Film "Destino"

Als Salvador Dalí für Walt Disney arbeitete

Mit Salvador Dalís "Destino" kommt Surrealismus in Walt Disneys Mäusereich: Erstmals erscheint der experimentelle Kurzfilm "Destino" auf DVD.

Die Marx Brothers, Cecil B. DeMille und Walt Disney: Da zeigte sich einer geschmackssicher. Diese drei nämlich ließ der filmaffine Salvador Dalí aus der Hollywoodgemeinde neben sich als Surrealisten gelten, als er in den Vierzigern aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Spanien nach Amerika emigrierte.

Mit der wüsten Komikertruppe kam es immerhin zu einem Drehbuchversuch. Vor dem eigentlich schon unmodernen Monumentalfilmer aber hatte der Maler und Universalkünstler zuviel Respekt; stattdessen porträtierte er für gute Dollars das Ehepaar Jack Warner larger than life in bekannt kahler Fotorealismus-Kulissenlandschaft.

Dalís Disziplin für Micky Maus

Für Alfred Hitchcock und Vincente Minnelli entwickelte er mal kriminalistisch freudianische, mal familienkomödientaugliche Traumsequenzen für "Ich kämpfe um dich" (1945) und "Vater der Braut" (1950). Und für das Mausimperium saß er 1945 wirklich acht Monate lang im Zeichentrickstudio, diszipliniert von neun bis fünf.

So unglaublich es klingt: die Ehepaare Dalí und Disney hatten sich wirklich angefreundet. Und das nicht nur, weil beide Herren einen ausgeprägten Spieltrieb hatten und Salvador besonders auf Walts Modelleisenbahn neidisch war. Und so wollte der damals ungewöhnlich experimentierfreudige Disney also einen Kurzfilm von Dalí.

Das Ergebnis sollte "Destino" heißen und etwa acht Minuten dauern. Im Krieg nämlich hatte Disney nach seinem vierten Langfilm "Bambi" (1942) nur noch Wehrertüchtigungs-Cartoons und Propaganda-Shorts wie den 1943 mit einem Oscar ausgezeichneten "Der Fuehrer's Face" mit einem Nazi-Donald Duck produziert. Dazu kamen nur noch Kurzfilme für sogenannte "Filmpakete" wie auch schon der visionär klassische Musik visualisierende "Fantasia" (1940) einer geworden war.


Angefangen mit "Saludos Amigos" von 1943, hatten die Kurzfilmpakete oft südamerikanische Themen, zeigten etwa einen Samba tanzenden Donald, und den eigens für die Brasilianer kreierten schirmtragenden Papagei José Carioca.

Denn nach dem Wegfallen der europäischen Märkte warb die amerikanische Filmindustrie mit ihrer "Good Neighbor Policy" verstärkt um die Anrainer im Süden. So tritt die Ente in "Drei Caballeros" (1944) mit Carmen Mirandas Schwester auf und lässt sich - in psychedelischen Farbkreisel getaucht - von frei schwebenden Frauenlippen küssen.

Spätestens seit "Fantasia" hatten die Disney-Zeichner bisweilen ein wenig aus der Reihe tanzen dürfen. Die surreale Traumparade rosa Dickhäuter in "Dumbo" und andere Sequenzen zeigen durchaus Verwandtschaft zu Dalís Fantasiewelt. Das manifestierte sich vor einiger Zeit besonders in der weltweit, auch in München gezeigten Ausstellung über Disney und die kunstgeschichtlich europäischen Einflüsse in seinen Filmen.

Damals wurde am Ende der Schau auch "Destino" gezeigt. Denn obwohl der Film nie zustande kam, da nach Pearl Harbor das Geld ausging und man wohl auch Angst hatte, hier könnte erstmals mehr Dalí statt Disney drin sein, hatte Disneys Enkel Roy das nie über 18 Sekunden Bildsequenzen hinaus gediehene Werk schließlich rekonstruieren und vollenden lassen.

"Destino" schließlich für Oscar nominiert

2004 wurde es sogar für den Oscar nominiert - und jetzt erscheint es passenderweise erstmals öffentlich: in angemessenem Kunstwillen-Umfeld auf der BluRay-Edition von "Fantasia 2000", die zeitgleich mit "Fantasia" herauskommt und zudem umfangreiches Bonusmaterial zur "Destino"-Entstehung enthält.

In "Fantasia 2000" wurden nämlich erstmals, von Bette Midler moderiert, im Rahmenprogramm die "Destino"-Überbleibsel erwähnt. Inzwischen haben sich einige weitere, eher mit Kunst- als Unterhaltungsanspruch gemalte Shorts angesammelt, die vielleicht mit "Destino" zu einem neuen "Package Movie" gebündelt werden sollen, so die Firmenüberlegungen.

Nie wieder nämlich haben die Disney-Studios unbegreiflicherweise mit einem Weltstar der bildenden Kunst zusammengearbeitet; nur umgekehrt machten sich einige Zeichner als Maler selbstständig. Und selbst die Dalís im Archiv wurden über fünf Jahrzehnte lang nicht weiter beachtet.

Dabei existierten Hunderte von Storyboard-Zeichnungen, fünf Hintergründe und der Soundtrack. Disney mochte nämlich den melancholieumdüsterten südamerikanischen Schlager "Destino", gesungen von Dora Luz, die schon in "Drei Caballeros" Donald angeschmachtet hatte. Es gab von "Destino" zudem eine Sequenz zerlaufender Uhren und die Annäherung zweier Gesichter (Dalí und Disney?), in deren gemeinsamem Profilschattenriss eine Ballerina erscheint.

Diese Ballerina, die graziös durch eine Dalí-Wüste trippelt, wird erst einmal erschaffen, so wie es hier, wie meist bei Dalí, um Wandlung durch Ver-Wandlung geht. Der Maler möchte wie im Traum hinter das Gesicht der Dinge schauen. Alles ist im Fluss. Die Tänzerin hat plötzlich einen Pusteblumenkopf, später einen Basketball, denn ihr Geliebter, der zunächst aus einer Kronos-Brunnenstatue erwächst (auch das Gesicht Jupiters spielt eine Rolle) verwandelt sich am Ende in einen All-American-Sportsboy.

Dalís und Disneys Welt mischen sich

So mischen sich alte und neue Welt, Mythos und Moderne. Augäpfel tragen Smoking, Ameisen gerinnen zu Radfahrern, Figuren gehen an Krücken und werden in Einzelteile zerstäubt. Das ganze Dalí-Arsenal aus seiner klassischen Periode ist hier präsent, durchaus verstörend düster in seinem Schicksal und Zeit verzwirbelnden Pessimismus: Viel Disney wäre da wohl nicht übrig geblieben.

Das hat die späte Rekonstruktion womöglich geändert. Der Franzose Dominique Montféry und das inzwischen weggesparte Disney Studio Paris haben besonders die Ballerina verniedlicht, sie mit ihrem schwebenden Schritt und ihren fließenden Haaren zu einer weiteren Prinzessin in Disneys universalem Trickkönigreich mutieren lassen.

Wer genau hinsieht, wird diverse Tricktechniken sehen, die kreativ in Wettstreit stehen. Da wurde das dreidimensionale Modell eines an Breughel gemahnenden, Dalíesk veränderten Turms von Babel ebenso verwendet wie digitale Figuren vor von Dalí gemalten Panoramen. Die alte Mini-Trick-Sequenz aus dem Archiv wurde einmontiert und auch der aufgepeppte Soundtrack verrät leicht knisternd durchaus sein wahres Alter.

Dem Disney-Studio war diese erstmalige kommerzielle "Destino"-Veröffentlichung soviel wert, dass sie sie direkt über Dalís Grab, im katalanischen Figueres in dessen selbst eingerichtetem Theatermuseum präsentierte. Zwischen den Mauern des einst im Bürgerkrieg ausgebrannten Stadttheaters seiner Geburtsstadt, wo auch die erste Ausstellung des 13-Jährigen stattgefunden hatte, fügen sich Dalís Ausstattungselemente für "Destino" wie ein gigantisches Setzkasten-Arsenal auch in andere hier gezeigte Kunstwerke.

Und vor seinem stimmungsvollen Wohnhaus am nahen Cap de Creus begegnet man nicht nur erneut der von Wind und Wellen zerfressenen Dalífelslandschaft wieder. Im Haus stehen die Schnecken aus "Destino" als Tiffany-Lampe auf dem Schlafzimmertisch.

Und über der so intimen wie irren Künstlerresidenz mit ihrem phallusförmigen Pool und dem Pirellischilder-Altar hängt im Turm einer kleinen Kirche genau jene von ihm selbst gestiftete frauenförmige Glocke, die in "Destino" zu einer der vielen Metamorphosen der Tänzerin wird.

Ehepaare Dalí und Disney hielten Kontakt

Walt Disney aber begab sich nach dem fehlgeschlagenen Dalí-Experiment wieder auf die sicherere Zeichentrickfilm-Seite. "Cinderella" (1950) und "Alice im Wunderland" atmen in den flirrenden Verwandlungen der Kürbiskutsche und der Kartenarmee noch ein wenig den Geist des subversiv Surrealen, der schwächt sich dann weiter ab, um in "Dornröschen" (1959) in einem domestiziert europäischen Klassizismus zu münden, der von Tschaikowsky wie von mittelalterlichen Stundenbildern inspiriert ist.

Für den Vater der Mickey Mouse wurden zunehmend die Dokumentar- und Realfilme, der Fernsehkanal und die Vergnügungsparks wichtig. Da war für den spinösen Dalí kein Platz mehr. Beide haben so in ihrer Spätzeit den Kommerz über die Kunst gestellt, von Ausbrüchen wie dem "Dschungelbuch" abgesehen.

Die Ehepaare Dalí und Disney hielten freilich auch nach dem Scheitern des "Destino"-Projektes noch freundschaftlichen Kontakt. 1957 waren die Amerikaner sogar in der schräg-schrillen Künstlerheimstatt in Portlligat eingeladen. Man diskutierte dort dem Vernehmen nach ein Don-Quichotte-Projekt. Doch über schöne Reden ist das leider nie hinausgediehen.

Fantasia 2000 - Special Edition, Walt Disney Studios, 74 min.