Film

Rocky und der Aufstand des Alten

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Holger Kreitling

Foto: RH **FK** / AP

Sylvester Stallone dreht seit 30 Jahren Boxer-Filme. Sie sind bizarr und meist peinlich. Aber sie erzählen eine Menge faszinierender Dinge. Morgenpost Online unternimmt zum Start von "Rocky Balboa" einen Streifzug durch die "Rocky"-Saga.

Kühlschrank auf, Glas obendrauf stellen, und dann einen Energydrink zubereiten. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs rohe Eier schlägt Rocky Balboa in das hohe Glas. Die Eigelbe schwimmen im Eiweißglibber, aber Rocky kennt kein Pardon. Er setzt an. Trinkt. Schluckt. Ein bisschen was läuft ihm über den Hals, ansonsten bleibt alles schön drin.

Dann kann das Training beginnen.

Rocky Balboa, mittlerweile Mitte 50, vertraut auf die alten Rezepte. Schicke Eiweißprodukte in Pulverform kommen ihm nicht ins Haus. Der Fortschritt ist eine konservativ kriechende Schnecke. Doch es gibt ihn: Als Rocky 1976 für seinen ersten großen Kampf trainierte und der Wecker morgens um vier Uhr klingelte, da schlug er nur fünf rohe Eier auf. Das Körperbewusstsein von 2006 ist also größer als das von 1976. Und der amerikanische Aufbruchsgeist hängt stark von natürlichen Produkten ehrlicher Ostküsten-Hennen ab.

30 Jahre Karriere als Boxer

Rocky Balboa, der italienische Hengst, hat im Laufe seiner 30 Jahre langen Karriere den Weltmeistertitel gewonnen und zwei mal zurück erobert, trotzdem ist der Boxer seinem italienischen Viertel in Philadelphia treu geblieben. Sylvester Stallone kehrt, 16 Jahre nach „Rocky V“, zu seiner Figur zurück.

In „Rocky Balboa“ schlurft der Ex-Weltmeister jeden Abend in sein Restaurant, zieht ein weinrotes Jackett über, lässt sich mit Gästen fotografieren. Dann erzählt er die Schnurren von damals. Wie Kriegsanekdoten. Rocky hat stets die Schlachten seiner Generation geschlagen, jetzt mault der schwarze Weltmeister Mason „The Line“ Dixon herum, bis Rocky das Knautschhütchen absetzt und in den grauen Jogginganzug schlüpft. Und tatsächlich in den Ring steigt. Stallone, 60, zeigt seinen Bauch ziemlich stolz her.

Der Film, der kommenden Donnerstag ins Kino kommt, ist ziemlich bizarr. Ein Pensionär trotzt der Jugend. Der alte Mann und sein Flair. Stallone erzählt damit eine Saga konsequent fort, die kaum filmische Heldentaten vollbringt, dabei immer auf der Höhe der gesellschaftlichen Selbstwahrnehmung steht. Stallone gründelte tief im Bodensatz des einst stolzen, dann mehr und mehr verunsicherten, politisch stets selbstbewussten Amerikas.

Mythen und Utopien

Man kann das ästhetisch nicht mit John Ford und Clint Eastwood vergleichen, muss aber anerkennen, dass Sylvester Stallone wie die beiden Titanen des Genrekinos ein lupenreiner Autorenfilmer ist, der seine Ideen und Mythen zu einem Werk organisiert. Voller Klischees. Fragwürdiger Ideologie. Und reaktionärem Pathos. Aber ein Werk.

Die „Rocky“-Filme entwerfen eine konservative Utopie und eine eigene Moral, die mit linken wie mit rechten Schemata nicht ganz zu fassen ist. Rocky träumt sich seine heile Welt inmitten einer kaputten, und er beweist in Höhenflügen und Brüchen eine seltsam verführerische Bodenhaftung. Der amerikanische Traum des Aufstiegs geschieht ihm, doch immer steht Rocky zweifelnd daneben: als sei das nicht er, der berühmt wird, sondern ein anderer, ein Fremder. Sein Wille trägt nur von der Faust zum Kinn. Mit bemerkenswerter Lust am Schmerz wird der gutmütige Boxer als Leidender präsentiert. Die Filme enden alle mit Bildern eines zerschlagenen Gesichts.

„Rocky“ entstand 1976 und war ein hintergründig optimistischer Film; die 200-Jahr-Feiern hatten Altmans bittere Country-Farce „Nashville“ als cineastischen Gegenentwurf erbracht. Die Geschichte von Stallones Films ist bekannt: Der unbekannte Schauspieler hatte das Drehbuch geschrieben, nachdem der unbekannte Boxer Chuck Wepner gegen Muhammad Ali im März 1975 15 Runden lang durchgestanden hatte. Mehrere Stars sollten Rocky spielen – Ryan O’Neil, James Caan, Burt Reynolds –, doch Stallone gab das Buch erst frei, nachdem er selbst die Hauptrolle spielen durfte. Der Film kostete zwei Millionen Dollar, spielte 120 Millionen Dollar ein, erhielt neun Oscar-Nominierungen und drei Oscars, darunter den als Bester Film.

Danach war Stallone ein Star, der „Rambo“ und „Rocky“-Fortsetzungen drehte, ein Rollenvorbild für das in den folgenden Jahren schier explodierende Körperbewusstsein, übertroffen nur von Arnold Schwarzenegger. 1977 in „Saturday Night Fever“ hat der Discotänzer John Travolta natürlich ein „Rocky“-Poster in seinem Zimmer hängen.

Was die Masse über die Gesellschaft dachte

„Rocky“ war ein Bastardkind des New Hollywood, der Film erzählt sozialrealistisch von gebrochenen Figuren. Der Film beobachtet das Milieu und den Helden sehr genau, ohne das Tremolo der Fortsetzungen. Und er verwirbelt auf interessante Art die Ansichten des amerikanischen Mainstreams zu seiner eigenen Geschichte. Jan-Philipp Reemtsma hat 1995 in seinem großartigen Buch über Muhammad Ali beschrieben, welchen allegorischen Wandel die Figur des Rocky in den Filmen vornimmt.

Zunächst ist sein Gegner, der schwarze Weltmeister Apollo Creed, auf der Grundlage von Ali modelliert. Ali, Kriegsdienstverweigerer und Teil der Black-Muslim-Gemeinde, wurde damals immer noch als Großmaul verspottet und als Anti-Establishment-Kämpfer verachtet. Rocky ist die weiße Hoffnung, die gegen das aufstrebende schwarze Amerika antritt. Er knüpft mythischer Bande mit Rocky Marciano, ein harter Puncher und der letzte weißer Schwergewichtsweltmeister aus den fünfziger Jahren. Es gab damals schon Computerfreaks, die ihre Rechner mit Daten fütterten und ein Fernduell Ali/Marciano arrangierten. Der Computer errechnete einen Sieg Marcianos – diese Geschichte wird nun auf Balboa gemünzt im sechsten „Rocky“-Film wiederkehren.

Indem Rocky den Kampf mit Apollo Creed über 15 Runden durchsteht, erobert Stallone das „wahre“ Amerika zurück. Die Moral ist auf seiner Seite: die weiße Gesellschaft aus Einwanderern triumphiert und übt sich zugleich in Bescheidenheit. In „Rocky II“ (1979)und „III“ (1982) entsteht eine neue Leinwand-Persona. Rocky wird Weltmeister und nimmt mehr und mehr Attribute von Muhammad Ali an. Apollo Creed wechselt auf seine Seite, beide tauschen Insignien aus – die Boxershorts etwa –, Rocky wechselt den Boxstil, er verwandelt sich in eine würdevolle Muhammad-Ali-Figur, nur ohne Islam. Das wahre Amerika hat seinen Frieden mit dem schwarzen Weltmeister gemacht. In „Rocky III“ ist der Schurke ein schwarzer Vertreter des „falschen“ Amerika. Rocky siegt am Ende, weil er sich wie Ali gegen George Forman in Zaire verprügeln lässt, um den Gegner müde zu machen.

Gleichzeitig künden diese Filme von Sylvester Stallones eigener Hybris. Sein Ruf als miserabler Schauspieler und unbeholfener Regisseur rühren aus dieser Zeit. Der Ruf ist völlig berechtigt.

Am Ende Muhammad Ali ähnelnd

Im fünften Teil zittern Rockys Hände wie bei Ali, es wird adäquat mit zu viel Schlägen an den Kopf erklärt, und er steigt wie der alternde Ali gegen alle Proteste in den Ring. Die Verwandlung des weißen Underdog-Boxers zum charismatischen Idol führt über den schwarzen Superstar, der in seiner Karriere selbst zum allseits, weltweit verehrten Sportler wird. Dabei bleibt Rocky immer der stille, linkische, tumbe Mann, dem Familienwerte heilig sind – Tugenden, für die der späte Ali steht, der mit dem maskenhaften Gesicht die Aura von Krankheit und Weisheit zugleich repräsentiert.

Dazwischen steht, gleichsam als Groteske und Ausweis des Größenwahns, der Film „Rocky IV“ (1985), die außenpolitische Variante des amerikanischen Missionarsstrebens und sicher das verrückteste Stück Antikommunismus der letzten 40 Jahre. Rocky gegen den blonden Musterrussen Ivan Drago (Dolph Lundgren), das hat heute hohen Komikwert.

Wenn Rocky in Sibirien mit Holzscheiten trainiert, wenn er „Keine Schmerzen, keine Schmerzen“ brüllt und Gorbatschow am Ende mit dem versammelten KGB-Publikum dem Italienischen Hengst applaudiert, ist der ganze absurde Irrsinn der Reagan-Jahre sichtbar. Stallone verschmilzt Rocky mit Rambo, dem Heiligen Krieger verlorener Schlachten. Seine private Legitimation ist Teil der Show, der Kalte Krieg ist Teil der Show, die Klischees tanzen einen Veitstanz im Namen des Guten. So entsteht Polit-Trash.

Und jetzt also „Rocky Balboa“. Im Prinzip waren die „Rocky“-Filme Befindlichkeitsbulletins. Nun kündet Stallone von der Last des Alterns. Man weiß nicht genau, ob es die Wahrnehmung der Figur oder der beschränkte Blick des Regisseurs ist: Der Film bastelt sich eine irreale Welt, in der die Grenzen des Körpers aufgehoben sind. Zuerst tritt Rocky als Computerfigur gegen einen virtuellen Gegner an. Dann leibhaftig.

Noch einmal tiefgefrorene Rinderhälften schlagen

Rocky trainiert, er läuft wieder die Treppen zum Kunstmuseum in Philadelphia hoch und reckt triumphierend die Fäuste. Er bearbeitet immer noch tiefgefrorene Rinderhälften. Er schlägt und trifft. Und zwar gegen einen Boxer, der deutlich an Mike Tyson erinnert und deshalb selbstverständlich das falsche Amerika repräsentiert. Die Dinge sind in diesem Film aus dem Gleichgewicht geraten und die Perspektiven so düster wie 1976. Den Figuren in den schäbigen Straßen fehlen Orientierung und Hoffnung, die alten Rezepte taugen nicht. Rocky wirkt dümmer denn je.

Es ist ein leerer Film: nirgendwo Menschenansammlungen, nur Dunkelheit und Alter und Friedhofs-Szenen. Rockys Frau Adrian, immer großartig von Talia Shire verkörpert, ist tot. Stallone misst sich tatsächlich an John Ford: Er lässt den Helden mit seiner Frau an ihrem Grab sprechen, sucht um Rat nach. Das durfte nur Ford, und nur er und John Wayne kamen damit durch.

Rocky und der Film verstehen die HipHop-Kultur nicht, für die Mason Dixon steht. Er versteht die Ökonomie nicht, in der sein Sohn sich durchschlägt. Rocky will heilen, Herz zeigen. Er nimmt sogar Hunde aus dem Tierheim auf. Dem Land geht es schlecht, die Alten negieren die Gesellschaft, sie fordern ihr Recht und träumen von früher. Der Mittfünfziger Rocky schlägt für sie als Stellvertreter-Schläger den jungen Hünen mehr oder weniger kaputt, als gäbe es keine Generationenfolge, keine gesellschaftliche Veränderung und kein Boxwissen mehr. „Rocky Balboa“, das ist der Aufstand des Alten. Keine Gesundbeterei. Eine Gesundschlägerei.

Mag sein, der Pioniergeist ist jetzt bittere Altersideologie. Vielleicht sind auch die sechs Eier im Glas schuld. Es ist nie zu spät für eine Fortsetzung. Als nächstes will Sylvester Stallone Rambo als verbitterten, atheistischen Amerikahasser spielen.