklich geweint. Es dauerte eine Woche, bis ich mich davon erholt hatte.
Morgenpost Online: Sind Sie ein so emotionaler Mensch?
Sagnier: Das war ein emotionaler Film. Aber ich glaube an große Gefühle. Ich finde es zum Beispiel richtig, wenn sich jemand total seiner Liebe überlässt und sich dem anderen mit Haut und Haaren hingibt. Wer so großzügig mit seinen Gefühlen umgeht, zeigt nicht Schwäche, sondern Stärke.
Morgenpost Online: Gehört zur Liebe auch die Ehe?
Sagnier: Ich glaube eher ans Kindermachen denn ans Heiraten. Ein Kind schafft eine viel stärkere Bindung. Ich habe zu viele Paare gesehen, die sich nach zwei Jahren wieder scheiden ließen.
Morgenpost Online: Sie sind ja nie um eine Antwort verlegen.
Sagnier: Weil ich eine Antwort-Maschine bin. Was immer Sie für Fragen stellen, ich werde sie beantworten.
Morgenpost Online: Dann noch eine zum Abschluss: Was ist der Sinn des Lebens?
Sagnier: Das sollten Sie mich vielleicht doch nicht fragen. Aber versuchen Sie's bei Monty Python. Die können ihnen sicher weiterhelfen.
Das Gespräch führte Rüdiger Sturm


