Strafrecht

Gregor Gysi würde gern den Teufel verteidigen

Manchmal haben Anwälte Lieblingsmandanten. Im Falle des Links-Politikers und Anwalts Gregor Gysi wäre es niemand geringeres als Satan persönlich. Zumindest wenn es um die Verteidigung prominenter Kunstfiguren geht.

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Gregor Gysi moderiert als juristischer Berater im Fall Richard Wagner am heutigen Donnerstagabend um 22.30 Uhr im Berliner Schiller-Theater. Dort, wo am Sonntag "Die Walküre“ mit Daniel Barenboim Premiere hat. Gysi wird den "Ring des Nibelungen“ aus Sicht des deutschen Strafrechts beurteilen, dazu sollen Wagner-Opern in leicht gekürzter Fassung für Bratschenquartett vorgestellt werden. Volker Blech befragte den Juristen.

Morgenpost Online: Was genau haben Sie als Jurist an Wagners Opern untersucht?

Gregor Gysi: Ich muss schon zugeben, es haben mehr andere untersucht als ich, aber ich habe deren Texte bekommen und finde sie ausgesprochen witzig. In Wagners Opern geht es um Ehebruch, um Blutschande, um Totschlag, es geht um Anstiftung zum Totschlag. Mit anderen Worten, es stellt sich schnell heraus: Die Kunst lebt von der Leidenschaft, aber auch vom Verbrechen.

Morgenpost Online: Wer müsste im "Ring des Nibelungen“ mit der größten Strafe des Gesetzes rechnen?

Gregor Gysi: Das ist so genau nicht zu sagen, weil die Strafzumessung von den einzelnen Punkten abhängt. Ich finde es beispielsweise spannend, dass Siegmund und Sieglinde Geschwister sind. Das ist ein Fall von Blutschande nach Paragraf 173 StGB. Es erinnerte mich daran, das vor kurzem zwei Erwachsene, die sich auch erst als Erwachsene kennengelernt haben, und bei denen sich herausstellte, dass sie Geschwister sind, wegen Blutschande verurteilt wurden. Besser gesagt, er ist dafür verurteilt worden. Die Beiden haben sogar zusammen Kinder. Der Fall ging bis zum Bundesverfassungsgericht – und es blieb beim Paragrafen der Blutschande. Das ist doch spannend, dass das schon bei Wagner vorkommt. Wir könnten natürlich auch die Totschlagsvarianten im "Ring“, die natürlich schlimmer sind, durchgehen. Im Kern finde ich an diesem Programm witzig, dass man auf der einen Seite die Musik hört, vom Drama erfährt, und dann kommt so einer und bespricht ganz kühl die strafrechtliche Seite des Geschehens.

Morgenpost Online: Geht bei Wagner jemand straffrei aus, jemand, den wir ins Herz schließen können?

Gregor Gysi: Ins Herz schließen kann man auch Leute, die nicht straffrei ausgehen. Ich bitte Sie, so einseitig darf man da nicht herangehen. Um ein anderes Beispiel zu wählen, ich mag ja den Faust – aber was der für Straftaten begeht. Wenn ich da nur an das 14-jährige Mädchen erinnere. Das gehört zur Literatur, zur Musik. Die Kunst lebt vom Drama.

Morgenpost Online: Wer wäre unter den literarisch-musikalischen Figuren Ihr Lieblingsmandant, den Sie gerne verteidigen würden?

Gregor Gysi: Eine intellektuelle Herausforderung wäre natürlich der Faust, aber ich muss zugeben, dass ich dann lieber Satan verteidigte. Da ist es so eindeutig, und es macht ja mehr Spaß, einen richtigen Gauner zu verteidigen, als jemanden, der es gar nicht so richtig ist.

Morgenpost Online: Nun ist Wagner alles andere als spaßig, zumal seine Musik später auch von den Nazis missbraucht wurde. Es gibt zwei Denkrichtungen: Die einen, wie der Dirigent Daniel Barenboim, wollen Wagners privaten Antisemitismus von seiner Schöpfung trennen, andere glauben, dass Hitler letztlich Wagners Opern zu Ende fantasiert hat. Wäre Wagners "Ring“ ein Fall für den Internationalen Gerichtshof?

Gregor Gysi: Nein, zweifellos nicht. Natürlich war er ein schlimmer Antisemit, wobei ich glaube, das hatte mehr mit Konkurrenzgründen zu Mendelssohn Bartholdy und anderen zu tun. Das andere ist, alle seine Äußerungen machte er im Jahrhundert davor. Ich weiß nicht, wie Wagner reagiert hätte, wenn er die Nazidiktatur erlebt hätte. Man darf niemandem etwas unterstellen, der in einer anderen Zeit gelebt hat. Trotzdem müssen wir seinen Antisemitismus verurteilen, aber er hat der Menschheit eine wunderbare Musik hinterlassen. Wenn ich etwa an "Tristan und Isolde“ denke, und es wäre absolut dumm von uns, wenn wir auf diese Musik verzichteten. Man soll es nur wissen, man soll es nicht leugnen. Das ist nicht zu trennen. Das macht übrigens Daniel Barenboim auch gar nicht. Er sagt in Israel immer, wir überwinden den Antisemitismus, wenn wir Wagner spielen. Die anderen sagen, man darf ihn nicht spielen. Und er sagt, im Gegenteil, wir sind da souveräner: Wir wissen, Wagner war Antisemit, aber es ist schöne Musik. Und gerade wir spielen sie. Die Herangehensweise von Daniel Barenboim überzeugt mich.