Berlin-Konzert

Laut und einfach - die Toten Hosen in der Wuhlheide

Von den Jungs aus der Opel-Gang ist nicht mehr viel geblieben. Und mit Punk hat die Musik der Toten Hosen im Jahr 2009 auch nicht mehr viel zu tun. Doch die Fans sind glücklick, wenn sie die Hits von Campino & Co. von der ersten bis zur letzte Strophe mitsingen können.

Foto: Promo

Sie waren mal die Jungs von der Opel-Gang. Das war 1982. Damals stand das Land unter dem Einfluss der Neuen Deutschen Welle, vor allem in Düsseldorf, wo die Toten Hosen zuerst nicht ins Bild zu passen schienen. Sie waren Nachzügler des Punkrock, hatten einen Autofimmel und schrieben brüllend komische Lieder über harte Alkoholgetränke. Aber ausgerechnet diese Band hat den Wirbel der damaligen Zeit überlebt. Mehr noch, sie ist mittlerweile sogar eine nationale Rock-Institution. Vor wenigen Monaten erst erhielten die Toten Hosen den Musikpreis „Echo“ als beste deutsche Live-Band. Ihre Tournee, die im November begann und kurz vor Weihnachten enden soll, ist seit langem restlos ausverkauft. Auch für das Konzert in der Kindl-Bühne Wuhlheide waren keine Karten mehr zu bekommen.

Punk war mal eine Musik der Außenseiter, der schrillen Typen und Dilettanten. Das, was die Toten Hosen heute daraus machen, ist ein Massenspektakel für alle Generationen. Fans der ersten Stunde sind in der Wuhlheide keineswegs in der Mehrheit. Vereinzelt sieht man ganze Familien. Offensichtlich können sich auch viele junge Leute für die Musik von Männern begeistern, die schon lange im Geschäft sind und langsam älter werden. Was nicht heißt, dass an den Toten Hosen der Zahn der Zeit nagt. Sie rocken noch lauter als früher, weshalb man am Eingang zur Sicherheit Ohrenstöpsel verteilen lässt.

Nahezu alle Lieder kulminieren in einem brachialen und zugleich simplen Refrain, der sich förmlich ins Hirn hämmert. Das kann schon zermürben, wenn man dem auf Dauer ausgesetzt ist. In „Nur zu Besuch“ steckt ein nachdenkliches Moment, sonst kennt die Band lange Zeit kein Halten, setzt sie die Leute mit voller Wucht unter Strom.

Im Mittelpunkt der Show steht Sänger und Philanthrop Campino. Er rüffelt vor ihm platzierte Ordner, wenn sie zu energisch zupacken. Er weist auf wohltätige Einrichtungen hin und warnt vor rechter Gesinnung. Nur wenn es um Modemessen geht, kennt er keine Toleranz. Schon damals, zu Zeiten der Opel-Gang, attackierte er die sorglose Schickeria in der „Modestadt Düsseldorf“. Heute stänkert er merklich angewidert in Richtung „Bread & Butter“. Oder meint er die Fashion Week Berlin? „Wir stehen da nirgends auf der Gästeliste, also bleiben wir noch ein bisschen hier, wenn es recht ist“, bietet Campino an, sehr zur Freude der Zuhörer.

Aber der Frontmann hat auch andere Vorlieben. Mit Sehnsucht in der Stimme erzählt er von Kreuzberger Absturzläden in den Achtzigern, bevor die Band das aus dieser Zeit stammende „Liebeslied“ anstimmt. Neuerdings verabschiedet sich Campino auch gern mal aus Kneipen und Stadien. Vor drei Jahren konnte man ihn im Admiralspalast bei der Aufführung von Brechts „Dreigroschenoper“ in der Rolle des „Mackie Messer“ erleben. An diesen Flirt mit der Hochkultur erinnert in der Wuhlheide der erste und sehr gelungene Zugabenblock, bei dem man die elektrischen Gitarren zur Abwechslung ausstöpselt und Gäste an Cello, Akkordeon und Keyboards zum Zug kommen lässt. Mit einer Version von „Guns Of Brixton“ bedankt sich die Band bei den englischen Punk-Pionieren von The Clash für die Inspiration. Das Trinklied „Bommerlunder“ beginnt mit Bossa-Nova-Rhythmus und Trompete.

Viele Hits der Toten Hosen waren zu diesem Zeitpunkt schon gespielt – die jüngste Single „Strom“, „Bonnie & Clyde“, „Steh' auf, wenn Du am Boden bist“ und „Hier kommt Alex“. Aber die Band muss immer wieder Extraschichten schieben. Erst eine Stunde vor Mitternacht sieht das unersättliche Publikum ein, das der phonstarke Krawall, den es so liebt, irgendwann ein Ende haben muss.