"Morgenpost Online": Sarah, Du bist dafür bekannt, dass Du gerne austeilst. Wie fühlt es sich an, wenn man zur Abwechslung was auf die Nase bekommt?
Sarah Kuttner: Du spielst bestimmt darauf an, dass ich für die neue 3sat-Reihe über Rollenklischees gegen Weltmeisterin Ina Menzer geboxt habe. Ich habe natürlich dafür gesorgt, dass ich nichts auf die Fresse kriege. Darum ging es ja auch nicht, sondern darum, Boxtechniken zu lernen. Im Übrigen habe ich durchaus Nehmer-Erfahrungen. Ich habe auch schon ein paar Mal Männer, Freunde oder Geld gehen lassen müssen. Manchmal fällt man auf die Fresse. Da muss man durch.
"Morgenpost Online": Für eine 3sat-Reihe über Rollenklischees hast Du auch gestrippt oder eine Nacht lang im Kloster geschwiegen. Was war schwieriger?
Sarah Kuttner: Strippen. Schweigen ist total einfach.
"Morgenpost Online": Auch für Dich?
Sarah Kuttner: Ja, klar. Ich kenne dieses Vorurteil, das hat einen langen Bart. Es ist nun mal mein Beruf zu reden. Man kann einem Metzger auch nicht vorwerfen, dass er Fleisch zerteilt. Abends macht er was Anderes. Insofern ist es mir auch nicht schwergefallen im Kloster zu schweigen.
"Morgenpost Online": Warum war Strippen schwieriger?
Sarah Kuttner: Weil ich nicht sicher war, wie ich das umsetzen wollte – ernsthaft oder überdreht ironisch. Das eine wäre mir viel zu intim gewesen, das andere zu einfach. Am Ende habe ich vor Schreck eine unbefriedigende Mischung aus ironisch und ernsthaft gemacht. Mir war das einfach sehr unangenehm.
"Morgenpost Online": War das das Ziel dieser Rollenspiele, dem Zuschauer zu zeigen, was passiert, wenn man versucht, eine Rolle auszufüllen, die gar nicht zu einem passt?
Sarah Kuttner: Stimmt. Es geht darum, Sachen zu testen, die nicht typisch für uns sind, die Männern und Frauen aber auf die Mütze geschrieben sind. Daran zu scheitern, das fanden wir spannend.
"Morgenpost Online": Markus, wie hat Dir die strippende Sarah gefallen?
Kavka: Gar nicht. Das ist ja so das klassische Vorurteil: Man(n) muss einmal im Puff gewesen sein oder wenigstens einmal in der Tabledance- oder Stripbar. War ich nicht, weil ich das total unsexy finde.
Sarah Kuttner: Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, sich vor dem Partner auszuziehen. Aber in meiner Welt reichen dafür auch minimalistische Bewegungen und ein schwarzer Baumwollschlüpper. String-Tangas durch die Beine durchzuziehen und Federboas durch die Luft zu wirbeln, das turnt voll ab.
Kavka: Mich bringt so etwas eher zum Lachen. Ich stehe auch gar nicht auf den Typ Unterwäsche, den man in der Strip-Bar trägt. Es geht doch darum, der Dame zielstrebig, aber würdevoll aus der Wäsche zu helfen.
"Morgenpost Online": Du hast für die Serie Cowboy gespielt und Unterricht bei einer Tangotänzerin genommen. Musste Dir 3sat dafür Schmerzensgeld zahlen?
Kavka: Also, beim Cowboyspielen habe ich fast überlegt, ob ich da was einklagen sollte. Mir tat danach alles weh. Ich bin tagelang noch o-beinig gegangen. Unterm Strich war es aber ein lustiger Tag. So etwas hätte ich sonst nie gemacht.
"Morgenpost Online": Schon gar nicht Tango gelernt?
Kavka: Auf gar keinen Fall. Ich bin der Typ Alleintänzer, zum Tango wäre ich freiwillig nie hingegangen.
Sarah Kuttner: Du warst bezaubernd. Ich hätte Dich auf der Stelle weggeheiratet. Man hätte die Unsicherheit ja auch ironisch überspielen können. Du aber hast Haltung gezeigt.
"Morgenpost Online": Auf jeden Fall war es ein symbolträchtiges Bild: Der moderne Mann führt nicht mehr, er lässt sich schieben – und er steht dazu.
Kavka: Ich hatte gar keine andere Wahl, weil ich blutiger Anfänger bin. In solch einer Situation rutscht mir schon mal gerne das Herz in die Hose. Dieses Tänzchen hatte ja auch eine erotische Komponente. Und ich bin alles andere als ein Draufgänger.
"Morgenpost Online": Die Männer ringen gerade um ihr Selbstverständnis. Der Macho ist out, das Weichei war nie richtig in. Wo stehst Du selber?
Kavka: Ich habe verschiedene Phasen durchgemacht. Los ging es mit meiner diplomierten Metrosexualität in den 90er-Jahren als Gothic-Freak, wo viel Make-up aufgetragen wurde. So etwas geht über die Optik hinaus und setzt sich auch in Beziehungen fort. Ich wusste lange nicht, wie ich mich positionieren sollte. Früher wollte ich meine Freundin in erster Linie glücklich machen und habe dafür für einiges verzichtet, sogar auf die „Sportschau“. Ab einem gewissen Punkt war ich dann für die Frau aber nicht mehr interessant.
Jetzt, im hohen Alter von 43 Jahren, kann ich sagen, dass ich eine Beziehung gefunden habe, in der ich meinen Freiraum bewahren kann. Ich glotze auch mal drei Tage nacheinander die Champions League im Fernsehen. Dafür gucke ich im Kino auch mal „Sex & City, Teil II.“
"Morgenpost Online": Wow, das machen nicht viele Männer.
Kavka: Ich wurde auch komisch angeguckt, weil ich fast der einzige Typ war.
Sarah Kuttner: Aber Du guckst auch „Germany‘s Next Top Model“, oder?
Kavka: Ja, ich finde das Format ganz unterhaltsam. Dazu kommt: Meine Freundin ist Model-Bookerin. Die guckt die Sendung aus beruflichen Gründen. Es macht mir genauso viel Spaß, meine Freundin dabei zu beobachten, wie sie diese Sendungen guckt.
"Morgenpost Online": Sarah, könntest Du Dich in einen Mann verlieben, der die „Top Models“ guckt?
Sarah Kuttner: Natürlich! Mein Freund guckt all das mit mir. Im Grunde totaler Mist, aber es macht eben doch irrsinnigen Spaß, die doofen Mädels oder die doofe Heidi gemeinschaftlich zu hassen. So was darf man nicht alleine gucken. Das Gleiche gilt auch für die „Popstars“ und „DSDS“, ich ziehe das knallhart durch. Ich ticke meinen Freund dann an und sage: „Die finden wir doof.“
"Morgenpost Online": Und was sagt er?
Sarah Kuttner: War das nicht die, die wir gut fanden?
"Morgenpost Online": Es bringt uns zu der Frage, zu der schon Herbert Grönemeyer 1984 nur Klischees einfielen: Wann ist ein Mann ein Mann?
Sarah Kuttner: Ich finde entscheidend, dass man mit sich selber im Reinen ist. Dass die eigenen Bedürfnisse und die des Partners beachtet werden, ist wichtig. Ein Mann darf sich nicht aufgeben, um seiner selbst willen nicht und auch, weil Frauen daran gar kein Interesse haben. Wir wollen stark sein, aber auch einen starken Partner haben.
"Morgenpost Online": Markus, entspricht Sarah Deinem Bild von der Traumfrau?
Kavka: Ja, ich schätze es sehr, wenn Frauen selbstbewusst sind und ihren Platz im Leben gefunden haben und sich nicht darüber definieren, einem Mann zu gefallen. Heimchen finde ich total unsexy. Deswegen verstehen wir uns ja auch so gut, weil ich Sarah auch als Frau super finde.
"Morgenpost Online": In der Serie wirkt Ihr fast wie ein verliebtes Paar.
Sarah Kuttner: Wir kennen uns auch schon seit acht Jahren. Vermutlich sollten wir irgendwann mal heiraten (lacht).
"Morgenpost Online": War das Eure Idee, diese Serie gemeinsam zu drehen?
Sarah Kuttner: Eine Produzentin hatte die Idee, und sie hat mich gefragt. Gesucht wurde noch ein Typ. Mir wäre dazu gar kein anderer als Markus eingefallen.
"Morgenpost Online": Die Serie will aufzeigen, welche Anforderungen die Gesellschaft an Männer und Frauen stellt. Wer von beiden steht stärker unter Druck?
Kavka: Meine Jobs für diese Serie waren körperlich anstrengender und gefährlicher. Ob Männer aber in der Gesellschaft mehr leisten müssen, die Frage kann ich nicht beantworten.
Sarah Kuttner: Ich bin in einem sehr emanzipierten und intellektuellen Haushalt groß geworden. Ein modernes Rollenverständnis war für mich immer eine Selbstverständlichkeit, daher habe ich persönlich nie Druck verspürt.
"Morgenpost Online": Der Stress kommt noch, wenn Ihr Kinder habt.
Sarah Kuttner: Das glaube ich, aber so weit sind wir ja noch nicht.
"Morgenpost Online": Das am weitesten verbreitete Klischee habt Ihr überhaupt vergessen, das Heimchen am Herd.
Sarah Kuttner: Das war uns nicht spektakulär genug. Wer will das sehen: Sarah beim Kochkurs?
"Morgenpost Online": Oder eben Markus. Oder teilt Ihr die Einschätzung von Alice Schwarzer, dass Frauen immer noch das unterdrückte Geschlecht sind?
Markus: Na ja, es ist ja erwiesen, dass Frauen weniger verdienen und nicht so oft in Spitzenpositionen sitzen wie Männer. Von Gleichberechtigung kann da keine Rede sein.
Sarah Kuttner: Ich will ja nicht zur Geduld mahnen, aber wenn man sich eine TV-Serie wie „Mad Men“ über die 60er-Jahre ansieht, dann merkt man, dass seither schon ganz schön viel passiert ist. Da gibt‘s tolle Frauen, aber die mussten in erster Linie schön aussehen und Getränke servieren.
"Morgenpost Online": Als Moderatorin bei VIVA und MTV hast Du die Hoffnung genährt, da wachse eine neue Generation von frechen, selbstbewussten TV-Frauen heran? Wo ist die Aufbruchstimmung geblieben?
Sarah Kuttner: Ich glaube schon, dass sie noch da ist. Deswegen hat jemand wie Lena Meyer-Landruth den Grand Prix gewonnen. Weil sie auf natürliche Art hübsch ist und einen Knall hat. Weil sie sagt, was sie denkt. Aber vielleicht gibt es nicht so viele von ihrer Sorte. Und trotz eines Bedürfnisses nach solchen Typen ist das Fernsehdeutschland immer noch ängstlich und engagiert doch lieber die Stromlinienförmigen, weil die mehr Leute ziehen.
"Morgenpost Online": In einem Interview hast du neulich gesagt, den neuen Sarah Kuttners wünscht Du „steinharte Eier in der Hose“. Kann es sein, dass das Fernsehen Geschlechterklischees doch eher zementiert?
Sarah Kuttner: Nein, diese steinharten Eier sind ja nur eine Metapher für die Fähigkeit, sich durchzuboxen. Du hast im Fernsehen lange Durststrecken, und Du kriegst Sachen angeboten, die zwar gut bezahlt werden, die aber großer Mist sind. Und um die abzulehnen, brauchst Du harte Eier. Am Ende willst Du ja stolz sein auf das, was Du gemacht hast.
Ab Donnerstag, 25. November (22.25 Uhr) zeigt 3sat die vierteilige Reihe „Frau Kuttner & Herr Kavka“.







