Von einer „echt industriellen Strategie, die den europäischen Zeichentrickfilm auf dem Weltmarkt durchsetzen möchte“, war im Katalog zum jährlichen „Cartoon Movie“-Treffen von Europas Trickfilmer in Babelsberg zu lesen. Letzte Woche fand es statt. Besonders der Vorführung des um Jahre verzögerten Großprojekts „Happily N’ever After“ hatten die Teilnehmer entgegengefiebert. Es wurde aus einem von der Dresdner Bank offerierten Fonds finanziert, in den 1500 Premium-Kunden eingezahlt hatten und soll 30 Millionen Euro gekostet haben.

Im Januar in den USA gestartet, die Kritiken waren nach einem befriedigenden ersten Wochenende teilweise vernichtend. Aber der Film ist besser als sein Ruf. Die (im Verlauf der Produktion von 2D- auf 3D-Animation umgestellte) Geschichte von Munk und Mambo, zwei Zauberlehrlingen, die die Welt der Kinder- und Hausmärchen derart auf den Kopf stellen, dass das Böse (Stiefmutter, Hexen und Trolle) über das Gute (Aschenputtel) zu triumphieren droht, ist annehmbar, solides Mittelmaß. Damit wäre auch „Cartoon Movie 2007“ passabel umschrieben.

Wo bleibt der Gegenwartsbezug?

Innovative Konzepte, Gegenwartsbezug angesichts eines veränderten soziokulturellen Hintergrunds des überwiegend jungen Zielpublikums: Fehlanzeige. Dafür jede Menge Alt- und Hausbackenes, angeblich „Bewährtes“ und Reste von gestern, die die „vereinte Kraft der europäischen Kulturlandschaft“ ausdrücken sollen. Dabei sind jene Projekte, die umgesetzt werden, europaweit wenig erfolgreich und laufen meist nur im Ursprungsland passabel. Jüngstes Beispiel: Luc Bessons „Arthur und die Minimoys“.

Angesichts der hässlichen Entlein und sprechenden Schweine, missgebildeter spanischer und deutscher Vampire, Zombie-Western-Trash, nordischer Götter, animierter Skelette und vereinzelter utopischer Sujets wie dem vom Super-Luftschiff „Levante“ oder schwarzen Schafen auf dem Mond ist so manches in Entwicklung, aber nicht unbedingt Neues.

Natürlich eignen sich digital animierte Figuren besser für einen crossmedialen Einsatz zwischen Mobiltelefon und Computer-Spiel als Geschauspielertes, doch darf man die Form nicht vom Inhalt trennen, der von durch das schnelllebige Netz verwöhnten Nutzern erwartet wird; unter den in Babelsberg vorgestellten französischen Projekten böte sich da die anime-inspirierte Cybersurgery-Welt von „Citeria“ an.

Tomi Ungerers "Drei Räuber"

Immerhin waren diesmal die deutschen Präsentationen die erfrischenden. Thilo Graf Rothkirch („Der kleine Eisbär“, „Lauras Stern“) stellte sein neues Projekt „Dodo“ vor, die Geschichte eines kleinen, Geige spielenden Orang-Utan-Jungen (Kinostart: Dezember). Tomi Ungerers „Drei Räuber“, der erste Film der Berliner Animation-X (Start: Oktober), wirkte dank Regisseur Hayo Freytag frischer als bei der ersten Präsentation vor einem Jahr. Leider nicht vertreten war Michael „Bully“ Herbigs für Juli annoncierte 3D-Heimatfilmparodie „Lissi und der wilde Kaiser“. Und wann „Happily N’ever After“ hierzulande starten soll, steht noch nicht fest. Es gibt noch keinen deutschen Verleih.

Disney, fast auf dem Wege zur Vergreisung, hat inzwischen mit John Lasseter einen neuen Kopf bekommen. Werden sich auch in Europa engagierte Produzenten und wagemutige Kreative finden, die nach Sandmännchen und zeitweise wirklich erfolgreichen Vorschulfilmen echtes Family Entertainment etablieren (denn davon träumen sie doch alle)? Wer über den Tellerrand hinaussieht, wird auch im eigenen Land wahrgenommen. Wer nur auf Nummer sicher verfilmt, was er mal in seiner Kindheit gelesen hat, landet in der Gruft des „Gespenstes von Canterville“ – wie nicht anders zu erwarten als aufwändiges 3D-Projekt bei Cartoon Movie vertreten.