Deutscher Moment

So fanden Walser und Karasek wieder zueinander

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Thomas Schmid

Noch vor ein paar Monaten wollten sie sich partout nicht an einem Tisch setzen: Doch zur Vorstellung der WELT-EDITION sprachen Schriftsteller Martin Walser und Literaturkritiker Hellmuth Karasek nun doch wieder miteinander. Karaseks "Hallo, Martin" erwiderte Walser mit "Duzen wir uns?"

Es war der bisher heißeste Tag des Jahres in München, noch abends deutlich über 30 Grad, Biergartenwetter. Doch sollte man die geradezu preußisch-konsequente Liebe der Münchner für Kultur nicht unterschätzen: Der Saal des Literaturhauses füllte sich, und die Leute blieben tatsächlich bis zum Ende. Vorgestellt wurde die neue WELT-EDITION, deren erste fünf Bände soeben erschienen sind und die insgesamt 25 Bände umfassen wird: ein Panorama deutscher Nachkriegsliteratur.

Eines der Bücher ist Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd", 1978 erschienen. Der Autor war gekommen, um daraus zu lesen, und er tat das mit jenem rhetorischen, fast schaustellerischen Talent, das ihm sicher geholfen hat, so etwas wie ein Volksschriftsteller zu werden. Und was er da las - den Anfang der Novelle - passte bestens zur immer noch brütenden Hitze, die im Saal stand, den geöffneten Fenstern zum Trotz.

Ein Ehepaar in den besten Jahren, wie man früher sagte, ist im Urlaub am Bodensee; man nimmt bei brütender Hitze an der Uferpromenade Platz. Sie genießt den Blick auf die vorbei Flanierenden, ihm wird das Anschauen der vielen hell- und leichtbekleideten Braungebrannten - alle jünger, schöner und straffer als er - "zu einem rasch anwachsenden Unglück". Eine abschüssige Geschichte nimmt ihren Lauf. Noch 30 Jahre nach dem Erscheinen zeugt diese Novelle von Glanz und Elend der alten Bundesrepublik - das Publikum hört noch immer gebannt zu.

In der anschließenden Diskussion geht es, auf ausdrücklichen Wunsch Walsers, nicht in erster Linie um Literatur, sondern um ein altes Nachtstudio- und Feuilleton-Thema: die deutschen Intellektuellen und die Politik.

Mit von der Partie ein ganz alter Freund Walsers, Hellmuth Karasek - von dem Dichter zuletzt nicht mehr so gut gelitten, weil der Kritiker dem Reich-Ranicki-Roman Walsers einen antisemitischen Unterton attestiert hatte. Man redete nicht mehr miteinander, ein Versuch, die beiden wieder an einen Tisch zu bekommen, scheiterte vor ein paar Monaten; Walser maliziös: "Ich möchte Herrn Karasek nicht zumuten, mit einem Antisemiten an einem Tisch zu sitzen."

Nun saßen sie also doch beisammen, Karaseks Begrüßungsworte vor der Veranstaltung - "Hallo, Martin" - erwiderte der sandalenbewehrte Walser mit "Duzen wir uns?" Doch als sie dann vor Publikum miteinander sprachen, gab es plötzlich gar nichts anderes mehr als das uralte Du. Es war fast, wie es früher wohl gewesen sein muss. Die beiden neckten sich, pflegten den Dissens, lenkten ein, wenn es hätte kritisch werden können und tauschten Gesten liebevollen Grantelns aus.

Karaseks Versuche, ein (selbst)kritisches Licht auch auf die politischen Narreteien deutscher Intellektueller fallen zu lassen, prallten an Walser ab: Wie immer schon sieht er sich als absolute Ein-Mann-Person, unpolitisch obendrein, mit Tendenzen könne und solle man ihm nicht kommen.

Ob die Dauerkritik am Muff der Adenauerzeit vielleicht doch überzogen war, schließlich wurde da die Grundlage für eine ziemlich haltbare Demokratie gelegt? Walser antwortet, wie nur er das kann: "Muff", "Muff" - was sei das denn, er kenne so etwas nicht; alles, was er geschrieben habe, komme aus dem vollen, ganzen Leben.

Und natürlich wurde es am Ende eine streitlose Diskussion über das deutsche Elend und das deutsche Glück. Unbegreiflich heute, dass die Wiedervereinigung einmal als Gefahr für den Frieden gesehen wurde - und ein Wunder, dass sie dann so unblutig, so selbstverständlich kam. Walser, der sich nie hatte bereit finden können, Thüringen oder Sachsen als Ausland zu sehen: Das sei das größte Glück seines Lebens. Ob er zufrieden sei mit seinem Deutschland, ob es so etwas wie einen "deutschen Frühling" gegeben habe? Oh ja, sagte er, fast im Ton der Lobpreisung, der sonst gar nicht seine Sache ist. Der Applaus des Kulturpublikums zeigte: Die Botschaft hat sich herumgesprochen.

Exklusiv zum Geburtstag der Bundesrepublik: Die Redaktion der WELT-Gruppe hat die 25 wichtigsten Autoren der deutschen Literatur seit 1949 ausgewählt und in dieser einmaligen Buchreihe versammelt. Schauen Sie hier, welche Klassiker, Bestseller und Geheimtipps dabei sind.